Besuch im Mehrgenerationenhaus bei der Familie Schießlbauer-Götz
Großfamilie: Ein Geben und Nehmen

Andreas und Anna Götz (Zweiter und Dritte von rechts) sind froh, dass Xaver, Markus, Tochter Birgit, Elias und Jakob (von links) mit ihnen in einem Haus wohnen. Bild: Hartl
Vermischtes
Vilseck
31.08.2016
1886
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"Es war besser, dass ich da war." Zitat: Birgit Schießlbauer pflegte ihre Mutter Anna Götz, nachdem sich diese bei einem Sturz ein paar Knochen gebrochen hatte.
 

"Ich kann meine Eltern und das Haus nicht alleine lassen", sagt Birgit Schießlbauer. Sie hat sich vor einigen Jahren dazu entschieden, mit ihrer Familie im Haus der Eltern zu wohnen. Jetzt leben in dem historischen Gebäude drei Generationen unter einem Dach - was in Deutschland selten geworden ist.

Opa Andreas sitzt am Esstisch in der Wohnung seiner Tochter Birgit. Der braun gebrannte Enkel Jakob setzt sich auf den Stuhl neben seinem Opa, da kommen seine jüngeren Brüder Elias und Xaver angestürmt. Sie rennen am Tisch vorbei ins Wohnzimmer und werfen sich zu ihren Spielsachen auf den Boden. Als Markus, Brigits Mann, in die Küche kommt und sich einen Kaffee macht, fragt Jakob seinen Opa: "Willst du auch einen?" Gerne hätte Jakob ihm eine Tasse gebracht, doch der Opa lehnt dankend ab. Als Jakob sich später auf den Schoß seines Großvaters hockt, grinst dieser vor Freude.

Sieben Personen aus drei Generationen leben in dem historischen Haus in Vilsecks Altstadt. Bis 1995 betrieben dort Anna und Andreas Götz eine Landwirtschaft. 1975 hatten sie einen neuen Schweinestall gebaut, Anfang der 80er-Jahre auch einen Kuhstall. Keiner der fünf Söhne von Anna und Andreas wollte den Hof übernehmen. Da blieb nur Tochter Birgit übrig.

Vor einigen Jahren fasste sie den Entschluss, mit ihrem Mann Markus Schießlbauer das Elternhaus umzugestalten. Das mit Sandsteinornamenten verzierte Gebäude ist 450 Jahre alt. "Seit 1792 war die Familie Götz drauf", erzählt ihr Vater mit wehmütigem Ton. "Ich hätte schon gerne mal ein Haus gebaut", gibt die Tochter zu. Jetzt wohnen die Großeltern im Erdgeschoss, Birgit und Markus mit den drei Buben Jakob (10), Elias (7) und Xaver (3) im ersten Stock. Landwirte sind sie keine mehr. Markus führt einen Elektrobetrieb, Birgit arbeitet bei einem Autohaus in Amberg und ist Schreibkraft im Unternehmen ihres Mannes.

Jeder hilft jedem


Eine solche Gemeinschaft wie die der Götz' und Schießlbauers gibt es nicht mehr oft - selbst auf dem Land - denn die Zahl der Familien, ob groß oder klein, nimmt immer weiter ab. 2011 gab es nur noch knapp 12 Millionen Familien in Deutschland, 1996 waren es noch über 13 Millionen. Das fand das Statistische Bundesamt mit Hilfe des Mikrozensus 2011 heraus. Mehr als jede fünfte Person ist inzwischen alleinstehend. In jedem vierten Haushalt leben ausschließlich Senioren. Nur sechs Prozent dieser Altersklasse teilen sich Wohnraum mit jüngeren Personen.

Diese Entwicklungen gibt es auch in Bayern. Das Bayerische Landesamt für Statistik zählte 2014 über 2,5 Millionen Menschen in einem Single-Haushalt. Über zwei Millionen wohnen zu zweit. Nur 222 000 Bayern leben mit fünf oder mehr Personen gleichzeitig unter einem Dach. In der Altstadt von Vilseck gebe es vielleicht noch vier oder fünf solcher Gemeinschaften, schätzt Birgit Schießlbauer. "Das ist echt schade."

