Mitreißend und melancholisch

"In Bolivien spielen Musiker nicht für ein Publikum, sondern mit ihm", verriet Ensembleleiter Jorge Aquino zu Beginn des Trabitzer "Sacambaya"-Konzerts. Den temperamentvollen südamerikanischen Melodien konnte sich freilich kaum jemand auf Dauer entziehen. Bild: bjp
Lokales
Trabitz
18.11.2014
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Nicht nur begeistern, sondern auch nachdenklich stimmen will "Sacambaya" in seinen Konzerten. Denn die Lieder, die das Septett vor 130 Gästen in der Trabitzer Alten Säge darboten, erzählten von Bolivien: einem Land, das erst seit wenigen Jahren allmählich zu Stabilität und Ruhe findet.

Solidarität, Frieden, Hoffnung: Diese Wörter waren Leitmotive des vom Ensemble-Leiter Jorge Aquino moderierten gut zweistündigen Konzertabends, und das nicht ohne Grund - sind sie doch gleichsam die Quintessenz der jüngsten Geschichte Boliviens. "Erst seit etwa 30 Jahren haben wir eine Demokratie, und seither hat sich manches zum Besseren gewandelt", erzählte der Agraringenieur, der 1986 das "Kulturzentrum Ayopayamanta" mitgründete, dessen Direktor er jetzt ist.

Seit 2006 stehe Juan Evo Morales an der Spitze des 1825 unabhängig gewordenen südamerikanischen Landes: der erste indianische Staatspräsident, in den die indigene Bevölkerung große Hoffnungen setze. Beim Ausbau von Infrastruktur, Bildungs- und Gesundheitswesen seien bemerkenswerte Erfolge erzielt worden, die Lebensbedingungen und insbesondere die Situation der Frauen hätten sich verbessert. "Es bleibt aber immer noch viel zu tun, und nur gemeinsam und auf friedlichem Weg können wir die Folgen der Vergangenheit wie Armut und soziales Ungleichgewicht überwinden", resümierte Jorge Aquino.

Nicht zuletzt hätten die Bolivianer aus ihrer von Unterdrückung und Instabilität geprägten Geschichte gelernt, gegenüber jeder Tendenz zu politischer Willkür wachsam zu sein, was sogar Morales schon zu spüren bekommen habe. Die zwiespältige Stimmung spiegeln die überwiegend von "Sacambaya" neu verfassten, teils aber auch aus dem Volksliedgut stammenden Musikstücke wieder: Mitreißende Melodien verbinden sich mit Texten, die gleichermaßen Melancholie, Hoffnung und Stolz auf den kulturellen und landschaftlichen Reichtum der Kordillerenländer ausdrückten.

Auch in ihren eigenen Liedern greift die Gruppe auf die einheimische Musik- und Tanztradition zurück: "Kaum ein anderes lateinamerikanisches Land hat so viele Tänze hervorgebracht wie Bolivien", verriet Jorge Aquino. Dass die musikalischen Botschafter zu globalem wirtschafts- und umweltpolitischem Umdenken aufrufen, hat ebenfalls seinen guten Grund: "Die Folgen des weltweiten Klimawandels bekommt auch Bolivien empfindlich zu spüren." Immer öfter gebe es ungewöhnliche Kälteeinbrüche oder Überschwemmungen in dem Andenstaat, der wegen seiner landschaftlichen Vielfalt "Mosaik der Erde" genannt werde.

"Die Menschheit muss wieder zu der innigen respektvollen Verbindung mit der Mutter Erde zurückfinden, die einst selbstverständlich war", appellierte Aquino und erinnerte daran, dass die südamerikanischen Urvölker traditionell die Erde als Göttin "Pachamama" ehrten.

Angesichts des Flüchtlingsstroms aus den nahöstlichen Bürgerkriegsregionen durfte das teils auf Deutsch gesungene Lied "Jeder ist ein Fremder in einem andern Land, schenk ihm deine Freundschaft, reich ihm deine Hand" nicht fehlen, das zu den "Klassikern" aus dem "Sacambaya"-Repertoire zählt. Hintergrund
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