Lösung wächst in Grafenwöhr

Diplom-Forstwirt Marcus Meißner arbeitete am Wildbiologischen Institut Göttingen/Dresden und ist seit Jahren mit dem Modellprojekt befasst.
Lokales
Vilseck
29.04.2015
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Mit dem Wald ist das so eine Sache: Jeder will ihn schützen, jeder will ihn aber nützen, aber die Wildtiere kommen dabei immer mehr zu kurz. Auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr hat man sich schon lange dem Erhalt des Rotwildes verschrieben. Das klingt paradox bei jährlichen Abschusszahlen von rund 1700 Stück alleine in diesem Areal. Ist das so?

Gerade die Bestandskontrolle, im Verein mit einem genialen Management, sichert der Wildart das Überleben. Was alles möglich ist, erläuterte Forstdirektor Ulrich Maushake vom Bundesforstamt bei der Rotwildschau der Oberpfalz in Gut Heringnohe den staunenden Gästen.

Ideologie bremst vielfach

"Hirsch dient der Army und dem Forst" - diese Titelzeile aus unserer Zeitung beschreibe sehr gut die Wechselwirkung, die sich der Mensch jetzt zunutze mache. "Der Hirsch kann mehr als nur Rinde von Bäumen zu fressen!", stellte Maushake voran. Viel Wild, viel Schaden - wenig Wild, wenig Schaden, so einfach sei das nicht, auch wenn viele Verantwortliche noch dieser Theorie anhingen.

Ideologie und Scheuklappen verhinderten vielfach seit Jahrzehnten die Lösung des Wald-Wild-Konfliktes. Innovative Lösungen seien gefragt, und hier gehe Grafenwöhr vorneweg: Die US-Streitkräfte hätten schon lange erkannt, dass der Rotwildbestand im Übungsplatz ein wesentlicher Faktor zur Pflege und Instandhaltung der Landschaft sei. "Die positive Wirkung des Rotwildes im Offenland und als Wegbereiter für viele seltene Tier-und Pflanzenarten führt zu einer Win-win-Situation für die gesamte Natur auf dem Übungsplatz."

Noch vor 30 Jahren habe hier eine Mondlandschaft vorgeherrscht, in der selbst Panzer stecken blieben. Durch konsequente Arbeit sei inzwischen ein Schatzkästchen gewachsen, das eine einzigartige Vielfalt an Arten beherberge. "Wir haben Seeadler, Wildkatze, Schwarzstorch, Fischadler, Luchs, Rohrweihe, Kranich und Rohrdommel", zählte Maushake nur einige wenige geschützte Arten auf. Mitgeholfen hätten viele Behörden, Institutionen, Kommunen, Politiker, Land- und Forstwirte sowie nicht zuletzt die Jäger.

Modell für die Zukunft?

Auf der anderen Seite sei Wildschaden im Forst eine Existenzfrage. Also verbinde man beide Bereiche: Statt im Wald Bäume zu schälen, weide das Wild auf den Wiesen. Etwa 1500 Hektar jährlich würden gemäht und gemulcht, die Waldränder attraktiv für das Wild gestaltet und Ruhezonen für die Tierwelt geschaffen.

Diese gezielte Lenkung, im Verein mit kurzen, effektiven, trotzdem störungsarmen Jagdzeiten mache das Grafenwöhrer Jagdkonzept aus - ein Modell für die Zukunft, nicht nur in der Oberpfalz.

Aber was haben die privaten Jäger davon? Forstdirektor Ulrich Maushake erläuterte auch das:

Der auf dieser Fläche nahezu unvergleichbar hohe Wildbestand sichere als Pool das Rotwildvorkommen in der Region, mit Grafenwöhr und Hohenfels als Kernzellen. "Die Population ist gesund und artgerecht strukturiert".

Schäden in Wald und Flur hielten sich in Grenzen, der Wildbestand sei angepasst, wie es das Gesetz vorsehe.

Der Bestand ermögliche nachhaltige Bejagung, wovon alle Rotwildjäger der Oberpfalz und die Gäste profitierten. Auch die unterschiedlichen Bejagungszeiten draußen und drinnen stehen nicht im Widerspruch.

Komplett erstaunt zeigten sich alle, als Maushake das Bild einer speziellen Winterfütterung präsentierte: Vom Harvester gefällte Stämme einer Kiefern-Durchforstung bleiben liegen und werden vom Rotwild komplett sauber geschält - kostenloses Winterfutter, Arbeitserleichterung und in Verbindung mit dem gewonnenen Heu ein unschlagbares, fast kostenloses Konzept.

Nachdenken lohnt sich

Der gelenkte Hirsch - vom Waldschädling zum Landschaftspfleger: Das Grafenwöhrer Modell hat das Potenzial, sich bundesweit zum Rettungsanker der gefährdeten Spezies Rotwild zu entwickeln. Stellt sich die Frage, warum nicht überall so verfahren wird? Die örtlichen Verhältnisse sind aber nicht gleich. Doch eine Botschaft bleibt: Es lohnt sich das Nachdenken über Umgang mit dem Rotwild.
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