Den Haus-Umbau habe sie nicht für sich alleine gemacht. Als ihre Mutter einmal im Kuhstall ausgerutscht ist, merkte Birgit, wie es ist, wenn ein Familienmitglied länger ausfällt. "Da war es besser, dass ich da war", meint sie. Kleidung wechseln, waschen, putzen oder zu den Ärzten fahren - Birgit hat sich um ihre Mutter Anna gekümmert. Anna hat sich schon öfter Knochen gebrochen - immer war die Tochter zur Stelle. Im vergangenen Jahr war Andreas Götz krank und konnte sich nicht mehr gut bewegen. Da hat sich Birgit auch um ihn gekümmert. "Und die Kinder helfen mit", erzählt Jakob: Zum Beispiel, wenn der Opa sich nicht richtig bücken kann, bindet Jakob ihm die Schnürsenkel. Oft seien es nur Kleinigkeiten, bei denen man sich unterstützt, meint Birgit.

Es gibt viele Jüngere, die sagen: Alte Leute sind einfach eine Last.Birgit Schießlbauer


Die Hilfsbereitschaft im Hause Schießlbauer-Götz beruht auf Gegenseitigkeit. Denn als Birgit vier Wochen lang an einer Lungenentzündung litt, sprang Anna Götz ein. Unter anderem kochte sie für die Familie. Die Großeltern sind auch parat, wenn Birgit und Markus am Abend eine Radtour unternehmen wollen. Dann wachen Oma und Opa über den Schlaf von Jakob, Elias und Xaver. Die Senioren gießen die Blumen, wenn die jungen Leute im Urlaub sind oder nehmen Lieferungen für Markus' Elektrobetrieb an. "Das ist ein Geben und ein Nehmen", findet Birgit.

Die Götz' und Schießlbauers finden es gut, wenn viele Leute unter einem Dach leben. Vor einigen Jahrzehnten war es noch üblich, dass Großeltern, Eltern und Kinder sich Bad und Küche teilten. Seit den 60er-Jahren nimmt nach Aussage des Statistischen Bundesamts die Zahl der Haushalte, in denen drei oder mehr Generationen leben, ab. Besonders stark ist der Rückgang solcher Familien in Ostdeutschland. Auch bei Familie Schießlbauer-Götz führen die Großeltern einen eigenen Haushalt.

Nicht nur Frieden


Birgit gibt offen zu, dass es nicht immer reibungslos mit ihren Eltern laufe. "Weil sie manchmal Streit haben", erklärt Jakob. "Wir streiten wirklich mal", bestätigt seine Mutter, und Opa Andreas lacht. In den Augen ihrer Eltern mache sie manches vielleicht verkehrt. Es hieße dann: "Wo fährst du jetzt wieder hin? Was machst du nun? Muss das sein?" Birgit stellt aber klar, dass sie und ihr Mann viele Vorteile des Zusammenlebens genossen haben - und die überwiegen.

Die Tochter könne sich zwar vorstellen, ihre Eltern, wenn es notwendig sei, zu pflegen. Darüber hat Birgit mit Anna und Andreas Götz schon gesprochen. Doch alles habe seine Grenze, sind sie sich einig. Wenn die Senioren sehr pflegebedürftig werden, sei es besser, sie in professionelle Hände zu geben, sagen Birgit und Anna. Bis es soweit ist, sind sich die Schießlbauers einig: "Ohne Eltern wäre das Haus leer."

AuslaufmodellAls Gründe für die sinkende Zahl der Mehr-Generationen-Haushalte nennt das Statistische Bundesamt das Heiratsverhalten und die Familiengründung: Immer weniger Menschen lassen sich trauen, dafür steigt die Scheidungsrate. Außerdem bekommen Frauen später Kinder und die Zahl der Alleinerziehenden nimmt zu. Andere Ursachen sind die steigende Lebenserwartung und die auf dem Arbeitsmarkt geforderte Mobilität. Letzteres hat dazu geführt, dass viele Paare wegen ihrer Jobs getrennt leben und gezwungen sind, zwei Haushalte zu führen. "Es gibt viele Jüngere, die sagen: 'Alte Leute sind einfach eine Last'", erklärt sich Birgit Schießlbauer aus Vilseck die Zahlen. Sie wohnt mit Ehemann, fünf Buben und ihren Eltern in einem Haus. (esa)


Es war besser, dass ich da war.Birgit Schießlbauer pflegte ihre Mutter Anna Götz, nachdem sich diese bei einem Sturz ein paar Knochen gebrochen hatte.


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Oliver Endres aus Amberg in der Oberpfalz | 01.09.2016 | 21:54  
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