Weltmeister in der Tanzdiele

Vor rund 100 Jahren war das Tanzlokal noch eine Bierwirtschaft. Heute ist darin eine Zahnarztpraxis untergebracht. Repros: tss (2)
Lokales
Vohenstrauß
31.10.2014
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Über die Grenzen von der Stadt hinaus war die Tanzdiele Sommer bis Mitte der 70er Jahre berühmt für ihre Tanzveranstaltungen jedes Wochenende. Viele spätere Ehepaare haben sich dort kennengelernt.

"Das war unser Stammlokal", erinnert sich Max-Theo Ries, der beim "Summerer" seine spätere Ehefrau traf. "Wir waren dort als Clique mit fünf bis zehn Leuten jeden Samstag und Sonntag zum Tanzen und fühlten uns dort wie zu Hause. Luise Sommer war wie eine Mutter zu uns." Die Vorfreude aufs Wochenende war außerdem groß, ebenso die Enttäuschung, wenn es im Advent oder in der Fastenzeit keinen Tanz geben durfte.

Platz für 120 Gäste

Die Gaststätte bot rund 120 Gästen Platz. Das Publikum kam aus dem ganzen Altlandkreis - aus Georgenberg sogar zu Fuß - sowie aus Wernberg oder Weiden. "Das Geschäft hat gebrummt", weiß Ingeborg Hofmann, Tochter der Wirtsleute Sommer. Die Besucher durften sich außerdem wie in höheren Sphären fühlen. "Eine Attraktion war der Sternenhimmel", berichtet ihr Bruder Albert Sommer. "Man hatte dann das Gefühl, es sind 1000 Sterne, dabei waren es kleine bunte Lämpchen."

Zum Tanz gab es immer Livemusik. Albert Sommer senior spielte schon als Soldat in Berlin in einer Kapelle. In Vohenstrauß sorgte der Wirt mit einer Vier-Mann-Combo für Stimmung. Sommer war ein Virtuose an vielen Instrumenten, mit der Zither spielte er später sogar Beatles-Lieder und stellte sich immer auf die Wünsche seiner Gäste ein. "Mein Vater hat sehr gerne Gstanzln oder Couplets vorgetragen und sich mit der Gitarre begleitet. Oft hat er mit Horst Peugler (Akkordeon) und mir (Kontrabass, Gitarre) ganz spontan im Trio gespielt. Geübt haben wir nie, wir haben uns quasi blind verstanden", erzählt Albert Sommer junior. "Der Stammtisch war wie eine große Familie, die sich um einen großen Tisch scharte. In dessen Mitte saß fast jeden Abend mein Vater und spielte Zither. Die Gäste sangen alle, und mancher Stammgast (,Hoch-Boder') war ungeduldig, wenn mein Vater nicht frühzeitig sein ,Lamentierbrettl' auspackte."

Doch ohne Luise Sommer wäre der Betrieb wohl so nicht so möglich gewesen. "Meine Mutter war vielleicht nicht das Aushängeschild des Lokals, aber ohne sie hätte das alles nicht funktioniert", meint Sohn Albert. "Sie hat das Wirtshaus ,geschmissen'", ergänzt Tochter Ingeborg. Berühmt war auch der sonntägliche Frühschoppen, bei dem die Gäste manchmal an bis zu zehn Tischen Karten spielten.

Eine weitere Attraktion war der runde Tisch im Gastzimmer. Wenn beim Tanzen kein Platz mehr war, saßen dort mindestens zehn Gäste und mehr. Im Nebenzimmer befand sich die große Tanzfläche. Außerdem gab es eine Bar, für die Alfred Blobner in den 60er Jahren eine italienische Landschaftsdarstellung kreiert hatte.

Zur Fußball-WM 1954 in der Schweiz versammelten sich beim "Summerer" die Männer um einen flimmernden Schwarz-Weiß-Fernseher. So erlebten die Vohenstraußer das Wunder von Bern, als Deutschland gegen Ungarn im Finale mit 3:2 zum ersten Mal Weltmeister wurde. Den Apparat hatte die Firma Radio Münchmeier aufgestellt.

Aufgekocht wurde zwar nicht wie in einem Speiselokal, aber "niemand ist hungrig gegangen", erinnert sich Luise Sommer. Spezialitäten waren Schwammerlbrühe mit Dotsch und die weit geschätzte Tellersülze. Außerdem gab es noch Schnitzel oder Gockerl. Auch viele Vereine hatten beim "Summerer" ihre Heimat, darunter die Spielvereinigung, Fischer, Bürgerverein, Feuerwehr oder Sänger. Zu den Stammgästen in den 60er und 70er Jahren gehörten außerdem der spätere Bürgermeister Max Steger und seine Frau.

1979 geschlossen

Am 31. Juli 1979 musste das Lokal mangels Nachfolger allerdings schließen. Heute ist darin eine Zahnarztpraxis untergebracht, Luise Sommer wohnt ebenfalls noch in dem Haus.
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