Am 8. Mai 1945 endete in Europa der Zweite Weltkrieg.
Frohe Kunde in trüber Stunde

Hans Lehner hatte viel künstlerisches Talent, wie dieses Selbstportrait beweist.
Lokales
Vohenstrauß
27.02.2015
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Am 8. Mai 1945 endete in Europa der Zweite Weltkrieg. Für viele deutsche Soldaten in Gefangenschaft dauerte er jedoch viel länger. Einer davon war der Vohenstraußer Hans Lehner, der seiner Familie regelmäßig aus Russland schrieb.

Annemarie Wolfinger war sechs Jahre alt, als ihr Bruder Hans Lehner im November 1949 mitten in der Nacht plötzlich im Zimmer stand. "Ich kannte ihn ja nicht, auf einmal war da ein Fremder in der Wohnung", erinnert sie sich. "Er nahm mich auf den Schoß, hatte einen dicken Mantel an, eine Pelzmütze auf und hat erzählt. Leider weiß ich nicht mehr was, ich musste ihn mir ja ersteinmal ansehen." Wolfinger und ihr Lebensgefährte Bernhard Franzen haben 23 Postkarten aufgehoben, auf denen Lehner über sein Schicksal berichtete. In fast schon poetischer Form drückte der Vohenstraußer seine Sehnsucht nach der Heimat oder die Hoffnung auf baldige Rückkehr aus. "In trüber Stunde bringt diese Karte frohe Kunde", heißt es einmal. Oft gratulierte er seinen Angehörigen auch zu Geburtstagen oder wünschte an Ostern, Weihnachten oder Neujahr alles Gute. Außerdem kam in vielen Illustrationen auch sein künstlerisches Talent zum Vorschein.

Kleine Kunstwerke

Diese kleinen Kunstwerke sowie viele Fotos wären der Nachwelt um ein Haar vorenthalten geblieben, wenn nicht Wolfinger und ihre Tochter "dahinter gewesen wären", vermutet Franzen. Die Familie hatte dem Nachlass nämlich erst wenig Wert beigemessen. "Ob es weitere Feldpost gibt, die das Elternhaus aber nicht erreichten, ist nicht bekannt, aber anzunehmen." Auch ihr zweiter Bruder Anton Lehner war in Jugoslawien in Kriegsgefangenschaft. Ihm gelang jedoch die Flucht, geschrieben oder erzählt hat er jedoch nichts.

Am 8. Mai 1945 endete in Europa der Zweite Weltkrieg. Für viele deutsche Soldaten in Gefangenschaft dauerte er länger. Der Vohenstraußer Hans Lehner schrieb seiner Familie regelmäßig aus Russland. Bilder von Bernhard Franzen.


Hans Lehner kam 1922 in Vohenstrauß als ältester Sohn (vier Geschwister) von Hans und Franziska Lehner zur Welt. Er absolvierte bei der Firma Seltmann eine Ausbildung zum Porzellanmaler. Nach der Lehre meldete er sich als 17-Jähriger bei Kriegsbeginn freiwillig zur Wehrmacht - gegen den Willen des Vaters. Da er noch minderjährig war, fälschte er die Unterschrift, was die Nationalsozialisten jedoch rechtlich nicht weiter kümmerte.

Nach zwei Kriegsverletzungen, die nicht lebensgefährlich waren, kam der Unteroffizier im Februar 1943 nach Archangelsk in Nordrussland in Gefangenschaft. Dabei hatte Lehner besonderes Glück: Ein Geschoss traf im Gesäßbereich auf ein metallenes Zigarettenetui, wurde abgelenkt und landete im Oberschenkel. Das lebensrettende Relikt gehört heute seiner Nichte.

Vom Beginn seiner Gefangenschaft bis etwa ein halbes Jahr nach Kriegsende hörte seine Familie nichts von ihm. Einige Zeit danach wurden, seinen späteren, recht spärlichen Äußerungen zufolge, Unterbringung, Arbeitsbedingungen, Verpflegung und Behandlung erheblich besser. Sein Geschick sowie Schreib- und Zeichentalent trugen ganz sicher dazu bei, dass die Haft etwas erträglicher wurde, vermuten Franzen und Wolfinger. Außerdem lernte er schnell und gut die russische Sprache. Von reiner Willkür und Negativorgien sprach Lehner später nicht.

Überraschende Entlassung

Seine Entlassung erfolgte für die Familie völlig überraschend und ohne Ankündigung wegen einer Erkrankung. Im November 1949 kam er im Elternhaus an. "Wir haben damals in Fiedlbühl gewohnt", sagt Wolfinger. Die Umstände und seine Wege zurück sind nur bruchstückhaft bekannt. "Seine Heimatpost nahm er schon bald wieder an sich, was wohl auch etwas mit seinem daran hängenden Herzblut zu tun hatte."

1976 reiste er, vermutlich von vielen Erinnerungen motiviert, noch einmal nach Russland. Nach einem erfolgreichen Berufsleben in leitender Position als Porzellanmaler bei Seltmann, aber ganz sicherlich auch vom Krieg und seinen persönlichen Erfahrungen stark gezeichnet, starb Lehner im Alter von 78 Jahren in der ehemaligen Kreisstadt.
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