VEZ aus Trabitz
Verein fürs Erlebnis

Konzentration: Vielen jungen Menschen ist die Fähigkeit verlorengegangen. Der VEZ vermittelte sie den Kindern wieder, unter anderem beim Bogenschießen. Bild: hfz
Wirtschaft
Trabitz
15.07.2016
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Eines der Highlights im Programm auf Burg Hohenberg: Kanufahren auf dem Eger-Stausee. Bild: hfz
 
Die VEZ-Geschäftsführer Benjamin Zeitler und Stephan Müller vor der Kulisse des Rauhen Kulms. Bild: wüw

Kann man von Abenteuern leben? Stephan Müller kann, und mit ihm 50 Mitarbeiter. Der Weg zum Unternehmer in Sachen Erlebnispädagogik führte nicht geradeaus.

Stephan Müllers Berufslaufbahn begann auf Hartz-IV-Niveau, eher darunter. Im Jahr 2004 war das, als er mit Partnern unter dem Namen Extratouren Hochseilgärten baute und betrieb. "Zum Trinken konnten wir uns nur Leitungswasser leisten." Heute beschäftigt Müller als Gründer und Geschäftsführer des Verein für Erlebnispädagogik & zukunftsorientierte Jugend- und Sozialarbeit (VEZ) 50 Mitarbeiter, die unter der Marke "Learning Campus" aktiv sind. Dabei mache er nichts anderes als damals: Erlebnispädagogik.

Müller und Co-Geschäftsführer Benjamin Zeitler sitzen in den VEZ-Räumen im hinteren Teil der Trabitzer Raiffeisenbank. Zum Jahresanfang war der Verein dorthin gezogen, der Platz ist schon wieder zu wenig. Entspannen werde sich die Raumnot wohl erst, wenn in einigen Jahren die alte Disco "Memory" in Trabitz saniert ist. Dort könnte der VEZ neue Räume finden, erläutert Zeitler. Der frühere Leiter des Geschichtsparks Bärnau unterstützt Müller und Adrian Harlambie seit einigen Monaten in der Geschäftsführung. Zeitler lässt meist den Firmengründer sprechen. Nur manchmal streut er Erläuterungen ein, wenn die Worte zu schnell aus Müller heraus sächseln, die Gedankensprünge zu groß werden.

Bei allen Sprüngen: Müllers Weg zum mittelständischen Unternehmer hat Konstanten. Müller redet gern, noch lieber handelt er, setzt seine vielen Ideen um. Wichtig sei, dass die Projekte zueinander passen. "Alles muss für sich stehen. Aber in Verbindung wird etwas Einmaliges daraus."

Das Verbindende sei die Erlebnispädagogik. Der 42-Jährige weiß noch, wann er das Wort zum ersten Mal gehört hat. 1995 war es, als ein Ausbilder sagte: "Du machst mal Erlebnispädagogik." Bald habe sich gezeigt, dass der Mann recht hatte. "Ich war immer eine Outdoor-Type", sagt Müller über sich. Er komme aus dem Kanusport, alles, was sich draußen abspielt, interessiert ihn.

Diese Vorlieben lebt Müller nach der Ausbildung aus. Mehrere Jahre bereist er die Welt: unter anderem USA, Skandinavien, Island. Besonders die eineinhalb Jahre in Rumänien prägen: das Land, die Leute. Vor allem lernt er Florian Etterer kennen, den Sohn des heutigen Kastler Bürgermeisters Josef Etterer. "Von ihm habe ich das erste Mal gehört, dass es in Bayern eine Oberpfalz gibt." Und da war noch eine gewisse Kristina Lober aus Zessau, heute heißt sie ebenfalls Müller und ist Stephans Ehefrau.

2004 kommt der Sachse zum ersten Mal in die Oberpfalz. Bald begegnen ihm Menschen, die seine Visionen teilen. "Aus erlebnispädagogischer Sicht gab es hier nichts. Es war also leicht etwas Neues aufzubauen." Geholfen habe der Immenreuther Kanu-Guru Herbert Huber oder Eschenbachs Stadtförster Martin Gottsche.

