"Indien" am Landestheater Oberpfalz (LTO)
Philosophisch-dämlicher Schmäh

Das ungleiche Duo (Florian Wein, links, und Bernhard Neumann) findet nach vielen skurrilen Disputen in der gelungenen Inszenierung des Landestheaters Oberpfalz für die Burgfestspiele Leuchtenberg zueinander. Bild: T. Schwarzmeier
Kultur
Vohenstrauß
04.07.2015
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Nach Indien werden sie nicht mehr gemeinsam reisen, nicht mal nach Kirchstetten. Heinzi hält Kurti in dessen letzten Minuten in seinen Armen - der ultimative Freundschaftsdienst. Und flüstert dem Sterbenden die finale Lebenswahrheit zu.

Eine derart rührende Männerfreundschaft war nicht vorhersehbar. Hieß es doch kurz zuvor noch "Herr Fellner" und "Herr Brösel" - mit einer überbetonten Förmlichkeit, die Loriot alle Ehre gemacht hätte. Die gegenseitige Abneigung der beiden Gastronomie-Tester, die als unwillige Zwangsgemeinschaft durch die Gasthöfe der Alpenrepublik tingelten, ist in der Inszenierung des Landestheaters Oberpfalz (LTO) vom Stück "Indien" fast greifbar.

Einerseits der blasierte Fellner (Florian Wein), der mit intellektuellem Halbwissen und einem ungehemmten Drang zu Monologen gleichzeitig seinen Reisegenossen berieselt und auf ihn herabsieht. Anderseits der patente, einfach gestrickte Brösel (Bernhard Neumann), dem diese überkandidelte Art auf die Nerven geht und der sein Gegenüber ständig mit Zoten und derben Sprüchen zu provozieren versucht.

Hier entspinnt die wunderbare Tragikomödie aus der Feder von Alfred Dorfer und Josef Hader in der Vohenstraußer Friedrichsburg eine köstliche Dauerfehde mit kaum kaschierten Beleidigungen ("Scheißhüttl", "Arschgeigerl"), galligen Spitzen und schwarzhumorigen Sprüchen, die nicht nur die Fans des kultigen Humors verzückt.

Spritzige Gemächlichkeit

Till Rickelt versteht in einer inhaltlich sehr dichten Regiearbeit, das richtige Tempo exakt zu treffen. Er schickt seine Protagonisten trotz der klischeehaften gemächlichen Mentalität unserer Nachbarn durch einen flotten Szenenaufbau. Ohne Längen entwickeln sich die Persönlichkeiten und ihre Lebensgeschichte vor dem geistigen Auge der Zuschauer in der Friedrichsburg. Das macht die Dutzendtypen nur bedingt sympathischer, aber ihr stetiges Zusammenraufen nur noch einzigartiger. Auch wenn die Loser nicht streiten, bestehen die Dialoge daraus, abwechselnd über völlig unterschiedliche Themen zu reden. Doch langsam entsteht ein Gleichklang in dem Duo. Spätestens als Fellners Verzückungs-Laute beim Schmalzbrot-Essen perfekt mit dem Magenschmerzen-Stöhnen Brösels harmonieren.

Während eine Toilette nach der anderen getestet wird und Schnitzel nach Schnitzel in die ramponierten Mägen wandert, schwadroniert das Gespann über Wirte, Ärzte (Reinhard Hartwig gibt für beide Berufsgruppen den stoisch-kopfschüttelnden Sidekick) und über indische Bräuche. Später auch über die untreue Freundin und die korpulent gewordene Ehefrau. Die Thesen schießen ins Kraut, wenn Fellner wegen des Beamten-Ethos Angst hat, nachts in eine Waschmuschel zu urinieren, die man tagsüber abgenommen hat. Oder bei Brösels Theorien, wie man den Sex für seine Frau möglichst unangenehm gestaltet. Zwischendurch wird es so skurril, dass den glänzend aufgelegten Darstellern schon mal ein ungeplanter Lacher entkommt. Und das Publikum lacht aus vollem Halse mit. Sicher, die Konstellationen aus "Indien" wirken heute - fast ein Vierteljahrhundert nach der Erstaufführung - leicht nostalgisch. Doch auch wenn die unaufgeregt wirkende Ära der Handlungsreisenden vorbei ist, kreiert Rickelt zeitlose, perfekt harmonierende Charaktere in Situationen, die auch in die heutige Zeit passen.

Rührung statt Trauer

Florian Wein überzeichnet jede mimische Regung seiner Figur extrem, während Neumann allzuviel Gesichtsausdruck mit Macht unterdrücken muss. So ist es am Ende unglaublich intensiv, wenn Feller immer wortkarger wird und Brösel um seinen Freund weint. Der Zuschauer aber trauert - worauf die Inszenierung abzielt - nicht mit. Weil die Empathie nicht groß genug ist. Weil Fellner die Phasen des Verlusts wie Leugnung, Resignation und Wut binnen Minuten absolviert. Was bleibt ist eine unterhaltsame, schöne Ode an die Freundschaft. Und eine potenziell lebensverändernde Lebensweisheit Brösels, die wegen eines Presslufthammers aber ungehört bleibt.
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