Nur ein evangelisches Marterl

Das Hofmann-Kreuz ist das einzige evangelische Marterl in Vohenstrauß. Archivbild: hfz
Lokales
Vohenstrauß
18.02.2015
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Es sind hauptsächlich Katholiken, die Marterln aufstellen. Evangelische können mit Bildstöcken oder Feldkreuzen wenig anfangen. Diese landläufige Meinung ist nun auch historisch bewiesen, wie unsere Serie "Vohenstraußer Flurdenkmäler" zeigt.

Bei der Planung einer Wanderung zu den Flurdenkmälern im Stadtgebiet folgte Marterlforscher Rudolf Großmann einem interessanten Denkansatz, den er im Band 36 der "Streifzüge" des Heimatkundlichen Arbeitskreises ausführlich beschreibt. Er vergleicht die Zahl der Einwohner in Vohenstrauß und im Rest der Großgemeinde. "Nachdem in der Stadt ziemlich genau die Hälfte der Einwohner leben, müsste das Stadtgebiet eigentlich auch die Hälfte aller Flurmale besitzen." Doch weit gefehlt.

Meistens außerhalb

Die Stadt nimmt zwar das größte Gebiet ein, besitzt aber mit Abstand die wenigsten Marterln. Auf 19 Prozent Fläche stehen nur 8 Prozent der Flurdenkmäler. Großmanns erster Gedanke war: "Relativ große, bebaute Stadtfläche. Flurmale stehen meistens außerhalb." Daher entschloss er sich, deren Anzahl mit der der Einwohner zu vergleichen.

Von der Annahme, dass in der Stadt rund die Hälfte der Einwohner leben und das Stadtgebiet daher auch die Hälfte aller Marterln oder Feldkreuze besitzt, musste sich Großmann schnell verabschieden. "Die Praxis zeigte das Gegenteil. "Die Stadt Vohenstrauß, ein Volk gottloser Bürger?", fragte er sich. "Man mag uns ja viel nachsagen, aber das ging dann auch mir zu weit." Der Grund musste also woanders liegen.

Nichts mit Fläche zu tun

Schließlich nahm Großmann die Jahreszahlen ins Visier. Dabei fiel ihm auf, dass die Flurmale der Stadt - Denkmäler ausgenommen - relativ neuen Datums (20. Jahrhundert) sind. Im restlichen Gemeindegebiet gingen sie bis ins 18. Jahrhundert zurück. "Es hatte scheinbar nichts mit der Fläche, wohl aber viel mit der Bevölkerung zu tun. Es musste etwas sein, was die beiden Gruppen unterschied", erklärt der Hobbyforscher.

Er erinnerte sich, dass er mit einem großen Teil der früheren Marktplatzbewohner verwandt war. Großmanns Großmutter sagte immer wieder: "Früher war fast der gesamte Marktplatz evangelisch." Ein Blick in die Datenbank brachte dann die Lösung: "Ich fand nur einen einzigen evangelischen Marterlbesitzer." Heiner Hofmann hatte 1978 ein Hauskreuz aufgestellt, heute gehört es Helga Hofmann. Insgesamt gibt es in der Großgemeinde immerhin 181 Flurdenkmäler, davon stehen aber nur 14 im Stadtgebiet.

Über das Statistische Landesamt wurde Großmann weiter fündig. Sechs Volkszählungen zwischen 1867 und 1927, dazu Zahlen aus neuerer Zeit, bestätigten den Verdacht. "Es musste an der Religionszugehörigkeit liegen. Marterl wurden offenbar nur von gläubigen Katholiken, welche über das nötige Kleingeld verfügten, aufgestellt. Evangelische können mit Marterln, Bildstöcken und Feldkreuzen wenig anfangen - sie sehen darin keinerlei Nutzen oder Notwendigkeit und wurden religiös wohl anders erzogen."

Das Stadtgebiet Vohenstrauß war vor 1850 überwiegend evangelisch. Bis auf Altenstadt waren alle anderen Ortsteile zu weit über 90 Prozent katholisch. Aufschluss ergibt auch der Stadtplan von 1839. Am Marktplatz wohnten überwiegend Evangelische: Handwerker und Geschäftsleute, die größeren Bauern, Wirtshäuser, öffentliche Gebäude. "Kurz, wer es sich leisten konnte, wohnte um den Marktplatz herum, hatte zwar das Geld, war aber überwiegend evangelisch und hatte an Flurmalen kein Interesse", sagt Großmann.

In den Seiten und Nebenstraßen lebten Knechte, Mägde, Lehrlinge und Gehilfen oder Nebenerwerbslandwirte. Hier war auch das Verhältnis der Konfessionen ausgeglichener. "Aber hier wurde das Geld zum Leben gebraucht - für Marterln war leider nichts mehr übrig."

Katholische Arbeiter

1921 sah das Verhältnis der Konfessionen dann anders aus. Die Eisenbahn ging bis Vohenstrauß, die Industrialisierung setzte ein, Arbeitskräfte aus der Umgebung waren gefragt. Und diese waren überwiegend katholisch. Ihr Anteil in der Bevölkerung stieg. Und damit nahm auch der katholische Anteil der Hausbesitzer am Marktplatz immer mehr zu. Die Ironie der Geschichte ist allerdings: "Heute kümmern sich vorwiegend Evangelische um den Erhalt der Flurdenkmäler", weiß Großmann.
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