Journalist Heribert Prantl spricht im Kubus Ursensollen
Europa im Herzen tragen

Heribert Prantl gehört zur ersten Garde der deutschen Journalisten. Im Ursensollener Kubus sprach er vor gut 300 Gästen über seine Sichtweise zur Flüchtlingsthematik und warb für ein starkes, geeintes Europa. Bild: Huber
Vermischtes
Ursensollen
24.03.2016
145
0

Die Sorge treibt ihn um. Der Journalist Heribert Prantl wirbt schier unermüdlich für ein geeintes Europa und ermuntert dazu, mühsam Geschaffenes auf diesem Kontinent nicht dem Verfall preiszugeben. Im Ursensollener Kubus hat der 62-Jährige dafür langen Beifall erhalten.

Ursensollen. Da steht einer vor ausverkauftem Haus, der mit ungewöhnlicher Anrede daher kommt. "Liebe Europäerinnen und Europäer aus der Oberpfalz", sagt Dr. Heribert Prantl und schließt sich selbst mit ein. Einst freier Zeitungsmitarbeiter in Nittenau, dann erste journalistische Erfahrungen beim Medienhaus Der neue Tag bei Redakteuren wie dem späteren Verleger German Vogelsang, anschließend Jurastudium, Promotion und Ressortleiter bei der Süddeutschen Zeitung in München.

Steile Karriere


Heute gehört Prantl zur Chefredaktion und ist, wenn man so will, der prominenteste Leitartikel-Verfasser Deutschlands. Steile Karriere. Doch Bauernbratwürste mit Kraut, so hat sich vor der Veranstaltung in Ursensollen gezeigt, sind ihm lieber als Champagner und Kaviar.

Prantl ist bodenständig geblieben. Dazu gehört: Er vertritt Meinung, lässt andere Ansichten gelten, sofern sie nicht radikal sind. Er befasst sich zunächst mit den Anschlägen in Brüssel und sagt einen bemerkenswerten Satz: "Jesus hatte mit dem Irak-Krieg so wenig zu tun wie Allah mit Moolenbeek." Man müsse Gott aus dem Spiel halten, fügt er hinzu, nennt die Täter "Fanatiker" und ruft in Erinnerung: "Millionen Muslime fliehen vor diesem Terror". Damit ist gleichzeitig ausgedrückt, dass es völlig abwegig ist, den Stab über alle zu brechen. Aus seiner Sicht der Dinge hat der Journalist und Jurist ausgemacht: "Nie hatten Terroristen eine besser ausgeleuchtete Bühne als im Jahrhundert des Internets."

"Geschundenes Wort"


Es folgen weitere Sätze, die zum Nachdenken anregen. Prantl unterstreicht: "Europa ist in Europa zu einem geschundenen Wort geworden." Ein Traum also, der zum Alptraum geriet. "Viel Tristesse, wenig Begeisterung." Doch genau diese Begeisterung will er fortdauernd erhalten sehen. Flüchtlingskrise hin und sich schließende Grenzen her. Der Autor vieler Bücher zitiert aus einem seiner Kommentare. Dort schrieb er: "Dieses Europa erstickt nicht, wenn es Kriegsflüchtlinge aus Syrien aufnimmt. Es erstickt, wenn es sie nicht aufnimmt. An seinem Geiz, seinen nationalen Egomanien und an seiner Heuchelei."

Auf dem Podium steht ein belesener Mann. Heribert Prantl wird demnächst Ehrendoktor der theologischen Fakultät in Erlangen. Einer, der immer bibelfest war und an den Exodus der Israeliten aus ägyptischer Sklaverei erinnert. Damals habe sich das Meer geöffnet. Heute nicht. "Zigtausende sind bei ihrer Flucht übers Mittelmeer ertrunken." Und dabei seien weltweit 60 Millionen auf der Flucht. Das Fluchtproblem ist für Prantl "ein Problem des 21. Jahrhunderts." Nur durch Einigkeit könne es bewältigt werden.

Ein Vordenker


Prantl ist kein Vorschreiber. Aber ein Vordenker. "Mit Mauern und Stacheldrähten sind noch nie Probleme gelöst worden", diktiert er der Politik ins Stammbuch. Nie sei er eigentlich ein Freund von Angela Merkel gewesen, gesteht der Journalist. Aber: "Sie ist über die Alltagspolitikerin hinausgewachsen." Ja, die Kanzlerin habe Fehler gemacht. "Aber ihre Grundlinie bleibt richtig." Nämlich: Gemeinsames Handeln in Europa und dabei die Menschrechte achten. Ein Abend, der lange nachwirken wird. Mit einer Rückendeckung für das Europäische Parlament und der Aufforderung: "Europa muss sozial, bürgernah, menschlich werden." Man merkt: Da steht einer, dem die Verkommenheit mancher Politiker ein Loch in die Seele brennt. Jemand, der nicht dulden mag, dass blühende Wirtschaftssysteme schon beim ersten Blick über den Tellerrand die Hand zur Menschlichkeit zurückziehen.

Geeinter Kontinent


Zum Schluss beschreibt Prantl, wie er sich diesen geeinten Kontinent vorstellt: "Europa zerschlägt nichts, Europa zerreißt nichts, Europa fügt zusammen." Eine Feststellung für die Geschichtsbücher. Auf den Weg gegeben für seine 300 Zuhörer, verbunden mit der Aufforderung: "Unsere Oberpfalz liegt mitten in Europa. Deshalb müssen wir dieses Europa im Herzen tragen." Siegfried Kratzer vom Evangelischen Bildungswerk, das Prantls Vortrag zusammen mit der Katholischen Erwachsenenbildung und der Volkshochschule veranstaltete, dankte dem Journalisten. Danach schrieb Prantl seinen Namen samt einer Widmung in das ihm von Bürgermeister Franz Mädler vorgelegte Gästebuch der Gemeinde.

Zitate"Das NPD-Verbot wäre ein Stück Gewaltschutz. Es käme einem Signal gleich."

"Das europäische Haus ist ein großes Haus mit vielen Räumen, Türen, Kulturen und vielen Arten von Menschen. Dieses Haus ist die Heimat Europa."

"Wir müssen miteinander leben lernen, nicht nebeneinander."

"Europa ist das Beste, was den Staaten in ihrer Geschichte passiert ist. Es ist ein unverdientes Paradies für die Menschen eines ganzen Kontinents."

"Wenn man sich in die Hausschlachtung einmischt, dann muss ich sagen: Das geht Europa einen Dreck an."

"Ein Europäer ist derjenige, der Sehnsucht nach Europa hat. Leisten wir uns, gönnen wir uns diese Sehnsucht." (hou)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.