Abschied von Faurecia
„Gebt nicht auf, kämpft weiter“

Mit kollegialen Wünschen für die Zukunft verabschiedete sich Betriebsrat Karl Boemmel von seinen Faurecianern. Bild: bjp
Wirtschaft
Trabitz
02.11.2016
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Mit wenig freundlichen Grüßen an die "Arbeitsplatzwegsäger" spickte Musikkabarettist Sepp Raith seine Lieder. Bild: bjp

und Leistritz, Trabitz und Faurecia: 75 Jahre gehörte das zusammen. Nicht ohne Trotz feierten Belegschaft, Betriebsrat und Gewerkschaft diese "Kronjuwelenhochzeit". Die Trauer über das nahe Ende sollte nicht im Vordergrund stehen. Ganz ausgeblendet werden konnte sie auch nicht.

Was die Schließung des Faurecia-Werks für Trabitz und die Nachbargemeinden bedeutet, kann nur ermessen, wer selbst in Trabitz zu Hause ist und bei der "Jubiläums- und Abschiedsfeier" in schier unzählige vertraute Gesichter blickte. Mit historischen Firmenschildern und Wegweisern hatten die Festorganisatoren die "Lumpererhalle" geschmückt: symbolische Erinnerungen an bessere Tage, als bis zu 700 Menschen ihr Auskommen fanden.

"Lasst es euch gutgehen, verbringt einen schönen Abend": diese Losung hatte der Betriebsratssprecher Karl Boemmel ausgegeben. Doch die Erinnerung an Ungewissheit, Anstrengungen, Hoffnungen und Enttäuschungen der letzten Monate und Jahre ließen sich nicht verdrängen. "Ein Abkommen über eine Werksschließung aushandeln und unterschreiben zu müssen in dem Bewusstsein, dass man aus dieser Nummer nicht herauskommt: das waren die bedrückendste Erfahrung und der schwärzeste Tag in den vielen Jahren, die ich hier gearbeitet habe", hielt Boemmel Rückschau.

Daran ändere auch das Bewusstsein nur wenig, "dass wir vom Betriebsrat und von der IG Metall unser Bestes getan und einiges erreicht haben." Nun blieben die Hoffnung und der Wunsch, "dass ihr sichere Arbeitsplätze möglichst in der Region findet", was freilich für viele "nicht einfach" sein wird. Boemmels Dank galt "allen, die uns in der schwersten Zeit unterstützt haben" - ein Dankeschön, in das Udo Fechtner, zweiter Bevollmächtigter des IG-Metall-Bezirks Amberg, die Firmenleitung nicht einschließen konnte.

"Eigentlich ist es ein Irrsinn: Faurecia gibt zwischen 40 und 50 Millionen Euro für Werksschließung und Abfindungen aus. Für dieses Geld hätten sie hier einen Standort schaffen können, der sich 'Sie' schreibt, was Ausstattung und Arbeitsbedingungen angeht", lautete Fechtners grimmiges Fazit. Und zu alledem habe der Konzern nicht einmal etwas Geld für eine Jubiläumsfeier zum 75. Werksgründungstag übrig gehabt: "Hier sind Gewerkschaft und Betriebsrat gern in die Bresche gesprungen, denn ihr habt diese Feier als Dank für eure gute Arbeit verdient, mit der auch ihr dazu beigetragen habt, Faurecia stark zu machen."

Bei alledem, so Udo Fechtner, hätten die Leistritz- und Faurecia-Arbeiter auch eine beeindruckende 70-jährige Gewerkschaftstradition am Standort Trabitz begründet: "In diesen sieben Jahrzehnten haben Gewerkschaft und Belegschaft viel errungen", erinnerte er an den solidarisch erkämpften Wandel der Arbeitsbedingungen.

Auch den Sozialplan, der "nicht schlecht" ausgefallen sei, und die Transfergesellschaft "sind uns nicht geschenkt worden, sondern das habt ihr, haben wir miteinander erreicht ", unterstrich Udo Fechtner. Mit Blick auf die Zukunft schloss er sich Karl Boemmels Wünschen für einen glücklichen beruflichen Neubeginn an und appellierte: "Gebt nicht auf, kämpft weiter."

Nicht allen zum Feiern zumute453 jetzige oder frühere Mitarbeiter hatte der Betriebsrat in die Kurbersdorfer "Lumpererhalle" eingeladen, 223 sagten ihr Kommen zu. Und die anderen? Bitterkeit, Bangen um die Zukunft: "Da kommt bei vielen keine Feststimmung auf", wusste Betriebsratsvorsitzender Karl Boemmel.

Wie könne einem 52-Jährigen zum Feiern sein, der trotz Fachqualifikation "eine Absage nach der anderen" erhalte, weil er "zu alt" sei? Bedauerlich fand Boemmel, dass auch Werksleiter und Personalchef abgesagt hatten. Doch auch von positiven Erfahrungen konnte er berichten. Besonders gefreut habe ihn die Rückendeckung der Medien, namentlich des "Neuen Tags": "Vieles haben wir dank eurer Unterstützung erreicht."

Alt-Betriebsrat Gerhard Dollhopf sah das Hauptverdienst bei der Arbeitnehmervertretung: Ohne den Einsatz und das Geschick des Betriebsrats wäre bei Weitem nicht so viel erwirkt worden."

Machtlos gegen die Strategie

Trabitz. (bjp) "Wir haben gekämpft, wir haben etwas erreicht, und wir werden uns hoffentlich wiedersehen", verabschiedete sich Konzernbetriebsratsvorsitzender Francesco de Salvo von den Trabitzer "Faurecianern", deren Weg er begleitet hatte, "seit (1999) aus Ecia Faurecia wurde". Die Unternehmensstrategie laufe auf einen Abbau der deutschen Standorte hinaus. Dagegen sei man machtlos gewesen. Für die Zusammenarbeit dankte auch Markus Stich, Sprecher des IG-Metall-Vertrauenskörpers im Trabitzer Faurecia-Werk.

Musikalisch umrahmte das "Jubiläums- und Abschiedsfest" Akkordeonist Karl Bäuml und der oberbayerische Musikkabarettisten Sepp Raith. Die älteren Faurecia-Werker hatten den "Bajubarden" bei einem Warnstreik vor 20 Jahren erlebt, den er mit scharfzüngigen Liedern begleitet hatte. Viele seiner pointiert-pikanten und teils mit sarkastischen Seitenhieben gegen das Faurecia-Management gespickten "Querreime", darunter seine Originalfassung des "Haberfeldtreibers", gab er zum Besten.

(bjp)
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