Konzept steht bis heute


Am Anfang steht aber eine Absage. Siemens-Werksleiter Alfred Koch sucht 2004 einen Pädagogen für die Ferienbetreuung der Mitarbeiterkinder. Weil sein Bewerbungskonzept glatt durchfällt, greift ein wütender Stephan Müller zum Telefon, bei Siemens nimmt der Chef persönlich ab. Nach einem kurzen Gespräch bestellt der Werksleiter Müller nochmal ins Werk. "Ich sollte mein Konzept nochmals vorstellen." Wenig später hat Müller die Stelle. "Nach dem Konzept funktioniert unser Ferienprogramm bis heute." Im Jahr 2004 betreut Müller 7 Ferienkinder, 2016 werden es wohl 600 sein.

Mit Koch arbeitet Müller noch heute gerne. Er habe genau Vorstellungen und Forderungen, sorge dafür, dass sich das VEZ-Programm entwickelt. Das Homo-Pfiffikus-Projekt gehe auf Koch zurück. "Er wollte, dass wir Kinder für Technik begeistern", sagt Müller. Spielerisch vermittelt das Programm nun Prinzipien der Mechanik und begeistert für technische Zusammenhänge. "Heute sind unsere Mitarbeiter deutschlandweit unterwegs und stellen den Homo Pfiffikus vor", ergänzt Zeitler.

Die Ferienbetreuung war der Fuß in der Tür. "Allerdings dauern die Ferien nur sechs Wochen." Die restliche Zeit schlägt sich Müller mit seinen Hochseilprojekten durch, erst nach und nach ergeben sich Chancen, in der Schulfreizeit auf Burg Hohenburg an der Eger, Burg Rieneck in Unterfranken oder in Bad Kissingen. Entscheidend wird das Jahr 2008 mit dem Einstieg in die Nachmittagsbetreuung an Ganztagsschulen, kurz bevor der Staat beginnt diese Schulart massiv zu fördern. "Damit gab es eine Grundlage, Personal fest anzustellen, weil der Verein sie dauerhaft beschäftigen konnte", erklärt Zeitler.

Wenig Oberpfälzer


Unter den inzwischen 50 Mitarbeitern sind allerdings "nur wenig Oberpfälzer", erklärt Müller. Dafür sei gerade ein neuer Kollege aus Braunschweig in die Oberpfalz gezogen. 'Die Leute kommen gerne", sagt Müller, weil ihnen Betrieb und Region viel bieten. Trotzdem sei der Mangel an Personal das größte Wachstumshemmnis. "Wir können nicht mit allen Schulen arbeiten, die uns anfragen." Der Verein habe sich schon länger nicht mehr um Aufträge bemüht, in der Regel kommen die Anfragen von den Kunden, erklärt Zeitler. Dies war auch bei der Jugendfürsorge und der Betreuung minderjähriger Flüchtlinge so, die jüngsten Geschäftsfelder. Das Jugendamt kam auf den Verein zu: "Die wussten, dass wir das können."

Obwohl der VEZ ausgelastet ist, plant Müller ein neues Geschäftsfeld: CampusRumänien soll den Tourismus und die Zusammenarbeit mit den Menschen vor allem im Donaudelta ausbauen. "Unser Verein hat enge Verbindungen", sagt Müller. Mit Adrian Harlambie hat ein Rumäne den Verein mit aufgebaut. "Adrian hat in Rumänien einen Nationalpark geleitet." Damals habe er mit Harlambie vereinbart, der erste "der einen Fuß auf den Boden bekommt, holt den anderen nach."

