Katheter statt Barmherzigkeit

Lokales
Vohenstrauß
05.11.2014
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Nicht die Automobilbranche ist der größte Wirtschaftszweig in Deutschland, sondern die Medizinindustrie. Warum das so ist, erklärte Dr. Werner Bartens in einem Vortrag in Vohenstrauß.

Über 150 Zuhörer wollten sich am Montagabend die Ausführungen aus dem reichen Erfahrungsschatz des renommierten Medizinjournalisten Bartens in der voll besetzten Buchhandlung Rupprecht nicht entgehen lassen. Der 48-Jährige informierte rund 90 Minuten über die Missstände im Gesundheitswesen.

"Eigentlich gibt es beste Voraussetzungen im Gesundheitssystem, viele gute Ärzte und Pflegekräfte. Doch diverse Faktoren führen zu heillosen Zuständen", sagte der Arzt. "Medizin ist eine Wachstumsbranche, die nach den Gesetzen der sozialen Marktwirtschaft funktioniert. Es muss immer neue Angebote oder Therapien geben, die die Menschen aber erst krank machen."

Absurder Fall

So gibt es in Deutschland immer noch keine Positivliste mit Medikamenten, von denen bekannt ist, dass sie wirklich etwas nutzen. Von den mehr als 60 000 Arzneimitteln brauche es die meisten nicht, fand der Experte. Absurd wird es jedoch in Fällen wie diesem: Ein Mittel gegen Leukämie wurde vom Markt genommen und später zum 30-fachen Preis wieder eingeführt, weil es gegen Multiple Sklerose hilft.

Patienten sollten auch Studien oder Statistiken nicht blind vertrauen. Bartens verdeutlichte dies am Beispiel der Mammografie: "Trotz regelmäßiger Vorsorge sterben 3 von 1000 Frauen an Brustkrebs, ohne Prävention sind es 4 von 1000." Die Erfolgsquote betrage also nur ein Promille, die Medizin spreche aber von einer 25-prozentigen Verbesserung. Der Fachmann nannte dies eine gezielte Desinformation. "Genauso sinnlos wäre es, zu behaupten, die Vohenstraußer Fußballer wären besser als Borussia Dortmund, weil sie noch nicht so oft verloren haben. Auch bei Studien gibt es eben Champions-League und Bezirksklasse."

Das Routine-EKG oder das sogenannte Durchchecken seien ebenfalls nutzlos, zu viel Medizin bedrohe die Gesundheit. Zum Wohl der Patienten müssten sich die Ärzte verbünden und mit allen überflüssigen Behandlungen aufhören. Weniger ist mehr müsse die Devise lauten. Der "aufgeblähte Apparat" sei jedoch zu starr für die nötigen Reformen. Weitere Beispiele gefällig? München hat 20 Zentren für Herzkatheter, dabei würden 4 oder 5 reichen. "Zwei Drittel der Herzkatheter sind überflüssig. 80 Prozent der Kniespiegelungen braucht es nicht, aber Orthopäden müssen eben auch von etwas leben", behauptete Bartens. Zwei Drittel der Doktoren verschreibe bei Grippe Antibiotika, die aber nur gegen Bakterien helfen und nicht gegen Viren.

"Betriebswirte und Kaufleute haben in Kliniken das Sagen, nicht die Ärzte." In Chefarztverträgen gebe es daher Bonusregelungen für bestimmte Leistungen. Aber: "In Deutschland wird derjenige Chefarzt, der sich am häufigsten vom Krankenbett abgeseilt hat", meinte der Referent. Durch Beraterverträge von der Pharmaindustrie, die 60 Prozent ihrer Kosten für Marketing ausgebe, sei die Situation zudem interessengeleitet.

Darüber hinaus fehlen in Kliniken Personal und vor allem Zeit: zum Zuhören, für Trost, Zuwendung und Barmherzigkeit. Dies werde durch Katheter, Sonden oder Bettgestelle ersetzt. "Dabei ist die Sprache eines der wichtigsten Hilfsmittel der Ärzte", sagte Bartens.

Wie in Bordellen

Ein befreundeter Mediziner habe die Vorgehensweise in Krankenhäusern einmal mit der in Bordellen verglichen: Man bekomme die Technik, den Rest müsse man hinzubuchen. "Aber die Ärzte ahnen ja sogar, dass etwas falsch läuft, weil sie sich oder ihre Familien im Vergleich zum Rest der Bevölkerung nur halb so oft operieren lassen."

"Viele sind daran interessiert, dass das Gesundheitswesen undurchsichtig bleibt. Dabei gäbe es Wege, alles zum Wohl der Patienten zu verbessern", lautete Bartens Fazit nach der anschließenden, rund 45-minütigen Diskussion, in der die Zuhörer noch viele Fragen gestellt hatten. "Wieso lassen sich Ärzte vor diesen Karren spannen?", war wohl die wichtigste. "Viele Mediziner sind sehr obrigkeitshörig und werden im Studium auch nicht angeregt, Dinge kritisch zu hinterfragen. Viele Ärzte kommen nicht auf die Idee, dass ihr Handeln falsch sein könnte", antwortete der Journalist.
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