Vergessen ist keine Lösung

Volker Dittmar, Traumatherapeut an der Tagesklinik des Bezirksklinikums Regensburg, schilderte drastisch die möglichen Folgen früher Misshandlungen für die Bindung zum eigenen Kind. Bild: as
Vermischtes
Tirschenreuth
04.07.2016
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Körperliche Gewalt und seelische Verletzungen haben nicht nur für die Opfer fatale Folgen. Wenn traumatisierte Menschen selbst Kinder bekommen, sind sie oft nicht fähig, ihrem Nachwuchs eine sichere Bindung mit auf den Weg zu geben. Aber es ist möglich, den Teufelskreis zu durchbrechen.

Der Vortrag des Psychologen bei der koordinierenden Kinderschutzstelle "Koki" vermittelte erschütternde Beispiele traumatisierter Menschen - und machte dennoch Mut. "Ich mache meine Arbeit sehr gerne. Ich lerne immer noch viel von den Menschen und habe großen Respekt, wie es ihnen gelungen ist, so schwierige Lebenssituationen zu überstehen", sagte Volker Dittmar, Psychotherapeut und Traumatherapeut an der Tagesklinik des Bezirksklinikums Regensburg.

Erinnern der Schlüssel


"Wenn traumatisierte Frauen Mutter werden" lautete das Thema der Fachtagung. Vorwiegend weiblich war der Zuhörerkreis. Viele Mitarbeiterinnen der Kindergärten, Beratungsstellen und anderer Institutionen, die sich mit dem Wohl der Kinder im Landkreis befassen, hatten viele Fragen an den Referenten. Eine seiner Kernaussagen: Wenn Erwachsene unter einem Trauma leiden, sollte es möglichst bewältigt sein, wenn eigene Kinder kommen. Ein Dilemma dabei wäre, dass der Wunsch nach Vergessen sehr groß sei, das Erinnern an die Qual jedoch ein Schlüssel zur Linderung.

Volker Dittmar machte klar, dass nicht jede stark belastende Situation zu einer Traumatisierung führe. Auch Kinder hätten die Fähigkeit zur Resilienz, könnten also schwierige Dinge erleben, ohne daran zugrunde zu gehen. "Fast zwei Drittel der Kinder aus schwierigen Verhältnissen kommen ohne schwerwiegende Schäden aus der Kindheit." Andererseits sei die Rolle der Genetik erwiesen, wonach massiver früher Stress die Gehirnentwicklung bei kleinen Kindern beeinträchtige.

"Sind nicht Supereltern"


Nicht feinfühliges Verhalten der wichtigsten Bezugspersonen, die stattdessen Ärger und Wut auf das Kind äußerten, wirkten sich aus. "Wir haben alle mal einen schlechten Tag und sind nicht Supereltern", machte der Psychologe dabei klar. "Es geht um einen durchgehenden Erziehungsstil." Für eine gute Entwicklung brauche das Kind erfüllte Grundbedürfnisse wie Essen und Trinken, aber auch die Erfahrung, vor dem geschützt zu sein, was weh tut. Eine desorganisierte Bindung bedeute völlig unberechenbares Verhalten der Eltern. Unsicher-vermeidende Bindung verweigere die Nähe aus Angst vor Enttäuschung. Da könne es sein, dass eine Mutter scheinbar teilnahmslos neben ihrem weinenden Säugling sitze und in den Fernseher schaue.

Die große Frage, warum sich Mütter unbegreiflich distanziert oder aggressiv zu ihrem Kind verhalten, erhellte Dittmar mit vielen Beispielen. Etwa die Frau, die selbst schon im frühesten Alter den ganzen Tag in der Wohnung sich selbst überlassen war, teilweise in den Schrank gesperrt wurde und bald sexuelle Gewalt erfuhr. "Sie hatte keine Gelegenheit, ihr Leben selbst zu kontrollieren und entwickelte eine zweite Persönlichkeit", berichtete der Therapeut von der für Außenstehende oft bizarr anmutenden Form der Abspaltung.

"Manche Menschen müssen Dinge aushalten, die für drei oder vier Leben ausreichen würden." Dabei habe die emotionale Vernachlässigung viele Seiten: "Erwachsene lassen sich da allerhand einfallen. Sie können isolieren, terrorisieren, erniedrigen, quälen." Als eine "Höchststrafe" bezeichnete Dittmar, wenn Kinder hörten, sie hätten eigentlich abgetrieben werden sollen. Viele traumatisierte Kinder seien aus Abhängigkeit loyal, obwohl sie ihre Eltern hassten. "Ich erlebe viele Frauen, die ihren Vater im Alter pflegen, obwohl er sie sexuell missbraucht hat."

Hass auf das eigene Kind


Der Referent ermutigte die Zuhörer, traumatisierte Menschen auf dem Weg zu einer Therapie zu stärken, auch wenn man natürlich niemanden dazu zwingen könne. Jeder sei in der Regel fähig, Stress eine Zeitlang gut auszuhalten, bis irgendwann der Stecker gezogen werde. "Für manche Mutter ist es schwer, ihr Kind zu ertragen. Sie entwickelt Hass und Aggression. Das Weinen und Jammern kann an die eigene Kindheit erinnern." Auch das jeweilige Alter des eigenen Kindes könne ein Auslöser sein: "Eine Mutter war recht stabil, bis ihre Tochter zwölf Jahre alt war. Dann entwickelte sie Suizidgedanken, weil sie selbst in dem Alter vergewaltigt worden war."

Grundvertrauen verloren"Eine Traumatisierung stellt Grundüberzeugungen in Frage: dass die Welt gut und unterstützend ist, dass die Welt sinnvoll, kontrollierbar und sicher ist, dass das eigene Selbst liebenswert und kompetent ist, dass andere Menschen vertrauenswürdig sind", erläuterte der Psychologe Volker Dittmar die Definition. "Am schlimmsten wirkt sich aus, was Menschen Menschen antun und was häufiger geschieht", also sexuelle und körperliche Misshandlung, familiäre Gewalt, Folter und Krieg. Katastrophen und Unfälle könnten ebenso Auslöser für ein Trauma sein. Allerdings seien verheerende Naturereignisse wie ein Tsunami oft weniger traumatisierend, weil sehr selten: "Von den 5500 deutschen Urlaubsrückkehrern 2004 begaben sich nur 15 Prozent in eine psychotherapeutische Behandlung." (as)


Manche Menschen müssen Dinge aushalten, die für drei oder vier Leben ausreichen würden.Psychologe Volker Dittmar
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