Damals, als die Trabis kamen

Lokales
Vohenstrauß
21.10.2014
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Die Familie Graf lotste DDR-Bürger vor 25 Jahren über Waidhaus nach Vohenstrauß, wo sie im Eigenheim bewirtet wurden und duschen konnten. Ein ganzer Trabanten-Konvoi machte damals in der Königsberger Straße Halt.

Hedwig Graf erinnert sich in diesen Tagen genau, wie sie im Bayerischen Rundfunk hörte, dass in Kürze DDR-Bürger über den Grenzübergang Waidhaus ausreisen könnten. Grafs damals 19-jähriger Sohn Peter wusste sofort, was zu tun war: "Mama, wir fahren da hin und helfen." Hedwig Graf war gerade mit dem Hausputz beschäftigt und total überrumpelt. Doch auch sie überlegte nicht lange, packte ein paar Tafeln Schokolade ein und stieg mit ihrem Sohn ins Auto. Das Ziel hieß Waidhaus. Sie brauchten nicht lange zu warten. Tatsächlich rollte der erste Trabant mit einem Ehepaar und zwei Kindern über die Grenze. Etwas zögernd noch ging Hedwig Graf auf die DDR-Bürger zu. Sichtlich erschöpft berichtete das Ehepaar dann, dass es aus Magdeburg kommt und nun aufgrund eines Zettels, den sie noch in der Prager Botschaft ausgehändigt bekam, in Weiden zu einer Sammelunterkunft fahren solle.

Regelrechte Attraktion

Hedwig Graf bot sich mit ihrem Sohn sofort als "Wegweiser" an. Am Stadtrand von Vohenstrauß hielten die Grafs jedoch an, um die Neuankömmlinge auf eine Tasse Kaffee einzuladen. Dabei bemerkten die hilfsbereiten Vohenstraußer, dass sich zwischenzeitlich weitere Trabis angeschlossen hatten. Spontan luden sie alle im Konvoi fahrenden DDR-Bürger in die Königsberger Straße ein. Unter ungläubigen Blicken von Passanten lotsten Hedwig und Peter Graf die Trabants zu ihrem Eigenheim. "Die ganze Königsberger Straße hinauf reihten sich die DDR-Fahrzeuge auf und wurden von den Nachbarn beäugt - das war eine regelrechte Attraktion". Rund 16 Personen, darunter auch Kinder - das jüngste etwa 18 Monate - nahmen die Einladung gerne an.

Beim "Kohler-Hartl" besorgte die Vohenstraußerin schnell noch Gebäck. Zwischenzeitlich durften sich die Ausreisenden in ihrer im ersten Stock liegenden Ferienwohnung duschen. "Dankbar nahmen die Leute, die aus Stendal, Schwerin, Görlitz, Magdeburg, Dresden, Bautzen und Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) kamen, das Angebot an", erinnert sich die hilfsbereite Frau.

Am frühen Abend geleitete Peter Graf dann die Trabi-Delegation nach Weiden. Wenige Tage später fuhr der damalige Abiturient des Augustinus-Gymnasiums noch einmal in das Aufnahmelager nach Weiden. Als Autofreak hatten es ihm die Trabis angetan, erzählt Hedwig Graf. Für 1000 Mark kaufte er sich von einem Ausgereisten einen Trabi. Bis heute ist Graf mit dem ehemaligen Besitzer befreundet.
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