Kein Totalabschuss im Übungsplatz
Hirsch grast, Buche wächst

Der Rotwildbestand im Übungsplatz leistet einen wertvollen Beitrag zur Offenhaltung der Landschaft. Auch die waldbaulichen Ziele seien zu erfüllen, erklärte Forstdirektor Ulrich Maushake. Wald und Wild müssten gerade hier im Gleichgewicht sein. Problemgebiete würden stärker bejagt – mit sichtbarem Erfolg. Bilder: Gebhardt
Vermischtes
Vilseck
27.04.2016
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Forstdirektor zwischen Seeadler und Hirsch: Ulrich Maushake stellte den Übungsplatz auch als wertvollstes Rückzugsgebiet für bedrohte Arten dar.
 
Dr. Florian Asche, Autor und Jurist aus Hamburg, beschäftigte sich mit dem vorherrschenden Bild der Tiere in der Bevölkerung.

Für den Bundesforstbetrieb Grafenwöhr gibt es klar formulierte Ziele, natürlich auch im Waldbau-Bereich: Forstdirektor Ulrich Maushake sah bei der Rotwildschau der Oberpfalz auch den Wildbestand als gesund und vorbildlich an. Aber er trat entschieden Gerüchten über einen angeblichen Totalabschuss im Übungsplatz entgegen.

Heringnohe. Zunächst aber griff der Forstdirektor das Schwarzwild auf: Wildschweine profitierten klar von den aktuellen Bedingungen der Kulturlandschaft, vornehmlich von großen Mais-Gebieten. Dies lasse die Bestände trotz intensiver Bejagung weiter wachsen. "Damit wird heftig gestritten, wer als Verursacher verantwortlich ist und wie Abhilfe geschaffen werden kann."

Im Landkreis Amberg-Sulzbach seien rund 2000 Stück erlegt worden, alleine im Übungsplatz 527. Das seien 4,3 Stück pro 100 Hektar Waldfläche im Gegensatz zu 3,2 im Landkreis. Auch sei der Anteil am weiblichen Schwarzwild in Grafenwöhr mit 53 Prozent deutlich höher als im Landkreis mit 45, so Maushake.

Alle bemühen sich


"Klare Botschaft nach außen: Alle Jäger der Region bemühen sich intensiv, Schwarzwild zu bejagen und Schäden zu begrenzen - auch im Übungsplatz mit gutem Erfolg." Verstärkt werde an den Rändern gejagt, um Landwirten zu helfen.

An Stammtischen höre man immer wieder, dass in einem Teil des Übungsplatzes, dem Revierteil Schwarzer Berg, das Rotwild komplett abgeschossen werden solle. Ulrich Maushake widersprach dem entschieden. Zielvorgabe beim Waldbau am Schwarzen Berg sei Etablierung der Naturverjüngung mit hohem Buchenanteil auf möglichst großer Fläche. Bei der Ausgangslage im Jahr 2000 hätten sich gerade mal 100 Hektar Verjüngungsfläche mit 25 Prozent Buchenanteil gefunden. Nach konsequenter Bejagung mit jährlichem Abschuss bis 550 Stück zeige sich nun der Erfolg: Die Flächen verzehnfachten sich auf 1000 Hektar, der Buchenanteil verdoppelte sich auf 55 Prozent.

"Jetzt können wir dort mit einer Jahresstrecke von 300 leben. Ein Totalabschuss sieht anders aus", bilanzierte Maushake. "Gerade aus Sicht des Steuerzahlers werden Sie alle Verständnis haben für das, was wir am Schwarzen Berg tun."

Klare Vorgabe von oben


Die Hauptbaumarten müssten ohne Wildschutz aufwachsen, das sei nun mal eine klare Vorgabe, die der Forstbetrieb einzuhalten habe. Das werde umfassend geprüft, kritisch bewertet und in die einvernehmliche Planung eingearbeitet. "So stellen wir die Nachhaltigkeit des forstlichen Wirtschaftens und aller Funktionen des Waldes sicher und prüfen sie."

Zum Schluss freute sich der Forstdirektor über den stabilen und hohen 2,3-Prozent-Anteil an alten Hirschen von über zehn Jahren an der vorliegenden Strecke. "Wir sind dem Idealziel sehr nahe."

"Auch das Töten aktzeptieren"


Heringnohe. Ein Weißwedelhirsch, der mit Kaninchen befreundet ist, die ihm helfen: Walt Disneys Bambi hat viel dazu beigetragen, dass in unserer Gesellschaft Tiere zunehmend vermenschlicht werden. Dr. Florian Asche aus Hamburg, aktiver Jäger, erfolgreicher Anwalt und bekannter Buchautor, sprach auf der Rotwildschau über Tierschutz, Tierrechte und ethische Fragen.

Mehr Sachlichkeit


Mit Philosophen und Denkern hatte er sich beschäftigt, die Bibel durchforstet: "Alles, was sich regt und lebt, sei eure Speise". Jesus als Fischer habe verstanden, dass, wer den Tod akzeptiert, das auch mit dem Töten machen müsse. Von Pythagoras und Buddha spannte er den Bogen der Gedanken zum Tier über Paulus bis zu Schopenhauer. Er hinterfragte die Lehre von der Gleichheit aller Lebewesen, forderte vehement mehr Sachlichkeit im Umgang mit Tieren. Übersteigerte Tierliebe, so Asche, sei nur Ausdruck menschlichen Selbsthasses. "Jeder von uns verdrängt Leben, auch der Veganer durch Landnutzung zum Sojaanbau."

