Fanartikel für alle
Die Schatzräuber

Geschäftsführer der "Lootraider", Thomas Engelhardt, in seinem Büro in Vilseck. Bild: Huber
Wirtschaft
Vilseck
05.07.2016
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Geschäftsführer Felix Söllner (rechts) und ein Helfer stapeln Kartons in der Lagerhalle. Bild: Huber

Sie verschicken Plüschtiere, Aufkleber und T-Shirts in die ganze Welt. Ihre Fans jubeln und die "Lootraider" wachsen. Seit mehr als zwei Jahren packen ein paar Jungs aus Vilseck jetzt Überraschungskisten für Fans von Computerspielen, Filmen und Serien – und machen ein gutes Geschäft.

Süß/Vilseck. "Die großen Firmen glauben immer nicht, mit was für Problemen wir auf dem Land zu kämpfen haben." Geschäftsführer Thomas Engelhardt führt durch einen alten Saustall. Auf der Rückseite des stillgelegten Bauernhofs verläuft eine verschlammte Piste einen Hang hinauf. Fünfzig Meter hangaufwärts kreuzt eine einspurige Dorfstraße. Der Unternehmer zeigt seinen Arbeitsplatz: "Hier kommen die LKWs an", erzählt er. Heute morgen hat es geregnet. Ein Geländewagen hätte Glück, wenn er den Schlammweg unbeschadet hinauf käme. "Die Lastwagen fahren hier nicht herunter, also tragen wir die Sachen von oben in unseren Lagerraum", erzählt der 23-Jährige.

Bereits in der Berufsschule kam Engelhardt gemeinsam mit anderen die Idee, ein gut funktionierendes Geschäftsmodell aus den Vereinigten Staaten zu übernehmen: Das monatliche Versenden von besonderen Überraschungskisten, beziehungsweise Wundertüten. Im Februar 2014 war es dann so weit: Die "Lootraider" gründeten sich.

2 700 Pakete im Monat


Engelhardt geht wieder zurück in den Schweinestall. Es ist eng. Überall liegt Holz oder Schrott auf dem Boden. In den schmiedeeisernen Ständen, in denen früher die Tiere gehalten wurden, türmen sich alte Geräte für die Landwirtschaft. "Das wird nicht mehr verwendet", erklärt Engelhardt. Der ganze Bauernhof sei stillgelegt. Durch den Stall hindurch geht es über eine zweite Tür in das Lager. "Die Nachfrage ist groß, wir suchen in Vilseck nach einem Bauplatz oder einer Halle, aber das ist sehr schwierig", berichtet er. Einstweilen seien sie hier in Süß untergekommen. Der Lagerraum ist vollgestopft mit Kartons. Darin sind T-Shirts, Poster, Aufkleber, Tassen, Getränkedosen, Mützen, Geldbeutel, Figuren, Süßigkeiten und vieles mehr. Für jeden Monat entwickelt Engelhardt zusammen mit seinem Geschäftspartner Felix Söllner und seinen zwei Brüdern die Idee für eine neue Überraschungskiste. "Wir haben erst bei uns auf dem Dachboden angefangen, aber der ist uns zu klein geworden. Im ersten Monat hatten wir fünfzehn Kunden."

Das war im Mai 2014. Im vergangenen Jahr hat das Unternehmen pro Monat etwa 2 700 Überraschungskisten verschickt. Jetzt helfen regelmäßig zwischen zehn und fünfzehn Freunde und Bekannte aus, um zum Ende des Monats die Kisten rechtzeitig zu befüllen. Der Name der Firma, "Lootraider", heißt übersetzt Schatzräuber. Die vier Jungs sehen sich als diejenigen, die für ihre Kunden nach den Schätzen jagen und für diese jeden Monat eine neue "Schatzkiste" zusammenstellen. Der Inhalt orientiert sich dabei an Filmen, Serien oder Computerspielen.

Teilweise mehr als 200.000 Klicks haben die Videos auf Youtube, in denen Fans sich dabei filmen, wie sie die neue Überraschungskiste auspacken:




Nischenprodukt


Der Geschäftsführer gibt zu, dass sich sein Produkt an eine Nische richtet. "Wir versuchen, das Besondere zu finden. Viele Sachen können unsere Kunden in Deutschland nicht erwerben." Der Sammlereffekt habe für sie großen Wert, erklärt er. "Das Durchschnittsalter unserer Abonnenten liegt zwischen 16 und 32." Engelhardt erläutert beispielhaft den Inhalt der Boxen: Beim Thema "Horror" verschickten die Lootraider etwa Tassen-Untersetzer mit Zombie-Motiv, "blutige" Süßigkeiten, Schnapsgläser die aussehen wie Totenköpfe und einen Energy-Drink namens "Paranoia". Beim Thema "Galactic" gab es unter anderem "Alieneier" als Süßigkeiten und ein Star-Trek-Abzeichen.

Geschäftsstelle Wohnhaus


Ihr Büro haben die Jungs im Wohnhaus von Engelhardts älterem Bruder eingerichtet. "In Vilseck gibt es so keine Büroräume, die man anmieten kann", erklärt der Lootraider. Das Haus am Ende des Ortes ist klein und unscheinbar. Der 23-Jährige deutet auf ein mit Plastikplane abgedecktes Bündel unter dem Carport: Dort stehe der Messe-Stand für die Gamescom in Köln. Im Haus führt links eine Tür in die Küche. In der Mitte geht eine Treppe zum Dachboden. Dort lagern ebenfalls noch Versandwaren der Lootraider. Vor einem Jahr wurde den Jungs der Dachboden zu klein. Seitdem haben sie das Lager in Süß.

Über den Gang geht es ins Büro des Start-Ups, eigentlich als Kinderzimmer gedacht. Dort drängen sich drei Tische mit zwei Computern und einem Laptop, zwei Drucker, eine Kaffeemaschine und ein Aktenschrank aneinander. An der Wand hängen die Übersichtskarten der vielen Überraschungskisten, die die Jungs bisher verschickt haben. "Kampf" ist etwa darauf zu lesen, oder "Television", "Bösewichte" und "Ritter".

Häufiges Unverständnis


Die Lootraider treffen oft auf Unverständnis, wenn sie von ihrem Geschäftsmodell erzählen: "Es gibt viele in unserem Alter, die nicht verstehen, was wir machen", erklärt Engelhardt. Bei seiner Oma sei es noch schwieriger gewesen: "Sie kommt ab und an und hilft beim T-Shirts falten. Ich hab' Monate gebraucht, um ihr zu erklären, um was es hier geht."

"Die Leute stellen sich das auch viel zu einfach vor. Keiner glaubt, dass wir wirklich arbeiten. Aber wir haben von acht bis vier zu tun." Die Unternehmen mit denen sie kooperierten glaubten wiederum nicht, dass sie so klein seien und mit welchen Problemen sie in Vilseck zu kämpfen hätten. In Deutschland seien sie mit ihrer Idee die Ersten gewesen. Mittlerweile gebe es viel Konkurrenz. Die Lootraider aber spielen weiter ganz vorne mit. Es gebe nur einen ähnlich großen Mitbewerber auf dem deutschen Markt und die Nachfrage steige, erklärt Geschäftsführer Engelhardt. Und es genüge ja auch, wenn ihre Fans den Sinn daran verstünden.
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