Wie der Landgerichtsarzt vor 150 Jahren das Leben seiner Mitbürger einschätzte
Der Bauer und der Düngerhaufen

Dr. Manuel Trummer trug den Zuhörern den Vilsecker Physikatsbericht vor.
Lokales
Vilseck
27.11.2015
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1860/61 wies König Max II. Joseph alle Physikatsärzte der Städte und Landgerichtsbezirke in Bayern an, die geografischen, klimatischen, kulturellen und sozialen Gegebenheiten in ihrem Bezirk zu dokumentieren. Dadurch wissen wir noch heute, dass damals in Vilseck gelegentlich die Malaria ausbrach.

Ein König als Volkskundler

Näheres dazu erfuhr man beim Vortrag des in Vilseck geborenen außerordentlichen Mitglieds der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Dr. Manuel Trummer. Er hat am Lehrstuhl Vergleichende Kulturwissenschaft der Universität Regensburg zusammen mit Studenten den Physikatsbericht transkribiert. Trummer erläuterte den bereits in napoleonischer Zeit begonnenen Weg hin zu diesen Berichten und gab Leseproben aus dem im Band 44 der heimatkundlichen Zeitschrift "Der Eisengau" erschienenen Physikatsbericht der Stadt Vilseck zum Besten.

Ab 1803 forderte die Regierung von den Landgerichtsärzten Berichte zu "medizinal relevanten Entwicklungen". Das Interesse daran verstärkte sich, bis schließlich 1848 der Volkskundler Max II. Joseph den Thron bestieg und Jahre später die Erstellung der Physikatsberichte binnen dreier Jahre verfügte: "Man brauchte kräftige Bauern, taugliche Soldaten und fleißige Arbeiter für die Manufakturen." Dazu war es notwendig, den Gesundheitszustand der Untertanen zu verbessern und die Sterblichkeit zu senken.

So heißt es in dem durch den Landgerichtsarzt Dr. Seidenbusch erstellten Physikatsbericht: "Es ist in der That das Klima in und um Vilseck eines der ungesundesten im Königreiche Baiern. Nicht allein die vielen Weiher um Vilseck sind es, welche als disparirende Ursachen jenes Wechselfieber unterhält und bösartig macht, sondern auch die Sümpfe und Moore sind hier auch vorzugsweise zu erwähnen."

Oder: "Zwei Mißstände auf dem platten Lande werden von dem bessern Geschmacke mit Recht sehr bekrittelt; es sind dieß die Aborte- und Dungstätten. Erstere fehlen den meisten Wohnhäusern der Landleute ganz; und wenn hie und da diesem Bedürfniße Rechnung getragen ist, so zeichnen sich dieselben nicht durch bescheidene Zurückgezogenheit aus, da sie auf oder ganz nahe an den Dungstätten angebracht sind. Diese aber sind allerwärts vor den Hausthüren und Fenstern situiert, so, daß das Sprichwort entstand: Der Bauer muß von seiner Stube aus den Düngerhaufen überschauen können, sonst ist er nicht gesund."

Schwein im Schlafgemach

Schließlich: "Die Wohnzimmer solcher (Land-)Leute sind dunkel und rauchig; die Wände feucht, und nicht selten theilen die Menschen ihr Schlafgemach mit dem Federvieh, einer Gans oder einem Schweine. Die Ausdünstung in solchen Wohnungen, in welchen auch gewaschen und gekocht wird, ist in der That schrecklich, und die Seltenheit der Erkrankungen ist nur in der Angewöhnung einer solchen Lebensweise zu suchen. Eine Beseitigung solcher Uebelstände durch Belehrung und Aufforderung zur Reinlichkeit ist bei solchen Leuten sehr hart oder gar nicht zu bezwecken." Gute alte Zeit? Doch es sei nicht verschwiegen, dass in den Berichten auch Positives steht.

Der Leiter der Regionalgruppe Amberg des Historischen Vereins, Dieter Dörner, ging auch auf die weiteren Artikel im Eisengau ein.

Die Zeitschrift ist erhältlich in Buchhandlungen, in der Touristinformation Vilseck und bei Georg Pickl in Kastl, die Physikatsberichte der Stadt Amberg und des Landgerichtsbezirks Amberg (Eisengau, Band 33) nur im Buchhandel.
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