Nachts mit Tschung durch Vilseck
Geschichte kann so amüsant sein

Mit seinem unnachahmlichen Humor sowie umfangreichem Wissen begeisterte Nachtwächter Tschung (Mitte) eine 67-köpfige Gruppe bei seiner Stadtführung zum Jahreswechsel. Bild: rha
Vermischtes
Vilseck
02.01.2016
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Wenn er so weiter macht, übertrumpft er noch den, über den er so gerne lästert. Nachtwächter Tschung weiß, was Vilsecks berühmter Sohn Elias Peissner im Wünnenberg-Haus so getrieben hat.

Vilseck. (rha) "Houst wieder oi gfundn, döi woust alöign kannst?". Das, so erzählt es Josef Eierer höchstselbst, würde so mancher Vilsecker zu ihm sagen, wenn er als Nachtwächter Tschung Gäste durch Vilseck führt. Ja, er hat wieder welche gefunden, 67 an der Zahl, die er durch die Altstadt geleitet. Seit Jahren schart dieses Oberpfälzer Original am 30. Dezember Leute um sich und bringt ihnen ebenso lebendig wie anschaulich die Stadtgeschichte näher. Aus Freihung, Edelsfeld, Sulzbach-Rosenberg und sogar aus Amberg waren diesmal einige gekommen, um Tschung zu erleben.

Nur er weiß es


Auf dem Marktplatz legte er auch gleich richtig los und erzählte seinen "Freunden der Nacht", wie es damals war, als der Vilsecker Türmersohn Elias Peissner mit der Mätresse König Ludwigs I. im Wünnenberg-Haus übernachtete. Der stolze Burschenschaftler Peissner sei ja nicht nur Bodyguard, sondern auch Nebenbuhler gewesen, fügt der Nachtwächter an. "Ja, Leute, alles ist wahr, was ich erzähle", sagte Tschung in dieser Nacht aber nicht nur einmal.

Durchaus gottesfürchtig


Und so spitzten die Zuhörer auch die Ohren, als er von den vier Stadttoren und der 948 Meter langen, sie verbindenden Mauer, die Vilseck einst umgab, erzählte. In der Herrengasse wurde der Chronist aber nachdenklich, als er von den Juden sprach, die in der Alten Apotheke - dem einstigen Pflegschloss - wohnten, und in der Nazizeit ihr Leben lassen mussten. Fast andächtig lauschten die Gäste im Fackelschein dem wiederholten Stundenruf des Nachtwächters, der stets in dem Gebet endete: "Menschenwachen kann nichts nützen, Gott muss wachen, Gott muss schützen. Herr, in deiner Güt' und Macht schenk uns eine gute Nacht!"

Schnapserl gefällig?


Auf Burg Dagestein informiert Tschung angesichts des hohen Bergfrieds über die Gepflogenheiten, sprich Podschamperl-Entleerung (Ausleeren eines Nachttopfes), eines Berufskollegen zur damaligen Zeit und hatte wieder die Lacher auf seiner Seite. Vom Spitalgebäude in der Froschau ging es dann durch das Hutergässchen und über die Breite Gasse hinauf zum Schwarzen Tor, das so heißt, weil im 30-jährigen Krieg die Pesttoten hier aus der Stadt gebracht wurden. Auch über die Kirche, das alte Schulgebäude und den Zwingerfriedhof wusste Tschung natürlich Interessantes zu berichten. Am Wohnhaus des illustren Gästeführers hatte dann die Ehefrau des Nachtwächters zur Überraschung für alle Teilnehmer ein Schnäpschen und etwas Süßes parat. Etwas fröstelnd, aber doch recht fröhlich, zog die Gruppe danach weiter durch das Träumergässchen zum Vogelturm. Hier verabschiedete sich Tschung mit einem Silvesterspruch von seinen Gästen und gab ihnen gute Wünsche mit auf den Weg. Und morgen, das ist aber nicht geschwindelt, feiert der Nachtwächter seinen 82. Geburtstag.
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