Von wegen armer Nachbar

Wirtschaft
Tirschenreuth
25.07.2015
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Tschechien holt auf. Als vor 25 Jahren der Eiserne Vorhang durchschnitten wurde, dachte kaum jemand an das Kaufpotenzial der Menschen jenseits der Grenze. Heute geben die Westböhmen 95 Millionen Euro in der Oberpfalz aus.

Eine Studie zum Einkaufs- und Freizeitverhalten tschechischer Besucher im Bezirk der IHK Regensburg, erhoben von der BBE Handelsberatung GmbH, fördert zutage: Die Oberpfalz profitiert von den Einkäufern aus Cheb, Domažlice und Pilsen.

Was gut ist, kann noch besser werden. Deshalb stellten Florian Rieder, Geschäftsführer IHK-Gremium Weiden, und IHK-Handelsreferent Matthias Segerer Details der Studie im Landratsamt Tirschenreuth vor. Der promovierte Betriebswirt und Geograph möchte der grenznahen Kommunalpolitik Handlungsempfehlungen mit auf den Weg geben.

Bedeutung ausgewählter Kommunen für tschechische Besucher:

Die Oberzentren Regensburg und Weiden mit ihrem "breiten Handels- und Freizeitangebot" hätten sowohl als Einkaufs- wie auch als Tourismusdestination eine überregionale Bedeutung und seien gut zu erreichen.

Cham sei Handelszentrum im Oberen Bayerischen Wald und habe "durch sein sehr breites und tiefes Einzelhandelsangebot" seine Handelsbedeutung auf grenznahe tschechische Bezirke ausgeweitet.

Furth im Wald und Waldsassen bildeten gemeinsam mit ihren Nachbarstädten jenseits der Grenze, Domažlice und Cheb, "gemeinsame Mittelzentren". Bedeutung käme ihnen als Handelsstandort im Rahmen des kleinen Grenzverkehrs zu.

Gut 46 Prozent der bei einer telefonischen Haushaltsbefragung interviewten 501 Personen in den Kreisen Pilsen, Cheb, Domažlice, Tachov und Klatovy (insgesamt 454 745 Einwohner) gaben an, mindestens einmal im Jahr zum Einkauf oder zur Freizeit nach Bayern zu kommen. Mehr als die Hälfte kommt mindestens einmal im Monat. Jährlich gäben sie rund 95 Millionen Euro im Oberpfälzer Einzelhandel aus - vor allem in den Grenzlandkreisen und den Oberzentren Weiden und Regensburg.

Weiden auf Platz zwei

Über die Hälfte, rund 52,6 Millionen Euro, entfallen auf den Landkreis Cham. Mit einigem Abstand folgen auf Platz zwei die Stadt Weiden mit 13,2 Millionen Euro und der Landkreis Tirschenreuth mit 11,5 Millionen Euro. Trotz der etwas größeren Entfernung verzeichnet die Bezirkshauptstadt Regensburg noch knapp zehn Millionen Euro an Einzelhandelsumsatz aus Tschechien.

Der grenznahe Landkreis Neustadt/Waldnaab fällt mit 4,8 Millionen Euro schon deutlich zurück. Der fehlende Grenzübergang für den Kraftverkehr im Landkreis Schwandorf sei ursächlich, dass tschechische Konsumenten dort nur eine Million Euro ausgäben.

Luft nach oben sieht Segerer beim Freizeitverhalten der böhmischen Gäste: "Das Einkaufen ist für mehr als 60 Prozent der Besucher Hauptgrund, wegen Freizeitaktivitäten kommen knapp 20 Prozent in die Oberpfalz." Aber: "Die Ausgabenbeträge für Gastronomie und Beherbergung sowie freizeitorientierte Dienstleistungen liegen zwischen 25 Euro und 89 Euro und somit deutlich unter den Ausgaben im Einzelhandel." In der Oberpfalz verteile sich dieser Umsatz vor allem auf Städte und Gemeinden mit Schwimmbädern, Thermen, Skipisten oder kulturellen Events - wie Bad Kötzting, Cham, Waldmünchen, Weiden und Lam. "Unsere Erkenntnis: Viele Angebote sind noch immer nicht bekannt."

Überrepräsentiert in der Gruppe der regelmäßigen Oberpfalz-Pendler sind Personen im Alter von 30 bis 44 Jahren mit überdurchschnittlichem Einkommen. Ihre Informationen beziehen sie nur zu 4 Prozent aus Zeitungen, zu 14 Prozent aus Prospekten, aber zu 34 Prozent aus dem Internet. Auch Mundpropaganda spiele eine herausragende Rolle. Kaum zu Besuchen in Bayern zu bewegen seien Personen über 60 Jahren. Die Hauptgründe: "Geringes Einkommen, mangelndes Verkehrsangebot, ein als vergleichbar empfundenes Angebot und Schwierigkeiten mit Währung, Preisen und Sprache." Segerers allgemeine Empfehlung: "Barrieren abbauen."

Lebensmittel an der Spitze

Für die Händler mache eine regionale, Internet-gestützte Werbung im westböhmischen Grenzgebiet bis zum Bäderdreieck und Pilsen Sinn. Die Suchmaschinenoptimierung der Firmen-Websites mit tschechischen Parametern - boty statt Schuhe - sei empfehlenswert. Die kritischen Kunden von drüben seien kaum mit Discountpreisen zu locken: "Die Angebotsqualität steht mit 34 Prozent an der Spitze der Kaufkriterien." Das Ranking der Produkte führen Lebensmittel vor Drogeriewaren, Textilien, Schuhen, Spielwaren, Elektro und Baby-Bedarf an.

"Interessant ist, dass Weiden die einzige Stadt ist, die alle Bereiche gleich gut abdeckt", lobt Segerer die ausgeglichene Angebotsstruktur. Und auch bei der Attraktivität der Innenstädte liegt die Max-Reger-Stadt vorne: 90 Prozent der Befragten lassen einem Einkauf einen Bummel durch die Altstadt folgen. In Cham sind das nur 50 Prozent.
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