Vortrag von Rupert Neudeck
Querdenker mit radikalem „Touch“

Rupert Neudeck gehört auch mit fast 77 Jahren noch nicht zum "alten Eisen", sondern glänzt als messerscharfer Analyst. Bild: Stiegler
Kultur
Vohenstrauß
27.04.2016
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Er redet nicht nur. In erster Linie packt er an - und das seit vielen Jahrzehnten. Bei seinem Vortrag in der Vohenstraußer Buchhandlung Rupprecht führt Rupert Neudeck den Zuhörern wieder einmal vor Augen, warum es mehr von seiner Sorte geben sollte. Neudeck gilt als notorischer Querdenker und hält Politikern und Verwaltung oftmals den Spiegel vor. Am Montagabend steht er auf dem kleinen Podest: Er wirkt fast etwas schüchtern, der schmächtige Mann mit dem weißen Rauschebart. Und verfügt gleichzeitig über eine enorme Ausstrahlungskraft.

Oft Ärger eingebracht


Noch heute, im Alter von fast 77 Jahren, legt der "Cap Anamur"-Gründer die Finger in die Wunden der internationalen Politik. Dabei nimmt der Theologe und Journalist kein Blatt vor den Mund. Er setzt sich gegen alle Widerstände vehement für die Belange der Unterdrückten und Ausgebeuteten ein. Und das hat ihm nicht selten jede Menge Ärger eingebracht hat. Einen Schwerpunkt in seinen Ausführungen legt er auf die Flüchtlingsproblematik. Mit Blick auf Syrien stellt Neudeck fest: "Man hat das Volk dort in Stich gelassen!" Man sei mit einem Regime konfrontiert, dass die eigene Bevölkerung aus der Luft mit Bomben umbringt. Aktuell, so Neudeck, gebe es nicht den Schimmer einer Lösung. Dass die Leute von dort wegwollen, sei ganz natürlich. "Wir dürfen aber die Menschen, die zu uns kommen, auch nicht in Watte packen", erklärt Neudeck. Diesen Menschen müsste man vielmehr Aufgaben und Tätigkeiten geben. "Aber unsere Gesetze sehen erst einmal Untätigkeit und Passivität vor", kritisiert Neudeck. Für eine gelingende Integration sei dies der falscheste Weg. Neudeck hat in den vergangenen Jahrzehnten stets bewiesen, dass er ein Mann der Tat ist. Umso mehr regt er sich darüber auf, wenn überall in Europa nur davon "gequatscht und geplappert" werde, dass man die Ursachen für die Flucht bekämpfen müsse. "Aber da ist noch nichts passiert, rein gar nichts", so Neudeck. Eine Patent-Lösung für die verzwickte Lage in Syrien sieht der 76-Jährige nicht: Eine Möglichkeit, um die Syrer wieder ins Land zu bringen, sei eine "Blauhelm"-Aktion der Vereinten Nationen, die die Menschen vor Ort schütze. "Dazu bräuchte es aber auch eine starke UNO - und die ist leider zu schwach geworden", stellt Neudeck fest.

Begegnung mit Böll


Neudeck erzählt an diesem Abend auch von den Anfängen der Hilfsorganisation Cap Anamur ("Das war meine Urerfahrung!) und den Begegnungen mit Heinrich Böll, von den Missständen in der deutschen und internationalen Bürokratie, die effektive Hilfe oftmals blockieren ("Wenn Sie etwas Großes machen wollen, hüten Sie sich vor Zuständigen"!) und von den Irrungen in Europa ("Wenn sich Helmut Kohl und Horst Seehofer mit dem Ganoven Orbán treffen, dann ist das unerträglich und unanständig"). Manches an diesem Abend klingt sicherlich auch radikal: Aber gerade das zeichnet Neudeck aus und macht ihn so unverzichtbar. Der lange Schlussapplaus beweist es.
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