Interview mit der Hebamme Ulrike Zimmek aus Vilseck
Auf das Gefühl verlassen

Eine Schulter zum Anlehnen: Was Babys hilft, ist für die Eltern nicht minder erholsam. Hebammen geben frisch gebackenen Familien in schwierigen Anfangssituationen Halt und Sicherheit. Bild: Hartl
Vermischtes
Vilseck
13.05.2016
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Vor allem die Vaterrolle ist heute eine ganz andere. Die jungen Väter sind meist sehr eingebunden und eine große Unterstützung.
 

Sie stehen am Ehebett, setzen sich auf die Wohnzimmercouch oder wickeln das Baby im Kinderzimmer. Hebammen dringen schnell in Bereiche des Familienlebens vor, die eigentlich total privat sind. Zum Glück.

Denn nichts ist wohltuender als Expertenrat nach einer schlaflosen Nacht mit einem schreienden Neugeborenen auf dem Arm. Ulrike Zimmek ist bereits seit 1980 Hebamme und als solche so nah dran an den Familien wie sonst kaum ein Berufsfeld. In der Geburtshilfe, Schwangerenbetreuung und Nachbetreuung junger Familien bekommen die frisch gebackenen Eltern mit der Hebamme eine Vertrauensperson an die Seite gestellt.

Was macht eine gute Familie ihrer Meinung nach aus?

Ulrike Zimmek: Die Formulierung gute Familie finde ich etwas schwierig. Ich würde eher von einer gut funktionierenden Familie sprechen. Das bedeutet für mich, man bekommt jederzeit Unterstützung von der Familie, besonders wenn es schwierig wird. Man ist füreinander da und jeder hat auch seine Freiräume, um sich zu entwickeln.

Als Hebamme begleiten Sie Familien in besonders anstrengenden Zeiten. Haben Sie Tipps, wie Familien die Phasen der psychischen und physischen Anstrengung durchstehen?

Besonders wichtig ist es in dieser Zeit, offen miteinander umzugehen. Jeder sollte seine Bedürfnisse ansprechen können, damit Wege gefunden werden können, allen gerecht zu werden. Auch ist es hilfreich sich Unterstützung zu suchen, um sich selbst auf die wesentlichen Dinge konzentrieren zu können. Sich auf sein eigenes Gefühl zu verlassen, ist oft besser als sich zu viel Input zu holen.

Wie hat sich Familie Ihrer Meinung in den letzten zwei Jahrzehnten in unserer Region verändert?

Die Familiensysteme haben sich teilweise extrem verändert. Vor 20 Jahren war das klassische Familienmodell noch weit verbreitet. Viel öfter als heute lebten mehrere Generationen unter einem Dach. So hat man viele Dinge einfach so nebenbei mitbekommen. Die Großmütter waren häufig nicht berufstätig und damit als Unterstützerinnen da. Heutzutage muss man sich eher anderweitig organisieren. In den zurückliegenden Jahren entstanden eine Vielfalt von Familienmodellen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Gemeinsam haben sie, dass sie öfter auf Hilfen von außen angewiesen sind. Vor allem die Vaterrolle ist heute eine ganz andere. Die jungen Väter sind meist sehr eingebunden und eine große Unterstützung.

Wie sehr hat sich der Einsatz zur Aufklärung über das Stillen mittlerweile gelohnt?

Meiner Erfahrung nach entscheiden sich Frauen vermehrt bewusst für das Stillen. Junge Eltern sind meist gut aufgeklärt und treffen informiert Entscheidungen. Nichtsdestotrotz würde ich mir wünschen, dass noch mehr Stillende in die Öffentlichkeit treten. So können sie ihre Erfahrungen teilen, damit die ganze Gesellschaft davon profitieren kann.

Sie haben eine Zusatzausbildung zur Stillberaterin gemacht. Was ist das?

Ulrike Zimmek: Wir beraten Frauen rund um das Thema Stillen. Die Vorbereitung dazu kann man schon in der Schwangerschaft treffen. Stillberaterinnen geben auch Kurse, in denen Frauen verstehen lernen, wie Stillen eigentlich funktioniert. Darüber existieren ja immer noch sehr viele Ammenmärchen.

