Suchtambulanz der Caritas reagiert auf steigenden Drogenmissbrauch
Crystal-Konsumenten brauchen "Hilfe sofort"

Klaus-Georg Bär. Bild: tr
Vermischtes
Tirschenreuth
08.03.2016
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Crystal Meth. Kein Tag vergeht, ohne dass Drogenfahnder im Grenzraum dieses Gift sicherstellen. Doch die Zahl der Konsumenten wächst. Auch für die fünf Drogentoten, die es in diesem Jahr bereits in der Region zu beklagen gibt, war "Speed" keine unbekannte Substanz. Wir sprachen mit Klaus-Georg Bär, dem Leiter der Caritas-Fachambulanz für Suchtprobleme.

Herr Bär, welchen Stellenwert nimmt die Droge Crystal Meth in der Beratungsarbeit ein?

Klaus-Georg Bär: Die Zahl der Crystal-Konsumenten ist in den letzten Jahren auch in der Tirschenreuther Caritas-Fachambulanz für Suchtprobleme leicht angestiegen. Die Crystal-Konsumenten machen etwa 20 Prozent der Klientel aus. Die meisten davon betreiben Mischkonsum mit anderen illegalen Substanzen und/oder Alkohol. Crystal stellt nach Alkohol und Cannabis die am häufigsten konsumierte illegale Droge dar. Heroin und LSD sind insgesamt eher rückläufig.

Dass die Droge Crystal auch in prominenten politischen Kreisen eine Rolle spielt, hat Sie das überrascht?

Der Fall Volker Beck zeigt, dass die Wirkungserwartungen von Crystal Meth zu den Phänomenen der aktuellen Leistungsgesellschaft passen. Die Wirkung ist immer abhängig von der Dosis, dem Wirkstoffgehalt, der individuellen Gewöhnung an die Droge, der Verabreichungsform sowie der körperlichen und psychischen Verfassung des Konsumenten und von seinem Umfeld. Es geht nicht nur um Spaß, Teilhaben an einer Partykultur, sondern auch um das Bestehenkönnen in der Arbeitswelt, das Leistungbringen.

Metamphetamin hat ja schon im Zweiten Weltkrieg eine Rolle gespielt. Ist Crystal die Droge des neuen Jahrtausends?

Das Medikament "Pervitin" kam bei Soldaten zur Minderung des Angst- und Schmerzgefühls zum Einsatz, außerdem steigerte es die Leistungsfähigkeit. Die Droge passt voll zum Zeitgeist und zur Leistungsgesellschaft. Alles wird verdichtet und komprimiert. Jeder will mithalten in der Beschleunigungsgesellschaft.

Sind es eher Jüngere, die in die Beratung kommen?

Crystal Meth spielt in verschiedenen Alters- und Gesellschaftsgruppen eine Rolle und ist selbst im Kontext von Familie, Arbeit und Studium anzutreffen. So treffen die Beratungsstellen nicht nur auf neue Suchtmittel, sondern auch auf potenziell "neue" Klienten. Häufige Gründe für einen Kontakt mit der Beratung, vor allem bei Jüngeren, sind juristischer Druck oder Führerscheinentzug.

Wie stellen Sie sich auf die neue Drogen-Entwicklung ein?

Crystal ist kein grenznahes Problem mehr, die Droge hat sich in ganz Deutschland ausgebreitet. Daher wird Prävention und Beratung, Hilfevermittlung, Behandlung und Nachsorge überall noch stärkere Anstrengungen erfordern. Wir wollen die Konsumenten in Verhaltensänderungen bestärken, weiterführende Hilfen vermitteln, alle relevanten Fragen vor, während und nach einer Therapie klären. Auch Angehörige können sich mit ihren Sorgen mitteilen.

Seit ein paar Monaten gibt es eine offene Sprechstunde rund um das Thema Sucht. Warum?

Jeden Dienstag von 14 bis 16 Uhr wollen wir in der Ringstraße ein niedrigschwelliges Angebot geben, ohne lange Wartezeiten und Anmeldung. Die Erfahrung zeigt, dass manchmal schon ein kurzes Erstgespräch die Klienten gut an das Beratungssystem anbindet.

Gerade zu Beginn haben viele Probleme, Termine einzuhalten. Auffallend bei Crystal-Konsumenten ist der explizite Wunsch nach "Hilfe sofort". Daher empfiehlt sich eine schnelle Terminvergabe, damit Krisen schnell begleitet werden können. Diese Phase ist oft gekennzeichnet von Stimmungsschwankungen, Motivationseinbrüchen und Suchtdruck. Dies verlangt ein besonders dichtes und stabiles Beziehungsangebot und vor allem zeitnahe Hilfe.
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