Rezepte für häusliches Glück

Dieses Gebäude beherbergte von 1908 bis 1971 die landwirtschaftliche Haushaltungsschule. Nach einigen baulichen Veränderungen ist heute darin die Zweigstelle des Amtsgerichts Weiden untergebracht. Repro: tss
Lokales
Vohenstrauß
21.08.2015
103
0

Das Vohenstraußer Kochbuch ist auch nach 85 Jahren noch heiß begehrt. Das überregional bekannte Nachschlagewerk entwickelt sich immer mehr zum Sammlerobjekt, Generationen von Frauen haben mehrere Exemplare in der Küche. Denn es hat viel mehr zu bieten als nur Rezepte.

Eigentlich beginnt die Geschichte des Vohenstraußer Kochbuchs schon 1908. Damals gründeten Pfarrer Eduard Griener und Geheimrat Dr. Georg Heim eine landwirtschaftliche Haushaltungsschule in dem Gebäude, wo heute das Amtsgericht untergebracht ist. Im Unterricht lernten die Mädchen und jungen Frauen zuerst Religion, dann folgten unter anderem Nahrungsmittellehre, Küche, Saubermachen, Gartenarbeit oder Gemüseanbau.

Folge der Industrialisierung

Die Einrichtung entstand als Folge der Industrialisierung von Vohenstrauß und der Umgebung, weiß Kreisheimatpfleger Peter Staniczek. Mit dem Bau der Eisenbahn 1886, die zunächst nur Holz transportieren sollte, siedelten sich auch Betriebe an, darunter 1901 die Porzellanfabrik Seltmann. Die Arbeiterinnen brauchten eine Betreuung für ihren Nachwuchs, 1897 und 1898 entstand das Kinderasyl, aus dem nach einer Erweiterung schließlich die Haushaltungsschule wurde.

Während des Ersten Weltkriegs diente das Gebäude als Lazarett, danach folgte "eine arme Zeit in Vohenstrauß", sagt Staniczek. Ab 1930 ging es mit der Haushaltungsschule wieder aufwärts. Die Schülerinnen hatten fleißig Rezepte gesammelt, die am 25. März des Jahres schließlich unter dem Titel "Häusliches Glück" bei der Buchdruckerei Karl Stümpfler erschienen. Diese erste Auflage gibt es noch im Heimatmuseum. Im Vorwort heißt es unter anderem, dass das Werk kein "Kochbuch nur gewöhnlicher Art" sondern "Handreichung" sein soll. "Benütze es gerne und lass es dir zum guten Berater werden. Du sollst als Mutter und Hausfrau die Glücksschmiedin der Familie werden. Was der Mann verdient und ins Haus schafft, sollst du - das ist deine edle, vornehme Aufgabe - in häusliches Glück verwandeln." Dieser Rat richtete sich zwar in erster Linie an die Schülerinnen, aber: "Möge es auch anderen Mädchen und Frauen zu einem guten Behelfe für ihr Wirken werden."

Geschenk für Brautpaare

Heutzutage sind solche Worte wohl nicht mehr politisch korrekt, viele Frauen verstehen die älteren Auflagen daher in erster Linie als amüsante Lektüre. Seit 1952 erhalten übrigens alle Brautpaare, die in Vohenstrauß heiraten, ein Exemplar. Heidi Raab hat eins aus dem Jahr 1950 von ihrer Tante, die noch die Haushaltungsschule besuchte, geerbt. Das zweite hat sie sich 1980 gekauft. "Die Schülerinnen mussten alle Grundrezepte auswendig lernen. Außerdem wurde auch alles verarbeitet, eingeweckt oder eingekocht." Raab nutzt Rezepte für bestimmte Sachen wie Sulz oder Leberknödelsuppe. In der Ausgabe von 1950 liest sie außerdem gerne, unter anderem wegen der vielen Ratschläge oder der Benimmregeln.

Erika Sier hat vier Vohenstraußer Kochbücher, eins bekam sie bei ihrer Hochzeit. Für ihre große Familie mit sieben Kindern hat sie daraus viel gekocht und gebacken. Benita Lang hat als Enkelin von Karl Hölzl, der das Buch nach dem Zweiten Weltkrieg wieder veröffentlichte, von jeder Auflage noch ein Stück. Sie nutzt es ebenfalls immer wieder zum Backen. Ihre Bekannte Andrea Bauer besitzt selbst keins, sondern müsste dafür erst heiraten. Sie findet die vielen Informationen interessant, auch über die Frau. Ihrer Meinung nach schadet es auch heute nicht, in einem alten Exemplar zu blättern.

Sehr oft in Gebrauch

Ingrid Voitenleitner ist zwar in Vohenstrauß aufgewachsen, heiratete aber in München. Um 1970 kaufte sie sich daher ein Vohenstraußer Kochbuch, das sie einmal ausgeliehen aber nie mehr zurückbekommen hat. Daher wurde ein zweites nötig, das sie sehr oft nutzt. "Es sieht aus, als ob es schon 80 Jahre alt wäre." Inge Koller bekam ihres zur Hochzeit 1964. Sie hat zwar viele andere Kochbücher, "aber wenn ich etwas nachschlage, dann im Vohenstraußer". Auch ihre Tante hatte noch die Haushaltungsschule besucht. "Das prägt."

Melanie Wagner hat ihres zur Hochzeit bekommen, sich aber auch noch ein zweites gekauft. Ihre erste Kartoffelsuppe stammte aus dem Vohenstraußer Kochbuch. Ihre drei kleinen Kinder finden jedenfalls, "dass ich eine gute Köchin bin". Was beweist, dass das Werk auch bei der jüngeren Generation gut ankommt.
Weitere Beiträge zu den Themen: August 2015 (7425)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.