Interview zur Faurecia-Werksschließung
Wieso Trabitz?

Bild: Götz
Wirtschaft
Trabitz
03.05.2016
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Die Schließung hat strategische und wirtschaftliche Gründe.

Was passiert bei Faurecia? Die Nachricht von der Werksschließung in Trabitz sorgt für Wut und für viele Fragen, denn eine Erklärung lieferte die Geschäftsführung ihren Mitarbeitern nicht. Einige Fragen kann Jürgen Wagner beantworten.

Trabitz/München. Der Bezirkssekretär der IG Metall vertritt im Aufsichtsrat der Faurecia Deutschland GmbH Arbeitnehmerinteressen. Im Interview spricht der Gewerkschafter über die Gründe der Werksschließung und Zukunftsperspektiven für die Mitarbeiter.

Herr Wagner, weshalb schließt Faurecia den Standort in Trabitz?

Jürgen Wagner : Dies ist keine Entscheidung, die der Aufsichtsrat trifft, sondern die Geschäftsleitung. Faurecia Deutschland ist eine GmbH. Die Möglichkeiten des Aufsichtsrats sind im Vergleich zur AG sehr begrenzt.

Dennoch haben Sie Einblick ins Faurecia-Innenleben.

Die Schließung hat strategische und wirtschaftliche Gründe.

Das heißt?

Dass die Automobilzulieferer in den neuen und moderneren Werken in Westböhmen günstiger produzieren können.

Faurecia ist also nicht das schwarze Schaf der Branche?

Nein, das lässt sich auf andere Automobilzulieferer übertragen. Etwas ganz ähnliches passiert derzeit bei Lear. Der Autositzhersteller betreibt derzeit noch eine Niederlassung im Industriepark in Wackersdorf bei Schwandorf.

Die deutsche Industrie gilt als wettbewerbsfähig, wegen schwacher Lohnzuwächse als vergleichsweise günstig. Hat sich daran etwas geändert?

Nein, daran hat sich nichts geändert. Für die Firmen spielen Landesgrenzen aber keine Rolle mehr. Faurecia ist nicht nach Ländern, sondern nach Divisionen, also Sparten, organisiert. Und wenn Westböhmen günstiger ist, dann wird umgezogen. Die Division bleibt dieselbe.

Welche Rolle spielt die abgelegene Lage in Trabitz?

Der Transportweg zu den Abnehmern fließt in die Berechnungen ein. Nicht zu unterschätzen ist der Effekt der Gigaliner. Diese neuen Riesen-Lkw dürfen nur auf bestimmten Autobahnabschnitten fahren, vor allem auf den Anbindungen zu den großen Produzenten. Es spielt natürlich eine Rolle, ob ein Zulieferer-Werk an so einer Autobahn liegt - etwa an der Autobahn Pilsen-Amberg.

Bevor das Unternehmen das Ende bekanntgab, hat es mit dem Trabitzer Betriebsrat um den Abbau von 70 Stellen verhandelt. Wurden die Arbeitnehmer hingehalten, oder trifft die Faurecia-Führung so spontane Entscheidungen?

Das ist eine Entscheidung des operativen Geschäfts. Es gab wohl Bemühungen, Aufträge aus Osteuropa zurückzuholen. Das ließ sich aber nicht umsetzen. Bei neuen Aufträgen kam Trabitz dann auch nicht zum Zug. Ich weiß aber nicht, ob die Geschäftsführung diese Aufträge tatsächlich nach Trabitz holen wollte, oder ob die Angebote von Anfang an für ein Werk in Westböhmen kalkuliert waren, oder ob die Automobilhersteller aus Kostengründen Druck auf Faurecia ausgeübt haben.

Wann genau fiel die Entscheidung zur Schließung in Trabitz?

Der Aufsichtsrat hat das letzte Mal am 2. März getagt. Von einer Werksschließung war dabei nicht die Rede. In der zweiten Märzwoche war zudem eine Sitzung des Konzernbetriebsrats. Auch dabei war Trabitz kein Thema. Was danach passierte, kann ich nicht sagen.

Wer ist für die Entscheidung verantwortlich?

Es entscheidet die Geschäftsführung der Abgas-Sparte. Aber eine Werksschließung wird sicher mit der Konzernführung in Frankreich abgestimmt.

Wie sehen Sie die Chance auf Nachbesserungen beim Sozialplan, gibt es eine Transfergesellschaft?

Die muss es geben. Ich habe bereits mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden gesprochen. Vor allem brauchen die 21 Azubis schnell eine Perspektive. Es muss sicher sein, dass sie ihre Ausbildung abschließen können. Auch den Beschäftigten sollen unter Umständen neue Stelle an anderen Standorten angeboten werden. Das nächste Werk der Abgas-Sparte ist aber in Augsburg.

In der Region ist die Wut groß. Die Beschäftigten sind sauer, weil sie auf viel Geld verzichtet haben und nun doch ihren Arbeitsplatz verlieren. Waren die Zugeständnisse im Nachhinein ein Fehler?

Die Wut ist verständlich und auch berechtigt. Was mit dem Werk passiert wäre, wenn die Arbeitnehmer keine Zugeständnisse gemacht hätten, ist reine Spekulation. Fest steht nur, wer dann jetzt den Schwarzen Peter hätte: Die unflexible Gewerkschaft wäre schuld, die hätte den Standort dann auf dem Gewissen.
Die Schließung hat strategische und wirtschaftliche Gründe.Jürgen Wagner, Faurecia Aufsichtsrat


Belegschaft kämpftBetriebsrat und IG Metall rufen zu einem ganztätigen Streik im Trabitzer Faurecia-Werk auf: Am Mittwoch, 4. Mai, sind alle Beschäftigten, Ehemaligen, Bürger und Arbeitnehmer der umliegenden Betriebe eingeladen: Los geht es um 11.55 Uhr mit einer Aktion vor dem Werkstor. Um 13.20 Uhr folgt ein Gespräch mit Politikern und Bürgermeistern im Schützenheim in Preißach. Um 14.30 Uhr folgt dort ein Pressegespräch. Anschließend lädt die IG Metall zur Mitgliederversammlung ein.
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