Kopfkino mit tragischem Helden

Der erleuchtende Moment, in dem Peer Gynt (Adnan Barami, Mitte) klar sieht: Die Tochter des Wüstenräuber-Anführers (Laura Kindl, Dritte von links) erinnert ihn an seine Solvejg. Bild: T. Schwarzmeier
Kultur
Vohenstrauß
08.06.2015
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Peer ist nicht besonders helle. Langsam aber dämmert es sogar ihm: Er muss nach Hause zurück, zur Liebe seines Lebens und zu seiner alten Mutter. Leichter gesagt als getan - als Sklave eines Beduinen-Räubers, tausende Kilometer von seiner Heimat Norwegen entfernt.

Egal, der Wendepunkt der Geschichte von "Peer Gynt", die das junge Ensemble des Landestheaters Oberpfalz (LTO) bei den Burgfestspielen Leuchtenberg erzählt, ist erreicht. Die faktische Heimkehr des Anti-Helden nach einer mitreißenden Odyssee verkürzen Michelle Völkl und János Kapitány auf zwei Sätze und beim Premierenpublikum am Samstag auf die eine drängende Frage: Schafft er es noch rechtzeitig, sein Leben in Ordnung zu bringen?

Zuvor aber schickt das Regie-Duo Peer in einer - auf essenzielle Botschaften reduzierten - Bearbeitung auf eine spannende Reise, auf die sich der Zuschauer einlassen muss.

Farbenprächtige Kostüme und exotische Bühnenbilder, für die Henrik Ibsens fantastische Erzählung unzählige Aufhänger bieten würde, gibt es auf der Bühne der Friedrichsburg nicht. Die Schauspieler tragen grau-braune Einheitskleidung und agieren vor komplett schwarz gehaltener Kulisse. Kostümbildnerin Eva Schwab und Bühnengestalter Pascal Seibicke liefern damit ideale Projektionsflächen für ein wunderbares Kopfkino.

Nur der Hintergrund mit dem Weltall und eine clever gesetzte Beleuchtung geben dem Drama eine anregende mystische Grundstimmung und unterstützen die inhaltliche Orientierung. Es ist das starke Ensemble, das es den Zuschauern mit inspiriertem Spiel erleichtert, ihrer Fantasie während der magischen Irrfahrt die Führung zu überlassen.

Keine romantische Stimmung

Dabei hat Peer einen schweren Start ins Leben. Sein Vater (stark: Barbara Kießling) ist ein Säufer, der seine verarmte Familie im Dorf in Verruf bringt. Er macht alles kaputt - nach einem Kneipenbesuch mit einer ironisch dahingesungenen Reverenz sogar Edvard Griegs "Morgenstimmung". Mit der Peer-Gynt-Suite als musikalische Begleitung klassischer Ibsen-Inszenierungen legt die moderne Bühnenfassung Thomas Birkmeirs auch jegliche angestaubte Schnörkel der Vorlage, wie religiöse Aspekte, ab und nimmt sich nötige Freiheiten. Damit haben die frischen Darsteller - allen voran der glänzende Adnan Barami als kindsköpfig-richtungsloser Peer - den Raum, die Gefühle ihre Figuren auszuleben.

So entwickelt sich ein ansprechendes, zeitgemäßes Fantasy-Abenteuer mit milder faustischer Note und eingeflochtenen sozialkritischen Elementen, die sich mühelos auf die heutige Zeit übertragen lassen. Eine treffsichere Allegorie auf das Erwachsenwerden, in der ein unreifes Selbstbild und falsche Entscheidungen für allerhand Wirrungen sorgen, ehe der Protagonist zu sich findet.

Da hilft es auch nicht, dass Peers Mutter (besonders anrührend in der Schlussszene: Alexandra Gruber) ihm von klein an hochtrabende Pläne in den Kopf setzt und er sich die Wirklichkeit durch erfundene Heldentaten schönredet. "Die Anderwelt beginnt im Kopf", meint der Träumer eigensinnig. Einziger Lichtblick ist Pastorentochter Solvejg (überzeugend: Laura Kindl), die mit ihm in seine Fantasien eintaucht und sich immer wieder für ihren drangsalierten "Lügen-Peer" einsetzt. Es hilft aber nichts. Nach einem Eklat bei einem Dorffest flieht der Außenseiter. Während die Jahre vergehen, werden Peers skurrile Geschichten wahr. Er heiratet beinahe eine Troll-Prinzessin, wird ein reicher und brutaler Sklavenhalter in Amerika und sogar zum König ernannt - im "Palast des Denkens" in Kairo - einem Irrenhaus. Ausgeraubt und arm landet er schließlich selbst in der Sklaverei.

Auch Tontechniker

Die fließende, kompakte Bühnenfassung hält die Spannung hoch. Die Darsteller vollbringen eine wahre Energieleistung. Auch Katrin Bast, Christina Forster, Elisabeth Prem und Hannah Stahl gehen in der offenen Inszenierung nicht von der Bühne ab, sondern wechseln nahtlos und authentisch ihre Charaktere und in die Rolle des Erzählers. Ohne viele Utensilien. Wer in der Handlung nicht präsent ist, sitzt auf Bänken an den Bühnenseite und sorgt für die dosierten Soundeffekte.

Wie Geschworene wirken sie da am Ende, als der zurückgekehrte Peer um seine Seele und sein Glück kämpft. Hier hätte etwas weniger Tempo die Dramatik noch verstärkt, doch das war nach einem vollauf gelungenen Theaterabend Nebensache.

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Karten beim NT/AZ/SRZ-Ticketservice unterTelefon: 0961/85-550, 09621/306-230 oder 09661/8729-0
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