Von Erotik angelockt

Lokales
Ursensollen
15.12.2014
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Morgen geh'n wir Christbaum klau'n in des Staates Forsten, lässt sich eine Wildsau schau'n, gibt's was auf die Borsten. Wildsaubraten, Tannenbaum aus dem Forst gestohlen, so kann man sich jedes Jahr Steuern wieder holen.

Wer von Norbert Neugirg verbal ins Visier genommen wird, der hat schlechte Karten. Das gilt erst recht, wenn er als gewaschener Kommandant der Altneihauser Feierwehrkapell'n und ohne schadhafte Zahnreihen auftritt.

Als Neugirg am Freitag im Kubus auf der Bühne stand, war sein Opfer Bürgermeister Franz Mädler - und der aussichtslose Flecken Ursensollen, wo man seit Jahren heftig spekuliere, wann der Rathausplatz fertig werde. Mädler habe nun ein Orakel befragt und dann bekanntgegeben, dass er Weihnachten 3003 persönlich den Vorplatz freigebe, zeitgleich mit der Eröffnung des Berliner Flughafens.

Unvorstellbar für ihn sei es, so Neugirg, warum alle gekommen seien, denn er selbst könne sich was Schöneres vorstellen, als diese weihnachtliche Brandrodung. Er sei nur nach Ursensollen gekommen, weil er das blonde Christkindl aus der Gemeindekanzlei, das ihn mit seiner erotischen Stimme mehrmals angerufen und genervt habe, einmal sehen wollte. Weniger freue er sich auf den Bürgermeister als Ehrengast, der wahrscheinlich keinen Eintritt bezahlt habe, dafür aber in den vorderen Reihen rumprahle. Dann stellte Neugirg klar, was er vom Abend hielt: "Wahrscheinlich wollen alle wieder schnell weg, ich übrigens auch." An weihnachtlichen Themen kamen die verkohlte Weihnachtsgans sowie die Bratwürste mit Kraut am Heiligen Abend zur Sprache. Und die Atemprobleme des Chorleiters, wenn ihm Mitglieder des Kirchenchores in der Christmette per Atemluft vermittelten, dass es zuvor eben die Gans, die Bratwürste und das Kraut oder einen reichlich mit Knoblauch gewürzten Braten gegeben habe.

Weihnachten ziehe ins Land, "wenn Vieh und essbare Geschöpfe die Köpfe verlieren wie das Laubgehölz das Laub oder die Menschen an den Ladenkassen wie die Gänse Federn lassen". Wer Christ sei und sich's leisten könne, esse sich über Weihnachten ein paar Pfunde an. Wer den falschen Gott verehre, sei der Christen Mitleid wert, das reichen müsse, denn Geld gebe man nur für's eigene Haus und den eignen Umfang aus.

Schon 2000 Jahre Soli?

Der Grund für Weihnachten sei den meisten bereits verlorengegangen. Viele fragten sich, ob vor 2000 Jahren nicht der Baubeginn des Berliner Flughafens war. Oder feiere man 2000 Jahre Soli? Habe es damals vielleicht die ersten Sprengstoffpfeifen zerrissen, die auf eine 99-jährige Jungfrau im Paradies hofften? Hart ins Gericht ging Neugirg mit Weihnachtsmärkten, selbst in Weilern mit nur drei Häusern, wo aller möglicher verzierter Schrott angeboten werde, der zu Hause im Wege stand, oder wo Chöre den Mut aufbrächten, bei Starkregen vom Schnee zu singen. Adventsgebäck sei dick glasiert, essbar nur mit Fliesenschneider. Weihnachtslesungen gebe es an allen Ecken, "selbst an von Gott verlassenen Ecken - wie Ursensollen, wo nur die wohnen wollen, die an aussichtslosen Tagen das Treiben ihres Bürgermeisters ertragen".

Zu Kinderkrippen hat Neugirg nicht das beste Verhältnis. Ab der Zeugung seien Kinder ortsfest gelagert, kämen dann auf freien Fuß - und erst jetzt werde dem Erzeuger bewusst, was er angerichtet habe. Der Rückweg sei verbaut, Rücksendung nicht möglich, das Kind und dessen Aufzucht werde zum Kostenfaktor, eine staatliche Einlagerung, sogar beheizt, müsse her. Irgendwann rechne er, so Neugirg, mit einer Rotzlöffelproduktionssteuer. Aller Luxus in Kinderkrippen sei nicht notwendig, Jesus sei auch in einer Krippe mit Zugluft gelegen. Wenn er frühzeitig als junger Mann gestorben sei, habe das sicher nicht an der zugigen Krippe gelegen.

Deftig wandelte Neugirg bekannte Weihnachtslieder ab, so sei das Ross im Schlachthof von Bukarest entsprungen und als Lasagne im Supermarkt gelandet, ebenso wie Drohnen am Himmel von Ursensollen. Er hatte die ausufernden Weihnachts-Außenbeleuchtungen satt, die den Strom ganzer Kohlekraftwerke verbrauchten. Am Ende genüge die Zuschaltung einer einzigen Kerze und das nächste Kraftwerk explodiere.

Nach der Pause stellte Neugirg fest, dass alle wieder da waren - anders wär's ihm lieber gewesen, dann könnte er längst im Hohenkemnather Wirtshaus sitzen. Er sinnierte über einen Tag Christbaumsuche, bei dem seine Frau den Baum erst nach Einbruch der Dämmerung fand. Künftig gehe er erst am Abend los.
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