Anwalt sein für Demente

Lokales
Ursensollen
25.04.2015
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"Die kriegt ja eh nix mehr mit." Selbst professionellen Pflegekräften rutscht mitunter so ein Satz heraus über Menschen, die dement sind oder Alzheimer haben. Doch diese Sichtweise ist ebenso unsensibel wie falsch. Das machte das 7. Landkreis-Demenzforum in Ursensollen deutlich.

Genauer gesagt war es Dr. Tamara Gehring-Vorbeck, die für eine veränderte Haltung zu diesem auch gesellschaftlich zunehmenden Problem einer immer älter werdenden Bevölkerung warb. Sie riet allen, die auf einen derart fatalistischen Umgang mit Betroffenen stoßen, "konsequent dagegen zu reden" und "Anwalt" der so gescholtenen Menschen zu sein. "Leute mit Demenz sind nicht weniger wert. Sie sind anders, aber gut anders", betonte die Pflegemanagerin und -wissenschaftlerin aus Nürnberg, die den Hauptpart des Demenzforums im Kubus bestritt.

Auch im Sterben begleiten

Sie hielt dieses Plädoyer zwar generell, verknüpfte es aber auch mit dem Thema der siebten Auflage dieser Veranstaltung für Fachkräfte, Ehrenamtliche und pflegende Angehörige. Es lautete: "Einmal sterben, jeden Tag leben - demente Menschen am letzten Lebensweg begleiten". Dazu gab es neben einem Vortrag von Gehring-Vorbeck auch einen Workshop mit gegenseitigem Austausch und Diskussion für die über 50 Teilnehmer. "Mit Demenz leben und sterben heißt nur, die spezifische Denkfähigkeit zu verlieren. Es bedeutet aber nicht den Verlust dessen, was den Menschen ausmacht", brach die Expertin und Buchautorin eine Lanze für alle Betroffenen.

Als Diskussionsgrundlage dafür stellte sie drei Fragen in den Raum: "Ist Demenz eine reine Krankheit? Ist es eine altersbegleitende Erscheinung? Oder ist es etwas von beidem?" Zur Beantwortung bat die Referentin ihre Zuhörer, sich gedanklich auf einen Spaziergang zu begeben. Sie selbst beschrieb ihre eigenen Vorstellungen davon, nannte Details, die dazu in ihrem Kopf entstanden waren. "Ich sehe Bilder und denke mir meinen Teil", beschrieb Gehring-Vorbeck, um im Vergleich dazu die Zuhörer zu fragen: "Ist Ihr Spaziergang jetzt weniger wert als meiner?"

Ausgehend vom Sprichwort, "Ich denke, also bin ich", erläuterte sie, dass Demenz oft Angst mache, nur weil Menschen in dem Zustand "diese Art des Denkens nicht mehr beherrschen". Überhaupt müsse man sich losmachen von der Sicht, dass Demente zwangsläufig krank sind. "Sie sind anders - Punkt!", grenzte die Expertin das Thema ein und forderte, auf diese Menschen "einzugehen, ihnen entgegenzugehen".

Wenig staatliche Hilfe

Demenz ist nach ihrer Definition eine Einschränkung von Orientierung, Gedächtnis und Denkvermögen, wobei es verschiedene Formen vom Alzheimer-Typus über blutbedingte Erkrankungen bis hin zu anderen medizinischen Ursachen gebe. Generell erfahre das Thema aber gerade auf dem letzten Lebensweg "wenig staatliche Unterstützung und Wertschätzung". Und das, obwohl der Sterbeprozess heute vermehrt in Einrichtungen wie Krankenhäuser, Hospize, Alten- und Pflegeheime verlagert werde. "Mit der Vielfalt der Probleme, die bei sterbenden Dementen auftreten, sind die Kräfte dort aber oft allein gelassen", kritisierte Gehring-Vorbeck. Ein Zustand, den nicht nur professionelles Personal, sondern auch Ehrenamtliche und Angehörige so empfänden.

Ausgenommen hatte die Referentin hier die Veranstalter des Demenz-Forums und ihre Kooperationspartner, die im Vergleich zum Staat viel mehr Hilfestellung böten: den Landkreis Amberg-Sulzbach mit seiner Volkshochschule, den Verein zur Förderung seelischer Gesundheit im Alter (Sega), die Arbeitsgemeinschaft Obere Vils-Ehenbach (AOVE) sowie die Katholische Erwachsenenbildung und das Evangelische Bildungswerk.
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