Land mit Potenzial


Müller hielt Wort und lotste den Freund in die Oberpfalz, als es mit dem Verein richtig los ging. "Seine organisatorische Erfahrung hat uns geholfen." Nun wollen sie Harlambies Heimat etwas zurückgeben. Allerdings nicht als Almosen. "Wir wollen mit den Menschen im Donaudelta zusammenarbeiten, ihnen Arbeit im Tourismus bieten." Die Sache laufe gut an. "Schon wegen der Terrorismus-Probleme wird der innereuropäische Tourismus wachsen." Das unberührte Rumänien habe großes Potenzial. Gut möglich, dass der VEZ wieder zur richtigen Zeit das Richtige tut.

Ich war immer eine "Outdoor-Type".Stephan Müller.

HintergrundWieso Erlebnispädagogik?

Trabitz. (wüw) "Früher hatten wir das auch nicht." Stephan Müller hat das Argument gegen die Erlebnispädagogik häufig gehört. "Es ist ja richtig, aber die Zeiten haben sich geändert." Es beginne, dass die typische Familienstruktur eine andere sei. Auch am Land gebe es kaum noch Haushalte mit drei Generationen unter einem Dach, oft arbeiten beide Elternteile. "Wer soll in den Ferien auf die Kinder aufpassen."

Sein Angebot versteht Müller als Gegengewicht zur "Technisierung der Welt". Man müsse den Kindern etwas bieten, um sie vom Computer weg und in die Natur zu holen. "Mit einer Schnitzeljagd geht das nicht mehr, schon eher mit einer GPS-Ralley." Darüber könne man sich ärgern, ändern könne man es nicht. "Ich such lieber Lösungen in der realen Welt, statt für die Welt wie man sie sich wünschen würde."

Ein weiteres Argument für die Erlebnispädagogik sei die übervorsichtige Gesellschaft, in der Kinder aufwachsen. "Wir geben den Kindern die Möglichkeit, Fehler zu machen, ohne schwere Konsequenzen tragen zu müssen."

Das hohe Lied der Oberpfalz

Trabitz. Stephan Müller ist geborener Sachse - und Oberpfälzer aus Überzeugung. "Da muss erst einer von außerhalb kommen, um uns zu erklären, wie schön wir es haben", bringt es Geschäftsführer-Kollege Benjamin Zeitler aus Plößberg auf den Punkt. Müller war an vielen Orten auf der Welt. "Aber ich lebe in der Oberpfalz, weil es mir hier gefällt." Die Region biete herrliche Landschaft, intakte Natur, niedrige Preise, gesunde Firmen. "Ich kann das Wort strukturschwach nicht hören." Wenn es gelinge, Geld zu verdienen, sei alles da. Nur hochqualifizierte Arbeitsplätze gebe es zu wenig. Auch die Lage mitten in Europa für Nordbayern, von Randgebiet könne keine Rede sein: Prag, München, Leipzig, drei boomende Städte sind in rund zwei Stunden zu erreichen.

Verein mit vielen Schwerpunkten

Trabitz. Die Arbeit des VEZ beruht auf Kurt Hahn, dem Vater der Erlebnispädagogik. Im Vordergrund stehe das handlungsorientierte Lernen. Auf dieser Grundlage begann Stephan Müller mit seiner Arbeit in der Betreuung von Klassenfahrten. Heute arbeitet der Verein in diesem Bereich jährlich mit bis zu 8000 Kindern. Meist verbringen diese mit ihren Schulklassen Zeit in den Einrichtungen und Partnerhäusern des VEZ, etwa auf Burg Hohenberg an der Eger.

In der Region am bekanntesten ist die Ferienbetreuung des Vereins. Neben dem Kemnather Siemensstandort beteiligen sich inzwischen Kommunen aus der gesamten Region daran, rund 600 Kinder betreuen die Pädagogen dabei in den sechs Wochen. Hinzu kommt seit 2008 die Nachmittagsbetreuung an Ganztagsschulen. Unter anderem sind die Pädagogen an Schulen in Sulzbach, Weiden, Amberg, Altenstadt, Pegnitz, Marktredwitz und Gefrees. Auch in der Jugendfürsorge und bei der Betreuung von minderjährigen Flüchtlingen nimmt das Jugendamt die Erlebnispädagogik des VEZ inzwischen in Anspruch.
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