Elend und große Hungersnot

Lokales
Vohenstrauß
29.10.2015
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Der "Schübl'adl"-Biergarten ist im Sommer nicht nur bei den Vohenstraußern sehr beliebt. Sogar Russen, die gegen Napoleon kämpften, sollen hier Rast gemacht haben - allerdings vor 200 Jahren, als es die Gaststätte noch gar nicht gab.

Vor etwa 100 Jahren brachte ein Sturm "einen alten Knaben, der die Freiheitskriege mitgemacht hatte" zu Fall. Im Garten von Johann Hoffmann an der Pfarrgasse wurde ein großer Apfelbaum entwurzelt. Sein Vater hieß Adam, vorher waren auf dem Haus die Schübel, daher kommt der Hausname "Schübl'adl", weiß Heimatforscher Karl Ochantel. In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg wurde daraus das Wirtshaus.

Kriegskasse in Weiden

Russen hätten ihre Pferde an diesen Baum angehängt, heißt es in den Erinnerungen des damals 76-jährigen Schneidermeisters Christoph Höllerer, der seinen Grund 1913 für den Bau der katholischen Kirche verkaufte. Russenpferde in Vohenstrauß? Das kann nur im letzten Jahr der Freiheitskriege, also 1815 gewesen sein. Nach der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813 verfolgten die alliierten Armeen den geschlagenen Napoleon bis nach Paris, das sie bis zum Frühjahr 1815 besetzt hielten. Die russischen Truppen zogen als erste ab. Im Mai 1815 schlugen russische Kosakeneinheiten ihr Lager auf dem Zimmeranger an der Waldnaab auf. Ihre (leere) Kriegskasse soll sich heute im Stadtmuseum Weiden befinden.

Zwölf kleinere Trupps zogen auch durch Moosbach. Vom 10. Oktober bis 21. November mussten dort Vorräte für 2960 Russen und 1366 Pferde bereitgestellt werden. "Auch Pleystein hatte Einquartierungen zu ertragen, Viktualien abzugeben und Vorspann zu leisten", informiert Ochantel. 1816 machte ein russischer Truppenteil in Waidhaus Quartier. Die Forderungen an Verpflegung waren für die Gemeinde fast unerschwinglich. Die Russen verlangten auch von den Hausherren, vor jeder Mahlzeit die Speisen zu kosten. Sie fürchteten, vergiftet zu werden.

Vohenstrauß befand sich vor 200 Jahren in einem erbärmlichen Zustand. Johann Nepomuk Ringseis hatte am Krieg gegen Napoleon teilgenommen. Für kurze Zeit übernahm er als Landarzt das Physikat Vohenstrauß. In seinen Erinnerungen erzählte er, welches schreckliche Elend er 1814 mitansehen musste: Ein österreichischer Gefangener hatte Typhus eingeschleppt und ganze Familien angesteckt. Auch im Regensburger Lazarett herrschte Typhus. Sein Bruder Sebastian Ringseis, der dort als junger Arzt Dienst tat, wurde ein Opfer der Seuche. Als die letzten russischen Einheiten die Oberpfalz verließen, atmete man gewiss auch in Vohenstrauß erleichtert auf, vermutet der Heimatforscher.

Vulkan bricht aus

Und dann brach 1815 der Vulkan Tambora in Indonesien aus. Die Asche bewirkte globale Klimaveränderungen. Betroffen war auch das Königreich Bayern. Es folgte ein Jahr ohne Sommer. Es gab Missernten, Nutztiere verendeten. Die Preise für Lebensmittel stiegen rasant. In der schlimmsten Hungernot des 19. Jahrhunderts wurde der "Hungerwinter" 1816 zum Rübenwinter. Die Menschen versuchten, der Wirtschaftskrise durch Auswanderung zu entkommen. Aus der Region um Vohenstrauß emigrierten 1815 und 1816 etwa 400 Personen, im folgenden Jahr sogar 600. Ziele waren überwiegend die Donauländer und Böhmen. In den 1840er Jahren war der mittlere Osten der USA beliebt. Als Grund meinte ein Roggensteiner, dass er sonst "den Hungertod erleiden müsse." Ein Moosbacher schrieb, man könne in Amerika besser leben als der Landrichter. Und aus Cleveland kam ein Brief: "Keine Steier haben wir in Amerika fast gar nicht, keine Schandarm, Förster, Gerichtsdiener und solche Müßiggänger."
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