Kaiser und Hofstaat ewig treu

Nein, so eine Situation lässt sich Sepp Finster nicht entgehen. Ein Pulk Dortmund-Fans in London vor dem Champions-League-Finale 2013 lädt den Vilsecker förmlich ein, um ein paar provokante Fangesänge loszuwerden. (Foto: hfz)
Vermischtes
Vilseck
23.05.2015
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Sepp Finster hat den FC Bayern und seine Spieler zum Fressen gern. (Foto: Reiner Fröhlich)
 
Wenn der Sepp Durst hat, nimmt er eben mal einen kräftigen Schluck. (Foto: hfz)

Sepp Finster sieht aus wie der Prototyp des Vollblut-Bayernfans. Wie FCB-narrisch er ist, zeigt schon die Tatsache, dass er zu jedem Spiel des Rekordmeisters reist - egal, ob nach München oder Marokkko. Wer ihn reden hört, feiern sieht oder im Stadion erlebt, stellt schnell fest: Finster ist das wandelnde "Mia san Mia".

Zugegeben, das klingt sehr nach Pathos. Aber das ist bei dem 48-Jährigen Programm. Über seiner Haustüre ist ein Gemälde samt Krone, Lorbeerkranz, Vereinslogo und dem Spruch "FC-Bayern-Fan zu sein, ist eine Leidenschaft, dem Kaiser und seinem Hofstaat ewig treu zu dienen und zu huldigen" angebracht. Das harmoniert mit dem Namen des Fanclubs (derzeit 1053 Mitglieder), den Finster vor 20 Jahren mitbegründet hat und bei dem er seitdem Vorsitzender ist: "Die Kaisertreuen 1995".

Beliebtes Kamera-Motiv


Sowieso, der Beckenbauer - einer, wegen dem Finster Bayernfan geworden ist, wie er selbst sagt. Und der Hoeneß - für den Vilsecker immer noch ein Vorbild. Den ehemaligen Präsidenten verteidigt er vehement gegen jede Kritik. Logisch, dass so jemand wie der Vilsecker polarisiert. Er hat sich so eine Art Kultstatus erworben. Es passiert immer mal wieder, dass es in Kneipen plötzlich zum kollektiven Jubel kommt. Der Grund: kein Tor, kein Elfmeterpfiff und keine Rote Karte, sondern ein Finster Sepp, der gerade lautstark seinen FC Bayern nach vorne peitscht. Für viele Kameramänner ist er ein beliebtes Motiv: stets im FC-Bayern-Gewand, mal mit Cappy, mal mit Seppl-Hut, pausbäckig und meist wild gestikulierend. Oft trägt er einen Pullover aus der Klinsmann-Ära. Also der, als Klinsi noch selbst gegen das Leder trat. Üblicherweise zieht der Vilsecker eine Weste an, auf der die Aufschrift "Seniore Präsidente" prangt.

Rein optisch ist Finster also recht auffällig, wenn auch nicht exotisch. In den Stadien bekennen viele für ihren Verein von Kopf bis Fuß Farbe. Wer jedoch in einem solchen Outfit durch einen Basar in Marokko schlendert - in diesem Fall samt Lederhose -, ist eine Attraktion. In das nordafrikanische Land reiste der Vilsecker 2013 zur Klub-WM. "Alle wollten ein Foto mit mir", erinnert sich der extravagante Oberpfälzer. Die Anfragen werden zu viele. Also: nur noch Gruppenbilder. Alle paar Meter grinst Finster mit einem Pulk Marokkaner in die Smartphones und Digitalkameras.

Von seinen Reisen bringt der 48-Jährige viele Anekdoten mit nach Hause. Er ist so gut wie bei jedem Spiel dabei. Angefangen hat alles 1999 - jenem für den FC Bayern verflixten Jahr. Bayern gab im Champions-League-Finale in der Nachspielzeit eine 1:0-Führung gegen Manchester United her. Ein Spiel für die Geschichtsbücher - für die eingefleischten Bayernfans wohl eher eins zum Vergessen.

Mit Armen fuchtelnd


20 Stunden Fahrt haben damals Finster und ein Bus voller Mitstreiter auf sich genommen. Wenn der Fanclub-Vorsitzende heute über die Niederlage spricht, fuchtelt er mit seinen Armen. Ab und an breitet er sie aus und blickt gen Himmel - so als erflehe er sich noch 16 Jahre später Beistand vom Fußballgott.

