Kirchenhistoriker Hubert Wolf liest in Vohenstrauß aus seinem Buch "Die Nonnen von Sant' ...
Die dunklen Schatten der Vergangenheit

Kultur
Vohenstrauß
24.03.2015
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In den vatikanischen Archiven zu lesen ist für Historiker ein Eldorado. Und genau darin schlummerte diese eine Akte, die der Münsteraner Kirchenhistoriker Professor Dr. Hubert Wolf in seinem Buch "Die Nonnen von Sant'Ambrogio" aufbereitet. Diese wahre Geschichte, die eher nach einem Roman oder Krimi klingt, hätte ein kreativer Romanautor nicht besser schreiben können. Wolf "brennt" richtig dafür, bewarb Buchhändlerin Maria Rupprecht den Historiker. Das Buch beschreibt eine wissenschaftlich genau rekonstruierte brisante Geschichte. Der Autor beförderte diese in mehr als zehnjähriger Präzisionsarbeit in den vatikanischen Archiven ans Tageslicht.

Erschreckende Reise

Die katholische Kirche und ihre Vergangenheit werden dabei in ein trübes Licht gerückt. Schon lange forscht Wolf im vatikanischen Archiv, doch dieser Fall scheint einmalig. Der Autor nimmt die Zuhörer auf eine Reise des Ermittlungsrichters mit. Die Vorgänge lassen den Zuhörern buchstäblich die Haare zu Berge stehen. Der Mordanschlag auf Katharina von Hohenzollern-Sigmaringen, eine Nonne im römischen Kloster Sant' Ambrogio, einem strengen Klausurkloster, bringt im Juli 1859 einen Inquisitionsprozess ins Rollen. In dessen Verlauf stellt sich Unglaubliches heraus: Nonnen verfallen in eigenartige Zustände zwischen sexueller und mystischer Ekstase, Novizinnen werden missbraucht, Dämonenaustreibungen, angemaßte Heiligkeit und angebliche Wunder sind an der Tagesordnung. Frauen geben sich der Liebe hin und alles unter Vorspiegelung himmlischer Heiligkeit. Teufelsaustreibungen werden zum Vorwand sexueller Spielchen. Die Äbtissin bezeichnet sexuelle Praktiken als gottgewollt. Die wundersüchtigen Nonnen glauben an Schreiben, die direkt vom Himmel kommen. Zweiflerinnen wie Novizin Luisa Maria werden zum Schweigen gezwungen oder für immer beseitigt.

Beteiligt sind nicht nur machthungrige, von Wahnvorstellungen beherrschte Nonnen und Priester, sondern auch ein Netzwerk einflussreicher Jesuiten und Kardinäle mit besten Kontakten zum Papst. Wolf spürte die Prozessakten auf. Fast hätte Fürstin Katharina von Hohenzollern-Sigmaringen das Ende ihres Abenteuers hinter römischen Klostermauern mit dem Leben bezahlt. In letzter Minute rettete sie sich mit Hilfe ihres mächtigen Cousins, Erzbischof Gustav Adolf zu Hohenlohe-Schillingsfürst. Dieser, ein enger Vertrauter von Papst Pius IX., bewirkte das Inquisitionsverfahren. Der Prozess dauerte zweieinhalb Jahre. Joseph Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation öffnete das vatikanische Archiv 1998. Nur durch ihn seien die Recherchen ermöglicht worden, sagte Wolf. In ihrer fünfzehnmonatigen Zeit als Novizin gerät Katharina von Hohenzollern-Sigmaringen als Luisa Maria in Lebensgefahr. Sie überlebt sogar Giftanschläge. Der Professor berichtet detailliert über die Vorgänge im Kloster. Er erklärt deren theologische Hintergründe. Bis heute besitzt dieser Fall von Sant'Ambrogio eine gewaltige Sprengkraft. "Kann ein Schriftsteller das alles schöner beschreiben als es die Archive der Geschichte tun?" Wer diese Quellen lese, werde atemlos.

Kranke Religiosität

Im Buch wird der Missbrauch junger Mädchen durch die Äbtissin mit dem Hebel der Religion vor Augen geführt und so der Bezug zur Gegenwart gefunden. "Wer dieses Buch liest, ist erst einmal schockiert." Katharina von Hohenzollern-Sigmaringen gründete später in Beuron ein Männerkloster. Der Sinn des Buches sei in erster Linie, die Strukturen kranker Religiosität zu erkennen. Aus dem konservativen Flügel Roms habe sich bis heute niemand getraut gegen dieses Buch vorzugehen, denn es orientiere sich strikt an der Quelle. Mittlerweile gebe es bereits Interesse an einer Verfilmung des Buches. Ein Drehbuch werde derzeit entwickelt.
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