Heimat auf der Zunge

Lokales
Ursensollen
10.05.2015
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Das musste sein! Den Bayern wieder mal einimpfen, dass ihre altbayerische Sprache (Bairisch) "etwas Feines ist", weil intelligent. Der Dialektpapst Professor Ludwig Zehetner erledigte das im Kubus humorvoll und hintersinnig per Predigt.

Denn eine Predigt war es, kein Vortrag, kein Referat, dieses Plädoyer Zehetners für die bairische Sprache. Und das Oberpfälzer Publikum nahm alles gerne an. "Die Heimat auf der Zunge tragen" hatte Zehetner seine Ausführungen überschrieben. Das bedeute, dass das Essen nicht "lecker" ist, dass man nicht "hochguckt" oder die "Puste ausgeht". Zehetner sieht es schon kommen, "dass wir bald nicht mehr Blasorchester, sondern Pusteorchester sagen müssen und dass einer nicht als mundfaul, sondern als artikulationsunwillig bezeichnet wird".

Pusten oder blasen?

Pusten, und nicht blasen, das müssten dann auch die drei von den Blechernen Sait'n über sich selbst sagen. Sie leisteten ihren musikalischen Beitrag zu dem Abend mit Tuba, Zither und Gitarre - bairisch natürlich. Das Bairische, das zeuge von einer gewissen Intelligenz, liebe Verkürzungen ("bleim für geblieben, speim für speien") und sei nicht mundfaul, sagte Zehetner. Da war ihm der Beifall gewiss, angesichts der Tatsache, dass "der sprachliche Kosmos Altbayern auszutrocknen droht. Deshalb mache ich solche Missionsreisen", sagte der Mundartforscher, Lehrer und Schriftsteller.

Das Bairische, es hätte das Zeug gehabt, zu einer Hochsprache, zu einer Schriftsprache zu werden - wurde es aber nicht. Deshalb ist die bairische Sprache ein eigenes System mit einem Hang zu Verkleinerungsformen (Herzerl fürs Herz, Glaserl für Glas) und zu Sonderbezeichnungen wie ("die Damen seien um Verzeihung gebeten") dumme Urschl, Matz, Heigeign, Hausdrauen, oide Schaluppe, Schnalln zum Beispiel. Oder für die Männer: Büchsnmacher, Schnallntreiber, Haftlmacher.

Mehrere Bezeichnungen haben die Bayern auch für anderes: Birn, Nischl, Bele für Kopf, oder Affn, Brandn, Ruaß, Seier, Zinterer für den (Alkohol-)Rausch. Vieles im Bairischen lasse sich aus dem Hochdeutschen nicht herleiten, das sei eine eigene Machart. Die vierte Vergangenheit etwa ("hamma scho gessn ghabt"), den Konjunktiv als Ausdruck der Bescheidenheit ("i war do") oder die zwei a-Laute bei "schmatzn" in zwei ganz unterschiedlichen Bedeutungen. Viele bairische, tschechische und italienische Redensarten, Unarten oder Anleihen nannte Zehetner. Die meisten waren bekannt, zum Beispiel die "kastrierten" und nur in Bayern möglichen (Ausweich-)Flüche "jessas na", "saklzement" oder "kruzifuchs" und "hagott".

"Wir sind zweisprachig"

Zehetner appellierte an die Zuhörer in Sachen Bairisch: "Kein Mensch wird fordern, dass wir unentwegt Bairisch reden, wir sind zweisprachig und niemand muss sich auch dem Bairischen beugen, doch wir müssen es gebrauchen, wo es am Platz ist." Das Bairische sei unglaublich vielfältig in Reichtum und Redewendungen. Zehetner: "Wir wollen niemandem seine Heimatsprache nehmen, aber sie sollen uns auch unsere Heimatsprache lassen. Noch ist die Glut nicht erloschen, aber wir müssen uns auch im 21. Jahrhundert auf unsere Muttersprache besinnen dürfen, das sind unsere Wurzeln." Nimmt man den Beifall als Maßstab, hat er dem Publikum aus der Seele gesprochen.
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