Lesung in Vohenstrauß: "Putin" von Hubert Seipel
Auf politisch dünnem Eis unterwegs

Autor Hubert Seipel lässt sich nicht in die Karten schauen. Bild: Stiegler
Kultur
Vohenstrauß
16.03.2016
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Der Journalist Hubert Seipel erklärt die Gedankenwelt und das Handeln des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Zumindest versucht er es. Ob er eine eigene Meinung zu Putin hat, wurde bei der Lesung in Vohenstrauß nicht ganz deutlich. Die Bewertung überlässt er nämlich dem Leser.

Von Holger Stiegler

Um sein Image im westlichen Europa steht es nicht gut. Liest man sich durch das knapp 400 Seiten starke Buch, dann kommt man unweigerlich zur Erkenntnis, dass dies Wladimir Putin wohl ziemlich egal ist. Auf was der russische Präsident wirklich Wert legt und was ihm wichtig ist, hat Journalist Hubert Seipel in seinem Werk "Putin. Innenansichten der Macht" niedergeschrieben. In der Buchhandlung Rupprecht in Vohenstrauß stellt Seipel sein Buch vor und erzählt auch von den zahlreichen Begegnungen und Gesprächen mit Putin.

"Ich zeige seine Sicht der Dinge", erklärt Seipel. Er nehme dem Leser die Entscheidung nicht ab, dieser solle seine eigene Schlüsse ziehen aus dem, was Putin sagt. Seipel bemängelt, dass seiner Ansicht nach bei den Themen Russland und Putin derzeit Meinungen eine größere Rolle spielen als die Beschreibung von Fakten. "Er steht im Westen unter Generalverdacht, nur Übles im Schilde zu führen", berichtet Seipel. Und dass Putin vom dem Buch durchaus auch einen Nutzen hat, räumt Seipel unumwunden ein. Dass er selbst nicht selten als "Putin-Versteher" oder "Putin-Erklärer" tituliert wird, sieht Seipel nicht negativ: Denn nur, wenn man den anderen verstehe, dann könne man sich ernsthaft mit ihm auseinandersetzen.

Autor liefert Erklärungen


Über die Art dieser "Auseinandersetzung" lässt sich trefflich streiten. Man kann es so machen wie Seipel. Man muss es aber nicht. Für das militärische Syrien-Engagement Putins liefert der Autor eine interessante Erkenntnis: Putins erste Amtstage als Ministerpräsident 1999 seien geprägt gewesen von tschetschenisch-islamistischen Terror in Moskau und den Krieg um die Kaukasus-Republik. Er hänge nicht an dem syrischen Machthaber Assad, möchte aber vermeiden, dass der dortige Staat zerfalle und das sich ausbreitende Chaos die Südgrenze Russlands bedrohe.

Und mit der Besetzung der Krim und Putins offensichtlicher Einmischung in der Ostukraine wolle er ein Abdriften der Ukraine nach Westen verhindern. Denn das Misstrauen gegenüber dem Westen, erklärt Seipel, sitze bei Putin tief und gehe bis ins Jahr der deutschen Wiedervereinigung zurück: Die Außenminister Genscher und Baker hätten damals versprochen, dass sich die NATO nicht nach Osten ausdehnen werde - und nicht Wort gehalten. Putin berichtete dem Journalisten weiter, dass er persönlich nichts gegen Homosexuelle habe, aber die russische Gesellschaft hier nur sehr wenig Akzeptanz aufbringe.

Kein "lupenreiner Demokrat"


Gerne würde man an dieser Stelle erfahren, warum die staatlichen Sicherheitskräfte durchaus brutal gegen Homosexuelle vorgehen. Auch im Falle des Umgangs mit dem früheren Oligarchen Chodorkowski legt Seipel in seinen Ausführungen den Schwerpunkt auf dessen finanzielle Aktionen und betont, dass Chodorkowski im Westen zum "Märtyrer" stilisiert werde. Ob der Prozess eventuell politisch gelenkt war? Seipel lässt sich nicht in die Karten schauen, was er selbst denkt, bleibt meist offen. Nur einmal, ganz am Ende, lässt er auf Nachfrage durchblicken, dass er Putin zumindest nicht als "lupenreinen Demokraten" bezeichnen würde. Bei so manchem Thema aber, wo man noch einen weiteren Haken schlagen könnte, bleibt dieser bedauerlicherweise aus.

So muss der Zuhörer letztlich tatsächlich selbst herausfiltern, welchen Weg der Einschätzung Putins er geht. Seipels Gratwanderung in Buchform mag dafür vielleicht ein Wegweiser unter vielen sein. Mehr aber auch nicht.
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