"Schräge Vögel" von Kevin Coyne
Die Kunst der Freiheit

Das Lebensmotto von Kevin Coyne lautete: "Obwohl auf der Welt lauter Narren herumlaufen: Schlechte Menschen sind sie noch lange nicht!" Stefan Voit (Mitte) warb in seiner Eröffnungsrede für die "schrägen Vögel" und sprach dabei offenkundig auch Helmi und Robert Coyne aus der Seele. Bild: Geiger
Kultur
Vilseck
18.04.2016
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Der Kulturkasten Burg Dagestein in Vilseck zeigt unter dem Titel "Weird Birds / Schräge Vögel" Bilder des 2004 verstorbenen Rocksängers Kevin Coyne

Da gerade wieder einmal die Uralt-Frage diskutiert wird, wie weit sie denn reichen soll, die Freiheit der Kunst? Und ob eine Beleidigung, die in künstlerisch-satirischem Zusammenhang geäußert wird, ebenso zu bewerten sei wie eine Verbalinjurie. Eine von der Preisklasse, die ein erboster Verkehrsteilnehmer einem auf den Buchstaben des Gesetzes beharrenden Ordnungshüter an den Kopf wirft? Also, da wir also Tage und Wochen erleben, da so Grundsätzliches und vermeintlich längst fix Ausgehandeltes wieder die Schlagzeilen-Charts anführt, ja, da lohnt sich doch ein solcher Hinweis gleich noch viel mehr: Nämlich, sich mit dem Werk eines Mannes auseinanderzusetzen, der sich stets die Freiheit nahm, das, was er beobachtete, aufzuzeichnen und zu kommentieren. Und dabei frech zu sein und verrückt. Ein schräger Vogel nämlich. Der Mann, von dem hier die Rede ist, ist leider längst tot. 2004, da starb Kevin Coyne, dieser im britischen Derby geborene "weird Bird", im Alter von 60 Jahren in seiner Wahlheimat Nürnberg. Begonnen hatte er in den späten Sixties als Bandleader, als Blueser und höchst eigenbrötlerischer Singer-Songwriter. Und er war auch (nicht nur fürs warhol'sche Viertelstündchen!) ein paar Jahre lang berühmt.

Coyne war oben


Zwar nicht im Olymp, dort, wo die Götter ihre Lieblinge rückhaltlos und ein Leben lang wiegen und liebkosen. Aber doch: oben. Bei der Plattenfirma Virgin. Mit Andy Summers (später: The Police) als Gitarristen. Und die Agentur Hipgnosis (Pink Floyd, Led Zeppelin, Genesis) war fürs Artwork verantwortlich. Kevin Coyne führte ein richtiges Rock'n'Roll-Leben. Mit allem Drum und Dran - und nebenbei arbeitete er auch als Sozialarbeiter und kümmerte sich um diejenigen, die am Rand leben.

Ritualisierter Rhythmus


Als er 1985, nach einer auch die Tiefen durchmessenden Odyssee schließlich in Nürnberg anlandete, da war er selbst zur Randgestalt geworden. Dann aber begegnete er einer Frau namens Helmi. Und diese Liebe sollte sich als Glücksfall erweisen. Die beiden heirateten, sie baute ihn wieder auf und setzte ihn zurück aufs Gleis. Und so konnte er das, was er schon seit seinem Studium am "Derby College of Art" neben der Musik am liebsten getan hatte, fortsetzen. "Er hatte seinen ritualisierten Rhythmus: Tagsüber malte und zeichnete er. Und abends, da schrieb er!", erinnert sich Helmi Coyne.

Elvis macht sich ins Hemd


Ähnlich wie als Musiker lebte er dabei von seinem großen Improvisationstalent: "Ins Plattenstudio ging er, ohne dass er sich vorher auch nur eine Zeile aufgeschrieben hätte!". Auch als Maler lebte er von dieser Fähigkeit, Eindrücke des Alltags festzuhalten und in pointierte Kunst zu verwandeln. "Er war ein scharfer Beobachter, er blickte liebevoll und sarkastisch zugleich auf die Menschen und erkannte sofort deren Marotten und Ticks." Stefan Voit, der Ressortleiter Kultur unserer Zeitung, hat gemeinsam mit Helmi Coyne den Nachlass gesichtet und mit sicherer Hand diese 50 außergewöhnlichen Arbeiten, die Zeichnungen ebenso umfassen wie Malerei, ausgewählt: Meist sind das Porträts von Menschen mit Vogelschnäbeln, kuriosen Brillen und Kopfbedeckungen oder von Elvis mit riesiger Haartolle. Überhaupt diese Elvis-Porträts: Manche sind witzig beschriftet und wir erfahren, dass der King eigentlich eine Marionette war, oder dass er sich vor Angst in die Hosen machte.

Dass diese Ausstellung in Vilseck im Kulturkasten Burg Dagestein zustande kommen konnte, ist wiederum Adolfine Nitschke zu verdanken, der rührigen Kulturreferentin der knapp 6000 Einwohner zählenden Stadt unweit des Truppenübungsplatzes Grafenwöhr. Und so konnte die Vernissage auch zu dem werden, was sich Stefan Voit erhofft hatte: zu einer Art Familientreffen. Denn nicht nur Gitarrist Robert Coyne war aus London angereist (um tags darauf ein Konzert zu geben), auch der Sammler André Perdreau war aus Paris ebenso wie zwei Filmemacher aus den Niederlanden angereist. Sie alle huldigten einem Künstler, der aus freien Stücken kreativ war. Und der den Funken zur Inspiration aus jedem Lebensmoment bezog.
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