Nach dem Brand frisch angezapft

Die rauchenden Überreste der Anwesen Kellner und Eckmeyer, im Hintergrund die stehengebliebenen Reste des Wirtshauses: Dieses historische Foto von 1916 stammt aus dem Archiv von Adalbert Busl. Repro: wro
Vermischtes
Tirschenreuth
23.09.2016
171
0
 
Die Alte Schulstraße heute: Von links der "Kellnerhof", zu Zeiten des Brandes im Besitz von Metzgermeister Ambros Eckmeyer - dort zündelten damals die Kinder - , darüber die Pfarrkirche St. Michael, daneben spitzt das alte Brauereigebäude hervor, vorne rechts das Anwesen Alte Schulstraße 5, vor 100 Jahren im Besitz von Schreinermeister Johann Weiß. Bild: wro

Wenn die Katastrophe da ist, sind auch die Feuerwehrleute da. Das war schon vor 100 Jahren so. Allerdings kämpften die Retter damals unter erschwerten Bedingungen.

Vor 100 Jahren, am Sonntag, 25. Juni 1916, fand in Tirschenreuth bei herrlichem Sonnenschein das damals übliche zweite Fronleichnamsfest statt. Wie bereits vier Tage vorher waren Häuser und Straßen festlich geschmückt. Die Prozession nahm vor der Stadtpfarrkirche Aufstellung und setzte sich über die Hospitalstraße zum Luitpoldplatz in Bewegung. Nach dem ersten Evangelium bei der Klosterkirche führte der Weg über die Schlossstraße, heute Hörmanngasse, zum Stadtplatz. Als die Prozession beim dritten Evangelium vor dem Haus des Bankiers Zahn angekommen war, ertönte plötzlich Feueralarm.

Bei der Polizeistation im Rathaus war eine Meldung eingegangen, dass in Wiesau, neben der Kirche, mehrere Gebäude in Flammen stehen und der ganze Ort gefährdet sei. Die Feuerwehrmänner, die sich an der Prozession beteiligt hatten, eilten sofort nach Hause und schlüpften in ihre Löschanzüge. Anschließend versammelten sie sich am Requisitenhaus hinter dem Rathaus und machten mit geübten Griffen den Spritzenwagen zur Abfahrt bereit. Auf einen Mannschaftswagen, der für den Transport der Männer bestimmt war, luden sie zusätzlich Schläuche, Seile und Leitern. Es verging jedoch noch wertvolle Zeit, bis endlich ein zweites Pferdegespann beschafft werden konnte. Dann endlich machte sich die Löschmannschaft in rasanter Fahrt auf den 18 Kilometer langen Weg nach Wiesau. Nach gut zwei Stunden über teils holprige Wald- und Wiesenwege trafen die wackeren Wehrmänner am Brandplatz ein.

Feuer tobt zwei Stunden


Ein ausführlicher Bericht über das Brandunglück erschien am darauffolgenden Tag im Tirschenreuther Volksboten: "Schweres Unglück brachte der gestrige Sonntag über Wiesau. Gegen ¾ 9 Uhr Vormittag, kurz vor Beginn des Sonntagsgottesdienstes, schlugen plötzlich lodernde Flammen aus der Scheune des Herrn Metzgermeisters Eckmeyer gehörigen sogenannten Kellnerhauses. Die Glocken der Pfarrkirche, die eben die frommen Beter zum Gottesdienst rufen wollten, riefen stattdessen um Hilfe gegen das rasende Element, welches mit unheimlicher Schnelligkeit um sich griff.

Bald standen auch der Stadel des Herrn Schreinermeisters Weiß und das ganze, schöne Brauereianwesen ,Zum Weißen Rössl' des sogenannten Steffelwirts, Herrn Mayer, in Brand. Auf diesem nahezu 3000 Quadratmeter großen Brandkomplex wütete das entfesselte Element nahezu zwei Stunden und fast schien es, als ob noch eine Anzahl anderer Anwesen ebenfalls der Vernichtung anheimfallen sollte.

Sogar Kirche bedroht


Der neue Pfarrhof und die Kirche waren infolge des herrschenden Windes stark bedroht, doch gelang es den wackeren Feuerwehren von Wiesau und Umgebung, unter großen Anstrengungen, ein weiteres Ausbreiten des Feuers zu verhindern. Bereits um halb 11 Uhr galt dank der umsichtigen Leitung des Herrn Bürgermeisters Konz die Gefahr für die Nachbaranwesen beseitigt, dagegen waren sämtliche Ökonomie- und Brauereigebäude ein Raub der Flammen geworden. Die stattlichen Scheunen waren brennend und krachend eingestürzt, die mit den neuesten Maschinen und Apparaten ausgerüstete Brauerei völlig zerstört und auch der obere Stock des Gasthofes nur noch ein öder Trümmerhaufen.

Gastraum verschont


Zum Glück gelang es doch, das Vieh und einen großen Teil des Brandplatzes zu retten. Auf den telefonischen Hilferuf hin, war nach und nach eine große Anzahl von Feuerwehren am Brandplatze erschienen, auch die Feuerwehr Tirschenreuth, die jedoch nicht mehr in Aktion zu treten brauchte. Herr kgl. Bezirksamtmann Heller war per Auto nach Wiesau gerollt und weilte über eine Stunde am Brandplatze. Ein großes Glück ist zu nennen, dass alle Scheunen noch ziemlich leer standen, so dass wenigstens der reiche Erntesegen erhalten blieb.

Einen gelungen Eindruck machte es, als, nachdem die größte Gefahr vorüber war, im unteren, unversehrt gebliebenen Gastlokal des lichterloh brennenden Hauses, bereits wieder ,frisch angezapft' wurde. Die Gaststube war dicht gefüllt von durstigen Seelen, obwohl der Hauseingang noch immer von einem Funkenregen und glimmenden Balken bedroht war. Sowohl oben wie unten wurde also ,gelöscht' und das ausgiebig. Über die Entstehungsursache herrscht natürlich wie immer Unklarheit, man spricht jedoch davon, dass spielende Kinder mit Feuerwerkskörpern wieder die Ursache des Unheils sind.

Im Übrigen können die Wiesauer noch von Glück reden, dass das Unglück nicht noch größere Dimensionen angenommen hatte, denn wie es in den ersten Stunden schien, war der größte Teil des Ortes gefährdet. Nachdem jetzt wieder die Zeit zahlreicher Brände ist, möge jeder die ernste Mahnung beherzigen: Gebt acht auf Feuer und auf Licht!"

Fahne gerettetIm Wirtshaus war 1916 auch die Vereinsfahne des damaligen Burschenvereins "Concordia" untergebracht. Adalbert Busl berichtet, dass Burschenvereinsmitglied Lorenz Hegen seinerzeit eine Notiz verfasst hat: " ... um 9 Uhr brach im Kellnerischen Stadel Feuer aus und konnte am Herde nicht beschränkt werden. Denn ungefähr in 10 Minuten war der Gasthof Mayer (Anmerkung: später "Zum weißen Ross", heute "Stefflwirt") ein Raub der Flammen. Aber leider Gottes in der Aufregung und der schwachen Mitgliederzahl dachte niemand an die Vereinsfahne, aber doch ein junges Bürschchen namens Georg Stock von Wiesau eilte noch in das Flammenmeer mit größtem Eifer und rettete unsere Fahne, wo wir es ihm herzlich abdankten." (wro)
Weitere Beiträge zu den Themen: Feuerwehr (1114)Brände (227)OnlineFirst (12812)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.