Premiere von "Tschick" am LTO
Zwei Außenseiter erobern die Welt

Maik und Tschick treffen auf ihrer Reise auf so manche "spinnerte" Persönlichkeit. Friedemann und seine Familie entpuppen sich als unkonventionelle, aber sorgsame Gastgeber. Bild: Otto
Kultur
Vohenstrauß
04.06.2016
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Wolfgang Herrndorfs "Tschick" ist ein großes Buch. Warmherzig, zum Teil urkomisch. Mitunter turbulent. Es geht um bedingungslose Freundschaft und darum, wie wertvoll Menschen sind, auch wenn sie nicht mit dem Strom schwimmen.

Als Bühnenadaption eine ungemeine Herausforderung, die das Landestheater Oberpfalz (LTO) bei der Premiere in der Friedrichsburg in Vohenstrauß bravourös gemeistert hat - mit herausragenden Darstellern, smarter Inszenierung und einem genialischen Griff in die multimediale Trickkiste. "Ich konnte Tschick von Anfang an nicht leiden. Keiner konnte ihn leiden. Tschick war ein Assi", sagt Maik (Adrian Stuhlfelner) am Anfang des Stücks ablehnend.

Doch der Russlanddeutsche lässt nicht locker und bewegt den Klassenkameraden zu einer Reise. Auf der wächst zwischen ihm und Tschick (Julian Häuser) eine Notgemeinschaft der Loser heran, aus der schlussendlich zutiefst aufrichtige und loyale Freundschaft entsteht. Der Weg dorthin geht über steinige und holprige Wege. In einem Uralt-Lada, den Tschick geklaut hat. Sie wollen den Osten erkunden, kommen nie an. Und haben am Ende doch die Welt erobert.

Unscheinbarer Außenseiter


Dabei könnten die Figuren unterschiedlicher nicht sein. Da ist der unscheinbare Außenseiter Maik, ein materielles Wohlstandskind. Seine Mutter (Carmen Puhane) hat ein Alkoholproblem und sein Vater (Uli Scherr) ist ein zynisch-verbittertes Ekel. Freunde hat er keine, er findet sich langweilig und ist unglücklich verliebt. Tschick ist Russlanddeutscher mit einer kriminellen Familie. Ein Außenseiter wie Maik. Er gibt sich hart. Im Inneren aber trägt er ein Geheimnis. Und ist zum Schluss sehr verletzlich.

Wie im Buch


Auf ihrem Trip begegnen die beiden Protagonisten einer Menge Menschen, die auf den ersten Blick skurril erscheinen, ihnen aber vor Augen führen, wie egal das ist, wenn die Herzensbildung stimmt. Da ist der seltsame Junge Friedemann (Uli Scherr) und seine Familie, die sich als liebenswerte Gastgeber entpuppen, "spinnerte, aber gute Leute", konstatiert Maik.

Oder die Sprachtherapeutin (Carmen Puhane), die Tschick aus Versehen das Bein bricht und sich anschließend rührend um die Jungs kümmert. Und da ist dann noch Isa (Lara Thomas), eine Ausreißerin, die auf einer Müllhalde zu leben scheint. Sie ist schmutzig, laut, ordinär. Und sie stinkt. Hartnäckig heftet sie sich an die Fersen der beiden Jungs - bis auch sie zu einer wichtigen Freundin wird. Und selbst als die Reise zum Schluss in die Hose geht, mit Unfall und Gerichtsverhandlung. Auch wenn Tschick ins Heim muss und Maiks Vater seinen Sohn verprügelt. Die Freunde bereuen nichts.

Der "Tschick" des LTO's ist kein Theaterstück nach einem Roman, sondern ein Theaterstück wie ein Roman. Das Drehbuch bleibt sehr nah am Original, lässt ganze Szenen weg, statt diese kürzend umzuschreiben. Die Herausforderung für die Regie des LTO (Tina Lorenz und Till Rickelt): Das Kopfkino im Zuschauer zu erzeugen, wie es Herrndorfs Roman vermag.

Wie soll man zum Teil spektakuläre Szenen auf ein paar Quadratmetern Bühne in Szene setzen? Dafür greift die Regie in die kreative Trickkiste. Die Action-Szenen werden mit Playmobil-Männchen und -Utensilien nachgestellt, gefilmt und live per Beamer auf die Bühne projiziert. Hässliche Ölgemälde dienen als Hintergrundkulisse, ein Goldfischglas als See. Außerdem nimmt Maik immer wieder die Rolle des Erzählers ein und kommentiert die Vorgänge - ähnlich etwa wie im epischen Theater Bert Brechts.

Freundschaft entsteht


So verliert sich die zärtliche Geschichte nicht in aufwendigen Kulissen und Umbauarbeiten. Es steht im Mittelpunkt, was auch im Buch von Herrndorf zentral ist: die Dialoge der beiden Protagonisten, die mit der Handlung immer mehr Tiefe bekommen und die Entwicklung einer außergewöhnlichen Freundschaft nachvollziehbar machen.
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