Bonbons der Befreier

Lokales
Ursensollen
20.02.2015
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Die Mutter ließ am 22. April keines ihrer vier Kinder vor die Haustüre. "Jetzt kommen sie bald", hieß es an diesem Sonntag des Jahres 1945 im damals noch kleinen Dorf Ursensollen, das gerade mal über 78 Hausnummern verfügte. Das Brummen der Panzer war bald zu hören ...

(schß) Doch die US-Amerikaner rückten nicht über den Rängberg von Kastl her vor, sondern von Schwenderöd über den Dengelweg, wie die Einheimischen die Hohe Straße nennen. Am Rängberg hatte der Volkssturm übrigens eine Panzersperre errichtet, um die Amerikaner aufzuhalten.

Der erste US-Panzer

Beim heimatkundlichen Stammtisch der Gemeinde Ursensollen in Heinzhof thematisierten die Gäste, wie sie den Einmarsch der Amerikaner erlebt haben. Anton Graml aus Ursensollen war damals zehn Jahre alt und wuchs auf einem kleinen Gehöft in der Ortsmitte auf. Eindrucksvoll und anschaulich schilderte beim Stammtisch der 80-Jährige das damalige Geschehen. Um 11 Uhr vormittags erreichten die ersten US-Panzer das Webergirgl-Anwesen (heute Familie Strobl). Da Gramls Vater Kriegsdienst leistete, war der Familie der französische Kriegsgefangene Raphael zugeteilt. Dieser beruhigte Anton Gramls Mutter und sagte ihr: "Die Kinder sollen mit mir raus!" Die Amerikaner sollten so sehen, dass nur Kinder und keine versprengten deutsche Soldaten im Haus seien.

Speck und Eier

Wie der 80-Jährige erzählte, hatten die französischen Kriegsgefangenen damals nicht auf den Gehöften gelebt, sondern waren im nahen Oberhof, beim Anwesen Eichenmüller, einquartiert. Abends mussten die Männer dort einpassieren, am nächsten Morgen kehrten sie zu den Familien, bei denen sie zum Arbeitsdienst eingeteilt waren, zurück. In Ursensollen durchsuchten die Amerikaner die Häuser nach versprengten Soldaten der Reichswehr, verhielten sich ruhig und rührten nichts an - lediglich Eier und Speck nahmen sie von vielen Gehöften mit. Beim Anwesen Götzn-Schreiner entzündeten sie mitten in der Stube ein Feuer, um Eier und Speck zu braten - obwohl ein Herd da war.

Am nächsten Tag war laut Anton Graml keine Schule, aber Pfarrer Nikolaus Spreng läutete um 7 Uhr zur Morgenmesse. Der heute 80-Jährige war damals Ministrant und auf seinem Weg zur Kirche musste er auf dem Kirchensteig durch den Preißl-Hof. Zwei Panzer versperrten ihm den gewohnten Kirchweg. Teils mutig, teils ängstlich marschierte der Bub zwischen den Panzern hindurch. Auf einem stand ein farbiger Soldat. Er lachte und warf dem erschrockenen Kind einen großen Bonbon zu. Mit einem Messer wurde daheim die Süßigkeit geteilt, damit alle vier Kinder etwas bekamen.

Die Amerikaner hatten meist einen Ortskundigen auf ihre Panzer gesetzt, als sie in die Dörfer einrückten. In Ursensollen soll ein Bürger mit einer weißen Flagge ihnen entgegengelaufen sein. Diese Geschichte konnte Anton Graml beim Stammtisch nicht bestätigen. Er erinnerte sich jedoch, dass der damalige Bürgermeister Johann Kugler, der unvorsichtiger Weise eine Militärjacke getragen hatte, von den Soldaten gefasst und auf einen Panzer gesetzt wurde. Das Fahrzeug rollte in Richtung Erlheim. Zwischen Hohenkemnath und Erlheim sprang er ab und flüchtete in den Wald. Er hatte sehr großes Glück, dass die Schüsse, die auf ihn abgefeuert wurden, ihr Ziel verfehlten.

Wieder in der Kirche

Michael Obwandtner, Lehrer und Ortsgruppenleiter der NSDAP, war in der NS-Zeit nicht mehr in die Kirche gegangen. Als 1947 der damalige Mesner, der "alte Schouhbauer", Georg Ludwig, verstarb, fand auch der Lehrer wieder den Weg in das Gotteshaus. Der damalige Pfarrer Nikolaus Spreng freute sich ganz besonders, dass das "schwarze" - man könnte auch sagen "braune" Schaf wieder zur Herde zurückfand.
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