Die Kirche habe kein Problem mit Verzehr von Fleisch im ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen. Leider hätten aber viele Philosophen Menschliches aufs Tier übertragen. Bewusstes Leben unterscheide uns aber von diesem. "Der Mensch weiß, warum er leidet, fragt sich, warum, grübelt, hofft, quält sich, dass andere leiden", zählte Asche auf - im Tierreich gebe es keinen Selbstmord. Man dürfe Tiere nicht bewusst leiden lassen, aber Leiden erkennen heiße nicht, es mit Menschen gleichzusetzen. "Erst Bewusstsein erschließt wirkliches Leiden!" Vergleiche der Tierrechtsorganisation Peta von Hühner-Batteriehaltung mit dem Holocaust empfand er als maßlos. "Ich hoffe, dass sich Menschenrechtsorganisationen und Zentralrat der Juden dagegen wehren, erlittenes Unrecht der Menschen ins Verhältnis zu einem Hähnchen zu setzen."

Aufklärung tut Not


Ähnlich verhalte es sich mit der Jagd: Immer weniger Menschen hätten Bezug dazu, für sie komme das Fleisch aus der Tiefkühltruhe. Florian Asche appellierte an die Waidmänner, mehr Aufklärungsarbeit zu leisten, besonders in Großstädten: "Wenn wir das nicht allen bewusstmachen, wird der Druck zunehmen."

US Army garantiert die Artenvielfalt


Heringnohe. Hohes Lob gab es bei der Rotwildschau für die US-Streitkräfte auf den Truppenübungsplätzen Grafenwöhr und Hohenfels: "Sie sind die Garanten für das Rotwild in der Oberpfalz", erklärte Forstdirektor Ulrich Maushake vom Bundesforstbetrieb Grafenwöhr unter dem Beifall der Besucher.

Alle Verantwortlichen der US-Streitkräfte des Trainingskommandos sowie der Garnison Bavaria könnten nicht hoch genug gelobt werden. Maushake bezog ausdrücklich auch das Bundeswehr-Kommando ein.

"Ihr Verständnis und ihre kluge Lagebeurteilung zu der sich immer positiver entwickelnden Wirkung des Rotwildes zur Pflege und Offenhaltung der Übungslandschaft sind der Schlüsselfaktor zu unseren Erfolgen", bilanzierte der Forstdirektor.

Der Übungsplatz wirke deswegen aber auch als Keimzelle nach draußen: Vom klaren Bekenntnis zum Naturschutz profitierten nämlich Seeadler, Kranich, Schwarzstorch, Braunkehlchen, Neuntöter und Heidelerche, um nur einige zu nennen. Sie und viele andere im Bestand bedrohten Tier- und Pflanzenarten fänden ein nahezu einzigartiges Refugium auf diesen Militärflächen. Maushake dankte stellvertretend den Colonels Mark. A. Colbrook und William C. Lindner.

Mensch-Mensch-Konflikt endlich beenden"Weniger Tiere, mehr Forst-Gewinn"

Heringnohe. (ge) Er führt gern eine scharfe Klinge, und auf der Rotwildschau wird seine Rede immer mit Spannung erwartet: Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg sprach diesmal über einen Konflikt, der eigentlich ein ganz anderer ist.

"Der Wald ist ein Ökosystem. Nun hat aber der Mensch vor einigen Jahrzehnten dieses natürliche Faktum verlassen und den Wald - ganz souverän und genauso töricht - in Bäume und Tiere aufgeteilt." Diese menschliche Einteilung des Waldes in Bäume und Tiere, die Abkehr vom Ökosystem Wald, sei die alleinige Ursache für den vielzitierten und allgegenwärtigen sogenannten "Wald-Wild-Konflikt". Er sei durch menschliches Handeln entstanden, "also ist er ein Mensch-Mensch-Konflikt", folgerte von Gemmingen-Hornberg. Die Bäume und die Tiere könnten da gar nichts dafür, das Problem seien die Menschen. "Hintergrund und Motivation für die Zerteilung des Waldes in Tiere und Bäume ist selbstverständlich der Wunsch nach möglichst hohen Gewinnen in der Forstwirtschaft. Mit Bäumen kann man mehr Geld verdienen als mit Tieren, und ohne Tiere kann man im Forst leichter Gewinne erzielen." Ohne Tiere im Wald brauche der Förster weniger Fachwissen, Kreativität und Toleranz. Also müssten die Tiere weg. Das sei zwar Mentalität des 19. Jahrhunderts und zeuge von großer Lernunfähigkeit, "doch der Unsinn fand sogar Einzug ins Bayerische Waldgesetz".

Der Slogan "Wald vor Wild" im Waldgesetz wolle die Aufteilung des Waldes in Bäume und Tiere festzementieren. Es werde sogar die gewünschte Hierarchie festgelegt, "Wald vor Wild" zeige ja, dass die Bäume - das Geld - wichtiger seien als die Tiere: Mensch-Mensch-Konflikt. Die Zeit sei reif für die Erkenntnis, dass eine maximale Gewinn-Optimierung in der Land- und Forstwirtschaft keine Zukunft haben kann. "Wir haben jeden Wald, jeden Ackerboden und jede Tierart nur ein Mal. Wenn wir unsere Ackerböden mit Chemikalien auslaugen und das Ökosystem Wald bewusst zerstören, nur weil wir so vorübergehend mehr Geld verdienen können, sägen wir an dem Ast, der unsere Zukunft ist."

"Das Rotwild gehört ins Ökosystem Wald", schloss der Freiherr. Rotwild-Schutz sei Naturschutz, dieser immer auch Menschen-Schutz. "Wenn wir verantwortungsbewusste Menschen sein wollen, müssen wir diesen dämlichen Mensch-Mensch-Konflikt jetzt beenden!"
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