Was sind das für Ammenmärchen?

Zum Beispiel, dass mindestens zwei bis drei Stunden Pause zwischen den Stillmahlzeiten sein sollte, da sonst das Kind Blähungen bekommt. Oder dass bei einer schmerzenden Brust das Kind nur kurz angelegt werden darf. Oder: Wenn eine Mutter Nahrungsmittel wie Kohlgemüse oder ähnliches isst, verursachen diese Blähungen beim Kind. Das alles verunsichert die Frauen und die Märchen werden ohne wissenschaftliche Grundlagen verbreitet.

Wie kann sich eine werdende Mutter auf das Stillen vorbereiten?

Eben indem man sich einfach schon mal mit dem Thema beschäftigt und mit dem Partner darüber redet. Man kann auch mit dem Partner zusammen Stillvorbereitungskurse besuchen. Hier lernt man einerseits wie das Stillen in der Theorie funktioniert, aber auch praktische Sachen wie Anlegetechniken. Man erfährt einfach, was im eigenen Körper abläuft.

Warum braucht man für etwas so natürliches wie das Stillen einen Kurs?

Das Problem ist, dass wir es verlernt haben. Man kennt nicht mehr das, was früher in Großfamilien üblich war oder heute noch in anderen Ländern zum Alltag gehört. Das Umfeld hat gerade bei Frauen, die zum ersten Mal ein Kind bekommen, einen großen Einfluss.

Warum gibt es so wenig Großmütter, die selber gestillt haben?

Ulrike Zimmek: Das war ein Verdienst der Milchfirmen, die wollten einfach ihre Nahrungsmittel verkaufen. Nach dem Krieg wurde die Werbung für Säuglingsmilch stark gepusht. Es wurde als etwas besseres angesehen, wenn man es sich leisten konnte, Milchnahrung zu kaufen.

Also hat diese Ernährung nichts mit der Gesundheit für das Baby zu tun?

Ulrike Zimmek: Überhaupt nicht. Es ist definitiv so, dass das Stillen besser für das Kind ist. In der Muttermilch sind bisher 2000 entdeckte Stoffe, die dafür sorgen, dass das Baby gegen bestimmte Krankheiten immun ist und Abwehrkräfte hat. Da ist wahnsinnig viel drin, was man eigentlich nicht weiß. Außerdem ist die Muttermilch altersentsprechend aufgebaut. Ein Neugeborenes bekommt beispielsweise ganz viel Immunstoffe für die ersten Tage, dann wird die Milch ein wenig fetter. Für jede Lebensphase passt sich die Muttermilch individuell an.

Vor allem die Vaterrolle ist heute eine ganz andere. Die jungen Väter sind meist sehr eingebunden und eine große Unterstützung.Hebamme Ulrike Zimmek


Seit 36 Jahren BerufserfahrungMit 18 Jahren begann Ulrike Zimmek (54) die Ausbildung zur Hebamme. Mittlerweile kann sie auf eine 36-jährige Berufserfahrung zurückblicken.

2007 absolvierte sie die Zusatzausbildung zur Still- und Laktationsberaterin. "Stillberatung ist Sache der Hebamme. Hier kann man sich vorab Rat holen. Diese Leistung wird auch von der Kasse übernommen." Ulrike Zimmek besitzt in Vilseck eine Hebammenpraxis. Vor ihrer Selbstständigkeit war sie 28 Jahre im Klinikum St. Marien tätig. Jetzt widme sie sich auch der Verbandsarbeit als Stillbeauftragte von Bayern.

Als Hebamme bietet sie "das volle Programm" an: Geburtsvorbereitungen, Vorsorge, Rückbildungsgymnastik oder Wochenbettbetreuung. Insgesamt gibt es rund 20 Hebammen in Amberg und Umgebung.


Alle Artikel zum "Tag der Familie" unter www.onetz.de/themen/tag-der-familie.html
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