Am Rand des Erträglichen

Lokales
Ursensollen
25.09.2015
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Als er 44 Jahre alt war, erhielt er den Nobelpreis für Chemie. Seitdem zeichneten ihn Hochschulen auf der ganzen Welt mit 30 Ehrendoktortiteln aus. Am Donnerstagabend war Roald Hoffmann im Ursensollener Kubus zu Gast - zu einem außergewöhnlichen Anlass.

Um Chemie ging es bei seinem Besuch in der Oberpfalz nicht. Vielmehr stand seine bewegende Lebensgeschichte im Mittelpunkt des Interesses. Der 78-jährige US-Amerikaner, der in Polen (heute West-Ukraine) aufgewachsen ist, hat ein Theaterstück über seine Kindheit geschrieben. Über die 15 Monate, in denen er sich mit seiner Mutter auf dem Dachboden eines Schulhauses vor den Nazis verstecken musste. Es ging um Erlebnisse von Verfolgung und Gewalt, Flucht und Vertreibung, die sich in das Bewusstsein des damals Fünfjährigen eingebrannt haben.

"War noch schlimmer"

"Was euch gehört", heißt das Stück, das von der Landesbühne Oberfranken vor einem Jahr in Bayreuth in deutscher Sprache uraufgeführt wurde. Das Gastspiel in Ursensollen, zu dem der Autor extra anreiste, war das zweite. In den nächsten Tagen stehen noch Aufführungen in Darmstadt und Frankfurt am Main an. "Das Stück passt gut in diese Zeit, in der wir täglich mit der Flüchtlingsproblematik konfrontiert werden", sagte der Vorsitzende des Evangelischen Bildungswerkes (EBW) Amberg, Siegfried Kratzer. Das EBW hatte die Veranstaltung organisiert.

Roald Hoffmann musste Anfang der 40er Jahre in der Stadt Solotschiw um sein Leben fürchten, weil er Jude war. Nicht nur um seines - um das seiner gesamten Familie, seiner ganzen Gemeinde. Sein Vater wurde von den Nazis in einem Arbeitslager ermordet. Einige Szenen des Stücks spielen auf dem dunklen Dachboden-Versteck, andere im Wohnzimmer der Familie, mehr als 70 Jahre später. Im Spannungsfeld zwischen Erinnern und Vergessen, versucht der Protagonist die unsäglichen Leiden der damaligen Zeit zu verarbeiten.

Am Leben erhalten und für das neue Leben nach dem Krieg gewappnet hat den fünfjährigen Buben allein die Liebe der Mutter. Die Szenen, in der sie sich in dem Versteck Spiele für das Kind ausdenkt, um nicht dem Wahnsinn zu verfallen, gehen mitten ins Herz. "Die Wahrheit war noch viel schlimmer. Wir haben sie nicht auf die Bühne gebracht, weil das Stück sonst unerträglich würde", sagte Regisseur Jan Burdinski. Und Roald Hoffmann nickt dazu. "Ich habe das alles so erlebt."

Wieder im Heimatort

Auch die Stelle, in der sich zwei deutsche Soldaten einen Spaß daraus gemacht hatten, auf ihn zu schießen. "Damals war ich drei." Die Schergen entrissen ihn seiner Mutter mit dem Hinweis, sie müssten jetzt Schießübungen machen. Nachdem sie das Kind auf das Dach einer Hundehütte gestellt hatten, zogen sie ihre Pistolen und drückten ab. Die Kugeln trafen den Hund. "Das hat Spaß gemacht", riefen die Nazis der geschockten Mutter zu, bevor sie lachend weggingen.

Auch die Geschichte mit dem Besuch aus der Ukraine stimmt: Eine Freundin aus Kindertagen reist in die USA und ruft die gemeinsamen Spiele wieder in Erinnerung. "Weißt Du noch, wie wir Scherben gesammelt haben?", fragt sie. "Für uns waren das Schätze. Wir haben sie im Gebüsch vergraben." Eine Szene, die eine besondere Bedeutung für den Autor hat: Nächste Woche fährt Nobelpreisträger Roald Hoffmann zum ersten Mal wieder in seine alte Heimat und gräbt nach weiteren Erinnerungen.
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