Magistrat mit poetischer Ader

Vermischtes
Tirschenreuth
02.06.2016
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Wie der Stadtmagistrat vor 100 Jahren ein Verbot mit Bußgeldandrohung, ohne unverständliches Amtsdeutsch, an seine Mitbürger richtete, beweist eine Anzeige im Tirschenreuther Volksboten.

Von Eberhard Polland

1916 waren in der Stadt die "fahrbaren Untersätze" nur besser gestellten Personen vorbehalten. Die wenigen Autobesitzer konnte man an einer Hand abzählen und Fahrräder waren noch teuer und konnten sich nur wenige leisten. Der einfache Bürger suchte deshalb Erholung "auf Schusters Rappen"; er ging zu Fuß.

Nach dem sonntäglichen Kirchgang und dem traditionellen Mittagessen mit "Spotzen" und Schweinebraten, schlüpfte man in die Freizeitkleidung und durchstreifte mit Frau und Kindern die Natur. Beliebte Wanderziele waren die große und kleine Teufelsküche, der Wolfenstein oder das Gebiet um den Rothenbürger Weiher. Nicht immer hielt man sich an die ausgeschilderten Wanderwege. Sehr zum Ärgernis der Landwirte wurden auch nicht selten saftige Wiesen und reife Kornfelder zertrampelt. Die angerichteten Flurschäden waren nicht unerheblich. Im Kriegsjahr 1916, in dem die Lebensmittel eh schon knapp geworden waren, beschloss der Tirschenreuther Stadtmagistrat mit seinem Bürgermeister Alois Fellner an der Spitze, für uneinsichtige Spaziergänger ein Bußgeld einzuführen.

Verständliche Warnung


Fellner und sein Amtsrat Franz Heldmann stellten ihre poetische Ader unter Beweis und ließen im Tirschenreuther Volksboten folgende für jedermann gut verständliche Warnung veröffentlichen: "Das liebe Vieh braucht Futter, und Brot das Vaterland, das ist so klar wie Butter, wird selbst vom Rind erkannt. Drum tritt nicht auf die Wiesen, du schadest in der Tat, sonst musst du dafür büßen: Fünf Mark. Der Magistrat."

Angeregt durch die Dichtkunst der Stadtoberen stellte ein Bauer von der Ziegelhütte, dessen Getreide schon des Öfteren unter den Tritten von Spaziergängern gelitten hatte, ebenfalls eine Tafel auf: Das hier ist Korn, Du Ochsenhorn, Der Mensch soll es genießen, Drum tritt es nicht mit Füßen."

Vielleicht findet ja diese Art von Busgeldandrohung bei der Stadt heute wieder Gefallen.
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