Sonderschau zum Thema Inklusion im Museumsquartier Tirschenreuth
Ganz schön krank

Sehr gefragt ist die Wanderausstellung des Vereins "Ganz schön krank". Nun hängen 24 Porträts von Menschen mit den verschiedensten Krankheitsbildern für einige Wochen im Museumsquartier. Bilder: as (3)
Vermischtes
Tirschenreuth
31.08.2016
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Das gebrochene Filz-Herz steht für eine Borderline-Störung.

Wer ist gesund, wer krank? Wer behindert, wer nicht? Die Grenzen sind fließend. Und jeder hat eine ganz persönliche Geschichte. Menschlich berührende Eindrücke zum Thema Inklusion verschafft die neueste Sonderschau im Museumsquartier.

Eigentlich sind es gleich drei Ausstellungen in einer. Ein besonderes Kernstück hat Organisatorin Martina Sötje, Vorsitzende der Selbsthilfegruppe Behinderte und Nichtbehinderte, an Land gezogen: 24 professionelle Fotos aus der Serie "Ganz schön krank" sind bis 9. Oktober ausgestellt.

Nach zwei Jahren gelang es den Tirschenreuthern, die Wanderausstellung zu holen. Ein gemeinnütziger Fotografie- und Kunstverein mit Sitz in Passau sammelt unter dem Namen "Ganz schön krank" neue Sichtweisen zum Thema Inklusion. "Die Tatsache, dass man ein Handicap hat, darf nicht bedeuten, dass man nicht schön sein kann", ist Gründerin Andrea Krallinger überzeugt. Sie selbst ist schwerbehindert, lebt unter anderem mit Epilepsie.

Ganz unterschiedlich sind die Krankheitsbilder der Menschen, die sich als Fotomodelle zur Verfügung gestellt haben und in der Ausstellung Einblicke in ihre Gefühlswelten geben. Von Krebs bis Querschnittslähmung, von Morbus Crohn bis Narzissmus, von Diabetes bis Multiple Sklerose, von der Psychose bis zur Hautkrankheit reicht die Palette. Nachdenklich macht auch die rote Aids-Schleife, die statt einer Fotografie neben den gedruckten Gedanken einer jungen Frau hängt: "Ich lasse mich nicht fotografieren, weil ich Angst habe, nichts mehr zu sein", äußert die HIV-Positive ihre Scheu vor vernichtenden Blicken, vor der Angst der Menschen, sie könne schon mit ihrer bloßen Anwesenheit anstecken.

Teil zwei der Ausstellung besteht aus Filzobjekten, mit denen Besucher der Tagesstätte Stiftland-Oase ihren psychischen Zuständen Ausdruck verliehen haben. Da hockt eine fette Spinne mit endlos langen Beinen zur Illustration einer Angststörung im Fenster. Darunter lässt sich ein tiefschwarzer Filz-Klecks aufklappen, die zweite Schicht dahinter ist bunt: "Mein Wesen, meine Lebendigkeit sind darunter", heißt es zur Erklärung. Daneben stellen viele Fäden die Fallstricke im Leben mit einer Zwangsstörung dar. Darüber baumelt ein Borderline-Herz aus Filz: "Mein Herz ist gebrochen, aber ich spüre den Schmerz nicht."

Bei allem Ernst der Thematik stimmt die Ausstellung dennoch froh. Dafür sorgen nicht zuletzt die Beiträge der Behinderten aus der Selbsthilfegruppe. In bunten Zeichnungen und Collagen hängen ihre "Lebensträume" an der Wand, so realistisch oder unrealistisch wie die aller Menschen: einmal ein Fernsehstar sein, in ein Baumhaus klettern, fliegen können, eine Kreuzfahrt machen, das Zauberwunschbäumchen schütteln - oder schlicht Liebe, dargestellt mit vielen bunten Herzen.

Dazu passt an der Wand gegenüber die Poesie neben der Fotografie einer jungen Frau, die an heftigen Gelenkschmerzen leidet: "Glaube an Wunder, Liebe und Glück, schau nach vorn und nicht zurück. Tu was du willst und steh dazu, denn dein Leben - das lebst nur du."

ÖffnungszeitenDie Bilder des Fotoprojekts "Ganz schön krank" sowie die Werke der Selbsthilfegruppe Behinderte und Nichtbehinderte sind bis 9. Oktober im Museumsquartier Tirschenreuth zu sehen, Dienstag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr. (as)
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