Kleiner Pieks rettet Leben

Lokales
Vohenstrauß
31.01.2015
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Auf Menschen wie Claus Kallmeier und Wolfgang Piehler ruht Anja Spitzners Hoffnung. Die beiden haben mit Stammzellenspenden anderen todkranken Leukämiepatienten geholfen.

Anja Spitzner braucht einen genetischen Zwilling, von dem sie Stammzellen für ihre Therapie bekommen kann. Dafür ist am Sonntag, 22. Februar, von 11 bis 16 Uhr in der Stadthalle eine Typisierungsaktion angesetzt.

Seit kurz vor Weihnachten weiß die 30-Jährige Polizistin, wie sich die schreckliche Nachricht des Arztes anfühlt. Unter ihren Kollegen sind zwei, die schon einmal Stammzellen gespendet haben. Sie sind bereit, darüber zu reden, wie das ist, um andere Menschen zu motivieren. Eines ist ihnen ganz wichtig: "Wir wollen nicht als Lebensretter oder gar Helden dargestellt werden." Vielmehr möchten sie ohne viel Aufhebens um ihre Person aufklären und ermutigen, dass möglichst viele Menschen bereit sind, zur Typisierung zu kommen.

"Der kleine Pieks kann Leben retten." Dass es nicht viel schlimmer ist, haben die beiden am eigenen Leib erfahren. "Was kann es Schöneres geben, als einem Menschen das Leben zu retten."

Claus Kallmeier spendete 2012 für eine Patientin in London Stammzellen. Typisieren ließ er sich schon vor Jahren zusammen mit Ehefrau Sabine im Pflegeheim "Wohnen am Kreuzberg" in Pleystein. Am 4. März 2007 beteiligte sich das Paar an der Hilfsaktion für den kleinen Louis aus Bechtsrieth.

Vor knapp drei Jahren erhielt er im April ein Schreiben der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS), dass Merkmale seines Blutes mit dem eines Krebspatienten übereinstimme. Ohne lange zu überlegen machte sich der Vohenstraußer auf den Weg zum Hausarzt. Der zapfte ihm erneut mehrere Ampullen Blut zur genaueren Bestimmung der wesentlichen Merkmale ab. Als die exakte Übereinstimmung gesichert war, fuhr er ins Klinikum Nürnberg zur Voruntersuchung. "Da wirst du von Kopf bis Fuß durchgecheckt."

Dort erfuhr er, dass die Stammzellen bei ihm peripher entnommen werden sollen. "Da braucht niemand Angst davor haben." In der Tasche hatte er einen körpereigenen hormonähnlichen Stoff, den der Körper zum Beispiel bei fieberhaften Infekten produziert, als der heute 48-Jährige wieder heimkehrte.

Anregende Spritzen

"Jeden Tag musste ich mir dieses Präparat in den Bauch spritzen." Er vergleicht es mit einer Insulinspritze, die sich Diabetiker auch selbst verabreichen können. "Nicht weiter tragisch." Zu jener Zeit war der Kriminalbeamte sogar auf einem Lehrgang. Der Stoff regte die Produktion der Stammzellen im Blut an. Lediglich grippeähnliche Symptome könnten dabei auftreten. Sie seien ein Indiz, dass der Körper vermehrt Stammzellen produziert.

Dann stand der große Tag der Spende in der Nürnberger Klinik an. Zwei Tage waren dafür anberaumt. Doch Kallmeiers Körper produzierte offenbar so gut, dass schon am ersten Tag genügend Stammzellen entnommen wurden. In beiden Armen hatten ihm die Mediziner Zugänge mit Nadeln gelegt, ähnlich wie bei der Blutspende. Aus dem einen floss das Blut in einen Zellseparator, der die Stammzellen herausfilterte. Anschließend wurde das Blut wieder in den Körper eingeleitet.

Spende mit Kuschelfaktor

In dieser Zeit war er warm eingepackt, durfte in entspannter Atmosphäre fernsehen. "Schwestern und Ärzte haben sich super um mich gekümmert." Nach fünf Stunden war die Prozedur überstanden. Falls die Patientin die Stammzellen nicht gleich angenommen hätte - was hin und wieder vorkommen kann - wäre er für eine erneute Stammzellenspende zur Verfügung gestanden, erklärte Kallmeier. "Das war's." Lediglich Kontrolluntersuchungen ließ er noch über sich ergehen. "Ich würde es immer wieder machen."

Erst im vergangenen Jahr war es bei Wolfgang Piehler so weit. "Ich sollte laut DKMS zur 'Feinfilterung' zum Hausarzt gehen". Danach erhielt er ein Schreiben, dass er zu dem Personenkreis gehöre, der noch in der Auswahl stehe. Nach einem Anruf der Deutschen Knochenmarkspenderdatei aus der Tübinger Uniklinik herrschte Gewissheit: "100 Prozent Übereinstimmung. Ihr genetischer Zwilling sitzt in Spanien und ist weiblich."

Dann ging alles ganz schnell. Weil zeitgleich auch eine Hüftoperation bei der Tochter geplant war, dankt Piehler heute noch seinem Chef, Polizeihauptkommissar Martin Zehent von der Vohenstraußer Polizeiinspektion, der ihn völlig unkompliziert vom Dienst freistellte. So konnte er umgehend die lebensrettenden Zellen spenden.

Piehler erlebte am 26. März 2014 die andere, weit seltenere Variante der Stammzellenentnahme aus dem Beckenkammknochen. Unter Vollnarkose holten ihm die Ärzte auf Hüfthöhe aus beiden Seiten 1,6 Liter Knochenmark-Blut-Gemisch. Zurück blieben lediglich zwei winzige Narben. Nach heutigem Stand habe die Therapie bei der Spanierin voll angeschlagen. "Sie ist gesund."

Zwei Jahre anonym

Mittlerweile weiß der Vohenstraußer, dass die 42-Jährige verheiratet ist und zwei Kinder hat. Die Identität des Empfängers bleibt während der ersten zwei Jahre nach der Behandlung unter Verschluss. Erst dann bestehe die Möglichkeit, Kontakt aufzunehmen. Sowohl Kallmeier als auch Piehler haben das gute Gefühl, dass ein Leukämiekranker weniger bangen muss und irgendwo auf der Welt ihre genetischen Zwillinge leben.
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