Verhandlung über tödlichen Unfall
„Dann steht er da, der Mensch“

Nach dem tödlichen Unfall im August 2015 sichern Beamte Spuren. Der Verursacher steht jetzt in Tirschenreuth vor Gericht. Archivbild: Grüner
Vermischtes
Tirschenreuth
06.10.2016
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Ein tödlicher Unfall, „der einen ganzen Ort durcheinanderbringt“. Eine Spurensuche im Gerichtssaal, die offenbart: Alkohol, verzerrte Wahrnehmung und fortgesetzte Regelverstöße führen zum Tod eines Fußgängers.

„Sie sind Zuhörer, auch wenn es schwer zu ertragen ist“, muss Amtsgerichtsdirektor Thomas Weiß an diesem Verhandlungstag nur einmal eingreifen. Kurze Unruhe, als wieder ein Zeuge im Bauwagen, dem Treffpunkt junger Männer umliegender Ortschaften, nur Spezi getrunken haben will. „Nur mein Bub soll Bier getrunken haben“, winkt der schwer mitgenommene Vater des Unfallverursachers ab.

Die Zeugen: ehemalige Freunde und Bekannte des Angeklagten, dem eine Reihe von Vergehen vorgeworfen werden. Neben fortgesetztem Fahren mit dem unversicherten Motorrad ohne Fahrerlaubnis, ohne Licht und unter Alkoholeinfluss wiegt am schwersten: Der 33-jährige Monteur überfährt in der Nacht des 2. August 2015 auf der Staatsstraße zwischen Griesbach und Redenbach einen Fußgänger mit seiner Geländemaschine, zerrt den wohl leblosen Körper in den Straßengraben, versucht die Unfallspuren zu beseitigen und fährt nach Hause.

Der Richter führt unaufgeregt durch die detailgenaue Rekonstruktion der Unfallnacht. Nur einmal macht er einem Zeugen unmissverständlich klar, dass er seine Aussage für nicht glaubwürdig hält: „Sie treffen ihn regelmäßig und reden nicht über einen Unfall, der den ganzen Ort durcheinanderbringt?“ Der Monteur scheint der einzige der Bauwagen-Clique zu sein, der noch Umgang mit dem früheren Kumpel pflegt. „Sie müssen hier die Wahrheit sagen“, dringt der Richter in ihn. „Was hat er erzählt?“ Die Antworten kommen stockend, sind kurz. „Man hat nicht allzu viel geredet drüber.“

Beredtes Schweigen

Will er ihn nicht belasten, oder hat man versucht, das Geschehene zu verdrängen? „In aller Deutlichkeit“, mahnt der Richter, „auch Verschweigen ist eine Falschaussage.“ Es wird nicht erhellender: „Er hat gesagt, es ist halt scheiße gelaufen, wer hätt’ denn geglaubt, dass so was passiert?“

Ein Gutachter verliest seinen Bericht zu den Verletzungen des Opfers. Die Todesursache: ein traumatischer Schock aufgrund der Vielzahl von Brüchen an Armen, Beinen und Rippen, womöglich zusätzlich hervorgerufen durch Atembehinderung. Wenn es minimalen Trost für diesen sinnlosen Tod geben kann, dann vielleicht, dass der erheblich alkoholisierte 67-Jährige (2,4 Promille) wohl nicht lange leiden musste.

Unfallhergang, die Summe der Vergehen, alles ist weitgehend unstrittig, DNA-Tests ergeben, dass der in vollem Umfang geständige Angeklagte am Unfallort war. Der schmächtige Mann trägt nur einen Satz zur Verhandlung bei: „Mir tut das leid, was geschehen ist, am liebsten würde ich es ungeschehen machen.“ Sein Vater ergänzt später: „Er geht nicht mehr aus dem Haus, so schämt er sich. “

Jeder hat es gewusst

Die Zeugen beleuchten das Geschehen aus unterschiedlichen Perspektiven. Klar wird, dass der Angeklagte meist zu viel Bier trank, während andere eher zu Spezi gegriffen haben wollen. Alle hätten gewusst, dass er häufig ohne Fahrerlaubnis zu den Treffen kam und angetrunken wieder wegfuhr. Fast alle hätten an ihn appelliert, das zu unterlassen. Nur ein Zeuge weiß nichts davon: „Es hatte keinen Sinn, ihm das auszureden.“ Man habe angenommen, er fahre nur auf Feldwegen, keiner habe sich vorstellen können, dass so was passiert. „Am Land ist jeder schon schwarz mit einem Mofa gefahren.“

Der Tragödie am nächsten kommt man bei der Aussage des vielleicht engsten Freundes. In jener Nacht habe der Angeklagte ihn angerufen: „Du musst kommen“, habe dieser am Handy gefleht, als er auf dem Nachhauseweg vom Bauwagen schon fast in Tirschenreuth gewesen sei. Er sei zurück, habe ihn am Straßenrand gefunden. „Hilf mir, ich hab’ jemand’ zamgfahrn, was soll ich machen?“ Der Zeuge sei im Auto sitzen geblieben und habe gedrängt, die Polizei anzurufen.

„Schau mi an“, habe der Angeklagte gesagt, „Ich bin im Arsch.“ Unklar bleibt, ob sich das auf die schweren eigenen Verletzungen – Schädelbasisbruch, bis heute eingeschränkte Sehfähigkeit – oder auf die Furcht vor Entdeckung bezog. Der Zeuge aber, selbst unter Schock, habe Angst bekommen, weil der Angeklagte lauter geworden sei: „Dann bin ich heimgefahren – ohne ihn.“

Die Polizei stellt vor Ort fest: Das Unfallfahrzeug war ein Motorrad. Die gefundene Brille ist ein erster Hinweis auf den Flüchtigen. Als die Beamten das Anwesen des Verdächtigen durchsuchen, sei er auf der Couch gesessen und habe vor sich hingestarrt. Erst noch der schwache Versuch, einen Wildunfall vorzutäuschen, dann fällt der Satz: „Ich bin ganz rechts gefahren, und dann steht er da, der Mensch. “ Das Urteil wird voraussichtlich am kommenden Donnerstag gefällt.
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