Geschichte des Faurecia-Werks in Trabitz
Vom Draht zum Kat

Das Leistritz-Werk auf einem Luftbild von 1959. In den folgenden 40 Jahren "fielen" noch weitere Altbauten, nur der Wasserturm des Glaswerks steht bis heute. Repros: bjp (2)
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Trabitz
29.10.2016
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Bei älteren "Leistritzianern" unvergessen: Paul und Ruth Leistritz.

Französische Kriegsgefangene legen vor 75 Jahren den Grundstein zur Erfolgsgeschichte des Trabitzer Schalldämpferwerks. Französische Meister des Rotstifts besiegeln dessen Ende. Damit setzen sie den einstweiligen Schlusspunkt hinter ein Vierteljahrtausend Industriegeschichte in Drahthammer.

"Ruhrgebiet des Mittelalters" nennen Historiker die Oberpfalz. Auch rund um Trabitz verarbeiteten Hammerwerke Eisenerz zu Werkeisen für Draht und Nägel. Mitte des 19. Jahrhunderts löste das Glaserhandwerk diesen Erwerbszweig ab, und auf dem Gelände des im 18. Jahrhundert angelegten Trabitzer Drahthammers entstand nach 1869 eine Spiegelglasfabrik. Sie lockte viele Glasmacher, insbesondere aus dem Bayerwald und Böhmen, an.

Weil die Betreiber mit der Modernisierung in den 1920er Jahren nicht mithalten konnten und die Wirtschaftskrise auch die Oberpfalz nicht verschonte, wurde das Werk 1929 geschlossen. "Die gesamte Arbeiterschaft von Trabitz-Drahthammer wurde arbeitslos und fiel der öffentlichen Fürsorge zur Last", schilderte ein Bericht von 1930 die Folgen. Nicht alle Arbeiter fanden in der Umgebung neue Stellen, einige wanderten in die USA aus. Das Fabrikgelände verfiel und diente Kindern als Abenteuerspielplatz, ehe es die Grafenwöhrer Wehrmachts-Standortverwaltung nach Kriegsausbruch 1939 vorübergehend als Truppenquartier für eine Artillerieeinheit herrichten ließ.

1941 kaufte die Nürnberger Firma Leistritz die Brache fernab der bombengefährdeten Großstadt und verlagerte ihre Fabrikation von Auspuff-Schalldämpfern dorthin. Bei der Standortwahl mag auch eine Rolle gespielt haben, dass das Areal günstig zu erwerben war, denn die Eigentümer, die Unternehmerfamilie Bach aus Fürth, waren Juden und gezwungen, die Anlage "unter Wert" zu veräußern. Nach dem Krieg wurde den nach England und Frankreich emigrierten Alteigentümern in einem Wiedergutmachungsprozess eine finanzielle Entschädigung zuerkannt.

Die 250-köpfige Belegschaft der Kriegsjahre bestand überwiegend aus französischen und belgischen Kriegsgefangenen. "Mit den Franzosen herrschte bestes Einverständnis, in dieser Zeit blühte Trabitz richtig auf", heißt es in einem vom früheren Trabitzer Betriebsratsvorsitzenden Konrad Merkl verfassten Abriss der Werksgeschichte. Nach dem Einmarsch amerikanischer Truppen am 19. April 1945 endete dieses Intermezzo, das Werk verlegte sich vorerst auf die Herstellung von Alltagsgegenständen wie Herden und Eimern. Parallel zum Wiederaufbau der Kraftfahrzeugindustrie kehrte es ab 1948 zur Auspuffanlagenfertigung zurück. Eine erste neue Werkshalle und Wohnblöcke mit günstigen Mitarbeiterwohnungen begannen das Gesicht der Fabrik zu verwandeln.

Bis in die frühen 1960er Jahre prägte vor allem Juniorchefin Ruth Leistritz das Betriebsklima. In der Villa neben dem Werk hatte sie ein Zimmer bezogen und wohnte während der Arbeitswoche in Trabitz. "Sie war bei der Belegschaft sehr beliebt und stets bemüht, diese Ehrerbietung ihrer Mitarbeiter zu erwidern", schreibt Konrad Merkl: "Sie hatte auch erkannt, dass die bei der Firma Leistritz beschäftigten Oberpfälzer ein Menschenschlag waren, auf den man sich in jeder Hinsicht verlassen konnte. Auf ihre sozial empfindende und handelnde Chefin ließen die ,Leistritzianer' nichts kommen." Den gleichen Respekt genossen der 1957 verstorbene Seniorchef Paul Leistritz und Helmuth Schaak, der Ruth Leistritz 1959 geheiratet hatte und den Konzern zunächst mit ihr, nach ihrem jähen Tod 1963 allein leitete.

Wind dreht sichNicht nur als Arbeitgeber engagierte sich Leistritz in Trabitz: Die Nürnberger Unternehmerfamilie hat den Bau der evangelischen Pauluskirche anno 1957 angeregt und gefördert. Seit 1986 lieferte das kontinuierlich ausgebaute Trabitzer Werk auch Abgaskatalysatoren, seit 2003 Diesel-Rußpartikelfilter. 1994 erwarb der französische Automobilzulieferer Ecia (ab 1999 Faurecia), mit dem die Leistritz AG & Co. Abgastechnik seit 1990 kooperiert hatte, den wichtigsten Arbeitgeber der 1400-Einwohner-Gemeinde Trabitz.

Die Zahl der Beschäftigten, die hier nach einem Wort des früheren Staatssekretärs im bayerischen Wirtschaftsministerium, Hans Spitzner, "High-Tech für den Weltmarkt" produzierten, stieg zeitweilig auf 700 an. "Technisch auf der Autobahn und hier immer auf der Überholspur", zitiert Konrad Merkl das Urteil eines Mercedes-Managers bei einem Werksrundgang in den 1990er Jahren. 1999/2000 ließ der neue Eigentümer das Werk nochmals modernisieren. Doch schon bald begann sich der Wind zu drehen. Der "Global Player" Faurecia zog es vor, sich auf den Ausbau kostengünstigerer Produktionsplätze in anderen Ländern zu konzentrieren. Bei einem späteren Oberpfalz-Besuch kam der schon zitierte Mercedes-Manager zu der niederschmetternden Einschätzung: "Technisch wie auf einem Feldweg".

Auch um die Lehrlingsausbildung hätten Betriebsrat und Unternehmensleitung immer wieder aufreibende Diskussionen austragen müssen, vermerkt Ex-Betriebsratsvorsitzender Konrad Merkl. Ein Standortsicherungsvertrag von 2007 und ein Verzicht der Mitarbeiter auf insgesamt neun Millionen Euro an "tariflich verankerten Lohnbestandteilen" in den folgenden Jahren hätten keinen durchgreifenden Wandel bewirkt. (bjp)
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