Amberg-Sulzbach und seine Ortsnamen
Der Bou von Böiwerleijh

Josef Lautenschlager in Böiwerleijh, seiner Heimat. Auf dem Ortsschild steht zwar Ödallerzhof, doch darum schert sich dort eigentlich niemand. Bilder: upl (2)
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Ursensollen
19.02.2016
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Die Wolfgangskirche prägt das Bild von Atzmannsricht, einem Ort, der hin und wieder als Bamberg von sich reden macht. Bild: Hartl
Ursensollen: Ödallerzhof |

Praha heißt Prag, Milano bedeutet Mailand und Böiwerleijh steht für Ödallerzhof. Warum, das kann Josef Lautenschlager auch nicht so genau sagen - obwohl er selber mal ein Böiwerl war.

Zu fünft streiften sie in den 30er- und 40er-Jahren über Äcker und Wiesen. Josef Lautenschlager, seine drei Brüder und die Schwester. Die Kinder wuchsen auf einem prächtigen Bauernhof auf. Ihr im Oberpfälzer Stil erbautes Elternhaus steht heute noch an der Straße zwischen Hausen und Hohenburg. An der Hofeinfahrt steht ein Schild mit der Aufschrift Ödallerzhof. Obwohl doch alle Welt weiß, "dass das die Böiwerleijh ist", sagt Lautenschlager, der in ein paar Tagen 78. Geburtstag feiert.

Aus der Bubenöde


Böiwerleijh ist einer jener Ortsnamen, die im Volksmund quicklebendig und trotzdem auf keiner Landkarte eingezeichnet sind. "Das ist so ähnlich wie mit den Hausnamen", erklärt Heimatpfleger Josef Schmaußer. Anwesen tragen oft seit Jahrhunderten eine bestimmte Bezeichnung, egal wie der offizielle und oft wechselnde Familienname der Bewohner lautet. Die Böiwerleijh ist weiblich. Wenn man den Ortsnamen ins Hochdeutsche übersetzt, wird klar warum. ",Die Bubenöde' müsste es dann wohl heißen", meint Schmaußer. Die Ortsbezeichnung -öde weist immer auf einen einst verlassenen, verwaisten Weiler hin. "Möglicherweise haben auf diesem Hof in grauer Vorzeit mal Buben gelebt, die alleingelassen wurden." Mit Bestimmtheit könne man das natürlich nicht sagen.

Wenn, dann muss sich diese Geschichte lange Zeit vor Josef Lautenschlagers Kindheit zugetragen haben. Denn als er klein war, herrschte auf der Böiwerleijh alles andere als Ödnis. "Bei uns war immer was los", erzählt er von seinem Leben als Hütbub. Zur Schule mussten er und seine Geschwister jeden Tag in das etwa vier Kilometer entfernte Allersburg laufen. Barfuß oder höchstens mal mit Holzschuhen. Das Klassenzimmer war im ehemaligen Beinhaus der Pfarrkirche untergebracht. "Drunter lagen die Gebeine der Toten", blickt Lautenschlager zurück und muss dabei hellauf lachen.


Postbote auf Abwegen


Mit Böiwerleijh hat der 77-Jährige schöne Erfahrungen gemacht. Mit Ödallerzhof, wie der Weiler in den offiziellen Akten heißt, auch. "Es ist schon mal vorgekommen, dass der Postbote nicht wusste wohin." In der Adresse war der amtliche Name genannt, dem Kurier war jedoch nur Mundartausdruck geläufig. "Da gab es etliche Leute, die Böiwerleijh gut kannten, aber nicht wussten, wo Ödallerzhof liegt." Auch für letztere Bezeichnung hat Heimatpfleger Schmaußer eine Erklärung. Der Bestandteil "-allerz" sei mittelhochdeutschen Ursprungs und rühre wohl von einem Männernamen her. "Der verlassene Hof des Allert", deutscht Schmaußer aus. Allertshofen gebe es mehrere in ganz Deutschland.

Der Landkreis Amberg-Sulzbach hat noch ein paar andere Ortsnamen-Kracher zu bieten. Aber nur wenige, die ganz und gar nichts mit der amtlichen Schreibweise zu tun haben. Heftn zum Beispiel, das für Speckmannshof steht. Oder die Bezeichnung "am Schloch". Gemeint ist damit Neuersdorf bei Schnaittenbach, wo früher einmal ein Schlagbaum eine Grenze markiert haben soll. Davon hat Josef Lautenschlager noch nie etwas gehört. Er ist zwar viel herumstrawanzt, früher. Aber bis zum Schloch ist er nicht gekommen.

Tag der MutterspracheIdentität bewahren

Den 21. Februar haben die Vereinten Nationen auf Vorschlag der Unesco zum Internationalen Tag der Muttersprache auserkoren. Mit dem Gedenktag soll auch an die Bedeutung der Dialekte als Ausdruck der kulturellen Identität erinnert werden. Das diesjährige Motto verweist auf die Bedeutung von Sprache für die Inklusion. Denn laut Unesco sind Kinder und Jugendliche, die sprachlichen Minderheiten angehören, im Bildungssystem oft benachteiligt.

Iwe, hinte, fire, oine

Unter den Ortsnamen in der Region gibt es ein paar schöne Beispiele, die sich von Landschaften und deren Eigenschaften ableiten lassen. Im Dialekt sind sie meistens daran zu erkennen, dass ihnen ein Artikel vorangestellt ist. Bekannt dafür ist die Stadt Weiden. Wer sie vom Landkreis Amberg-Sulzbach aus ansteuert, der fährt in d' Weidn ei (in die Weiden hinein). Analog dazu geht es nach Freihung in d' Freing ei - und zwar egal aus welcher Richtung. Je großräumiger die Betrachtung, desto einheitlicher ist in der mundartlichen Geografie die Verwendung der Lokaladverbien iwe, hinte, fire, oine oder affe. Nach Nürnberg geht es zumeist iwe (hinüber), nach Bayreuth affe (hinauf), nach Regensburg oine (hinunter), nach Cham hinte (hinter).

Der Karten-Grafiker

Die nebenstehende Landkreis-Karte hat Marcus Trepesch gemalt. Der Amberger Künstler sorgte im vergangenen Jahr in der Region mit mehreren Ausstellungen für Aufsehen, bei denen er in Pop-Art-Manier Ortsansichten präsentierte. Über Amberg ist eine ganze Serie von Bildern entstanden, eine ähnliche Reihe von Werken hat er für die Gemeinde Ursensollen angefertigt. Der Betrachter blickt bei Trepeschs Grafik von Süden her schräg auf den Landkreis. Deswegen erscheint die Gegend um Schmidmühlen etwas größer und der Bereich um Auerbach kleiner.(upl)

Warum Atzmannsricht Bamberg heißt


Bamberg liegt um die Ecke - zumindest von Gebenbach aus. Wer vom Mausberg aus losmarschiert, der ist in einer halben Stunde dort. Geht nicht? "Geht!", weiß Ortschronist Albert Rösch. Und nicht nur er. Ganz Gebenbach nennt den Nachbarort Atzmannsricht bisweilen einfach nur nach der oberfränkischen Bischofsstadt. Seit mehr als 200 Jahren und immer dann, wenn die Gebenbacher meinen, in dem zwei Kilometer entfernten Dorf gingen die Uhren wieder mal anders. Hintergrund ist eine alte kirchenpolitische Grenze. Bis 1803 gehörten Atzmannsricht und weite Teile des nördlichen Landkreises zum Bistum Bamberg, während Gebenbach schon immer der Diözese Regensburg zugeordnet war.
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