Dafür haut er mit der Faust auf den Tisch, wenn er von seinem "geilsten Spiel" erzählt: Bayern gegen Valencia, 2001. Oliver Kahn hält im Champions-League-Finale den entscheidenden Elfmeter. Finster sagt in Anlehnung an den großen Diego Armando Maradona: "Die Hand Gottes." Da ist es wieder: Das Pathos, das aber auch untermalt, dass der Vilsecker für die Rot-Weißen lebt.

Pizza "eine coole Sau"


Die Blauen hingegen waren und sind die großen Rivalen. Schon als kleiner Bub habe er sich mit den Anhängern der 60er gezankt. Das scheint heute noch nachzuwirken. Wenn Finster bei einer Busfahrt mit dem Fanclub die Getränkepreise durchsagt, klingt das so: "Bier und Radler 1,30 Euro. Wasser und Spezi 59 + 1." 60 sozusagen als Wurzel alles Bösen. Selbstredend, dass die Freundin Bayern-Anhängerin ist. Finster sagt: "TSV-Fan hätte sie nicht sein dürfen."

Der Vilsecker sucht immer wieder den Kontakt zu den Spielern. Wenn in seinem Netzwerk das Hotel durchsickert, in dem die Fußballstars nächtigen, bucht sich Finster dort ein Zimmer. Er erzählt, dass er bei einer solchen Gelegenheit mit Claudio Pizarro im Foyer ein Champions-League-Spiel der Dortmunder geguckt hat. Über den Peruaner sagt der 48-Jährige: "Er ist einfach eine coole Sau." Danijel Pranjic und Rafinha waren schon in Vilseck zum Fanclub-Besuch. Mit Pranjic isst Finster gemeinsam einen Kuchen - jeder beißt an einem Ende der Leckerei. Rafinha lässt er nach der Ankunft in der Oberpfalz fast eineinhalb Stunden nicht zu Wort kommen.

Bei jedem Selfie, das die Fans mit dem Brasilianer knipsen, drängt sich auch Finster mit ins Bild. Für die Fußballer mit ausländischer Herkunft ist es nicht immer einfach, den Oberpfälzer zu verstehen. Der Sprech lässt sich am besten als Nuschel-Bayerisch beschreiben. Wahrscheinlich wegen all der Ecken und Kanten die Finster hat, wegen der Leidenschaft, mit der er die Dinge angeht, gilt er vielen als ein Original. Eines das Rot-Weiß trägt. Ohne den FC Bayern kann er einfach nicht.

Deshalb hat er auch keine Antwort darauf, was er machen würde, gäbe es den Rekordmeister plötzlich nicht mehr. Finster antwortet mehrmals und kopfschüttelnd mit "weiß nicht" und "keine Ahnung". Aber, wer so sehr für das "Mia san Mia" steht, kann sich wohl nicht ernsthaft mit einer solchen Frage beschäftigen.



HintergrundBürgermeister entkräftet Anekdote:

Über Sepp Finster gibt es viele Geschichten. Einer viel erzählten Anekdote zufolge soll er sich bei der Vereidung zum Stadtrat gewünscht haben, mit „Stern des Südens“ in den Rathaussaal einzuziehen. Hans-Martin Schertl entkräftete das aber. „Wir sind ein seriöses Gremium“, versicherte der Vilsecker Bürgermeister. An der Geschichte sei nichts dran. Was für Schertl aber feststeht, ist, dass Finster eine „besondere Type“ ist: „Er lebt und stirbt für den FC Bayern und ist ein Narr im positiven Sinn.“ Geht es um organisatorische Dinge, habe das beim Fanclub-Vorsitzenden Hand und Fuß.

"Auf eine Karte warten 20 Leute":

Ein Dauerthema ist für Sepp Finster die Karten-Kontingentierung. Der Fanclub-Vorsitzende sagt vereinfacht: „Auf eine Karte warten 20 Leute.“ Deshalb nutzt er auch jede Gelegenheit, um auf die nicht seltenen Engpässe aufmerksam zu machen. Ob nun Mario Mandžuki´cbei einem Fanclub-Besuch in Kastl oder Rafinha in Vilseck – beiden erklärte er schon die prekäre Situation. Schließlich wollen seine über 1000 Mitglieder mit Tickets versorgt sein.

"Ich bin ein Alles-Fahrer"

Sepp Finster ist nach eigenere Aussage bei 99,99 Prozent der Pflichtspiele dabei: „Ich bin ein Alles-Fahrer.“ Der 48-Jährige arbeitet Vollzeit als Stapelfahrer. Für seine Stadionbesuche tauscht er Schichten oder baut Überstunden ab. Alles eine Frage der Organisation.
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