"Lasst die Kinder raus!"

Die "Wilden Wichtel" sind täglich von 7.45 bis 14 Uhr im Waldgebiet Michlbach mit Stöcken und Ästen am Werkeln und Spielen. Dick eingepackt sind sie ständig in Bewegung und vergessen dabei, dass es kalt ist.
Lokales
Vohenstrauß
12.02.2015
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Ein Kindergarten im Wald. Wie funktioniert das im Winter bei Kälte und Schnee? Eine Stunde inmitten der 20 Mädchen und Jungen des Vohenstraußer Waldkindergartens "Wilde Wichtel" reicht, um diese Frage zu beantworten.

Will man die "Wilden Wichtel" besuchen, muss man einen kurzen Marsch durch den Staatsforst Michlbach absolvieren. Nur der Förster darf mit dem Auto in das Territorium der jungen Waldbewohner eindringen. Die bunt bemalten Hinweisschilder sind hübsch, bei Schnee aber überflüssig. Längst haben kleine Fußspuren und Schlitten einen Trampelpfad gezeichnet. Schneemänner patrouillieren am Wegesrand.

Nach einigen Hundert Metern hört man dumpf die hellen Kinderstimmen. Noch eine Biegung, dann sieht man sie schon herumwuseln. Die 20 Wichtel sind allesamt sehr beschäftigt und gut eingepackt, wasserdicht vom Kopf bis zu den Füßen. Das Thermometer am überdachten Essplatz zeigt null Grad. Dicke Wassertropfen klatschen von den Ästen herab. Die Kinder stört das nicht. Natürlich bemerken, beschnuppern und begrüßen sie den Fremdling. Dann ziehen sie wieder ab. Anscheinend gibt es noch sehr Wichtiges zu erledigen.

Immer sehr beschäftigt

Es ist schon nach Mittag. Von Müdigkeit keine Spur. Die Wichtel arbeiten in Gruppen oder einzeln. Antonia und Magdalena haben sich bunte Bänder umgebunden und galoppieren wie Pferde über das Geäst. Im Schlepptau laufen die Reiter hinterher. Andere werkeln mit der Schaufel. Eine kleiner Trupp hat sich in eine grüne Höhle aus Tannenzweigen zurückgezogen. Es werden Kaugummis getauscht und anschließend im Chor laut geschmatzt.

Der Wald offenbart jede Menge Rückzugsmöglichkeiten und Spielplätze. Es gibt Kletterseile, einen Vogelbeobachtungsplatz, Feuerplatz, Essbereich, Matschgrube, Wichtelkreisplatz und nicht zuletzt den Bauwagen, der bei Minusgraden Unterschlupf bietet. Die Jüngsten werden dort gewickelt. Die kleinen und großen Geschäfte werden natürlich im Freien an einem abgetrennten, nicht einsehbaren Örtchen - und nur in Begleitung - erledigt. Am Wasserplatz waschen sich alle vor jedem Essen die Hände.

Es gibt Wichtel, deren Eltern sogar eine Anfahrt von Weiden oder Pfreimd auf sich nehmen. Behütet werden die 20 Buben und Mädchen im Alter von zweieinhalb bis sechs Jahren (eingeteilt in junge Eulen und alte Füchse) von drei Erzieherinnen. Leiterin Sonja Rothbauer bringt es auf fast 30 Jahre Berufserfahrung. Unterstützt wird sie von Karin Stangl und Karolina Nemcova.

Das Team ist nach dem über eineinhalbjährigen Bestehen der im Landkreis Neustadt einzigartigen Einrichtung begeistert. "Die Kinder sind permanent in Bewegung und sehr kreativ. Sie können ihre Bewegungslust voll ausleben und haben deshalb eine sehr gute Muskulatur. Sie kennen keine Defizite in Koordination und Motorik. Es gibt hier keine Lärmbelastung, keine Grippewellen und keine Läusewellen", erklärt Rothbauer. Wird ein Kind müde, darf es im Arm einer Erzieherin ein Nickerchen machen. "Sie wachen auf und schauen in den Himmel. Kann es was Schöneres geben?", fragt Rothbauer.

Große Ausdauer

Was für die Erzieherin das Wichtigste ist: "Unsere Kinder haben eine enorme Wertschätzung der Natur und ihren Kollegen gegenüber. Auf Jüngere oder Langsamere wird Rücksicht genommen. Sie reden viel miteinander." Die Kleinen können lange zuhören und sich ausdauernd auf eine Sache konzentrieren. Das allein sei ein Pluspunkt im Hinblick auf die Schule. Die Umstellung zum Unterrichtsalltag und Stillsitzen würden ihre Schützlinge nicht schlimmer empfinden als ihre Kameraden aus den Regelkindergärten. "Aber die Freiheit, die unsere Kinder hier erlebt haben, kann ihnen keiner mehr nehmen."

Das Argument "Ihr spielt ja nur" müsse sie sich von Kritikern oft anhören. Dabei sei spielen wichtig und durchaus anstrengend. "Wir wollen weg von der Verschulung des Kindergartens. Ich kann nur allen Kollegen sagen: Macht eure Türen auf und lasst die Kinder raus!"
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