70 Jahre Zeitung, 70 Jahre Peter Staniczek
Der Heimat-Querdenker

Heimat ist für Peter Staniczek kein statischer Begriff. "Die Slawen waren zuerst in der Oberpfalz, ehe die Bayern kamen." Zuwanderung habe es immer gegeben, heute gehörten Frauen mit Kopftuch zum Stadtbild. Bild: Herda
Vermischtes
Vohenstrauß
31.05.2016
82
0

Er ist so alt wie unsere Zeitung - geboren am 7. Mai 1946. Peter Staniczek ist der etwas andere Heimatpfleger. Der quickfidele Siebziger will kein Verhinderer sein und kein Ausgrenzer. "Die Oberpfalz war schon die Heimat der Kelten", weiß der gebürtige Beilngrieser.

Wer Peter Staniczek kennenlernt, hat den Eindruck: Dieser knorrige Mann mit dem graumelierten Vollbart und der knarzenden Stimme ist Teil der Nordoberpfälzer Kulturlandschaft. Dabei ist der pensionierte Volksschullehrer alles andere als leicht einzuordnen. Sein Leben: voller Brüche. Sein Geburtsort: eher Zufall. Nach Beilngries verschlägt es den aus Ceský Tesín/Teschen bei Opava stammenden Vater, weil er als Jurist nach dem Krieg stellvertretender Landrat wird. Als die Ehe der Eltern scheitert, geht die Mutter mit dem kleinen Peter zurück nach Eslarn. Der Großvater ist Wirt im Gasthof "Böhmerwald" und letzter Kommunbraumeister von Waidhaus.

Für den dreijährigen Buben beginnt ein jahrelanger Leidensweg. Wucherungen auf den Stimmbändern, ein Luftröhrenschnitt, der die Stimmbänder verletzt: "Man hört's noch immer", sagt er. Eine Odyssee durch Kliniken, "Hals auf, Hals zu". Als die Mutter wieder heiratet, einen Lehrer aus Dianaberg bei Marienbad, der in Bayern keine Anstellung bekommt, wandert die kleine Familie 1950 ins Nordpfälzer Hügelland aus: "Da sieht's so ähnlich aus wie bei uns", findet Staniczek. Glück für ihn: Ein neuer Bekannter kennt einen Professor in Heidelberg, bei der OP in Ludwigshafen wird seine Stimme wieder weitgehend hergestellt: "Ich konnte in die Schule gehen."

Der Vater ergattert eine Konrektorenstelle in der Südpfalz, Peter macht Abitur in Landau an der Weinstraße. Er wird waschechter (Ober-) Pfälzer - die Sommerferien verbringt die Familie meist in einer Ferienwohnung im Gasthof des Großvaters. "Ich hatte von beiden Pfalzen das Beste - die kurpfälzische Leichtigkeit, Fröhlichkeit und Wärme, verbunden mit der Landschaft der Oberpfalz und den Böhmerwald." Noch als stellvertretender Schulleiter von Eslarn marschiert der Naturliebhaber, wenn zu viel auf ihn einstürzt, zu Fuß nach Vohenstrauß. "Wenn ich heimkam, waren alle Probleme gelöst."

Kleine Studentenrevolte


Nach dem Abi zieht es die Familie zurück in die Oberpfalz. Als Protestant kann er damals nicht in Regensburg, sondern nur in Bayreuth studieren - konfessionelle Lehrerausbildung nennt sich das. Nur ein Grund, warum die Studenten aufbegehren - auch ein wenig im beschaulichen Oberfranken: "Aber immer gewaltfrei", betont der Akademiker mit Sympathien für die Revolte.

Trotz soziologischer Grundausbildung liebäugelt Staniczek mit einem Leben in der Spitzweg-Idylle: "Ich dachte, du gehst an eine Dorfschule, hast eine Lehrerwohnung, machst den Schreiber der Gemeinde, und schaust, dass die Jagd kriegst - ein tolles Leben." Von wegen: "Als ich 1969 fertig war, wurde ich nach Vohenstrauß versetzt." Der Junglehrer kommt in eine gerade zusammengelegte Grund- und Hauptschule mit 34 Klassen und über 1000 Schülern. Als Lehrer und Zuagroaster wird er in der Kleinstadt misstrauisch beäugt, aber als Enkel vom Voin Girgl und Mann der Xanthenmühlen-Tochter bald herzlich aufgenommen. Der Fußballverein fragt an, ob er die A-Jugend trainieren könnte. Er wird Übungsleiter im Turnverein, später Wettkampfrichter. "Die Buben sagten ganz stolz, unser Lehrer ist Trainer bei der SpVgg."

Dann die 80er Jahre mit dem Beginn der Digitalisierung - von wegen "das Internet ist für uns alle Neuland". Peter Staniczeks erster Commodore kostet fast 4000 Mark. Als 1986 der Schulneubau ansteht, treibt er den Architekten fast zur Verzweiflung: "Wir wollten die Räume anders - Physik und Chemie sollten in unterrichtsgerechten Sälen mit Glasscheiben stattfinden, wo man experimentieren, mit einer Kamera die Versuchsanordnungen auf eine Leinwand übertragen kann."

Dem Regierungsrat voraus


Ein ehemaliger Grundig-Techniker hilft bei der Einrichtung eines PC-Raums mit beachtlichem Netzwerk: "Vom Lehrerplatz aus hatte ich Zugriff auf alle Rechner." Die Schüler sind begeistert. "Der Andrang ist fast nicht zu bewältigen." Der Mann ist seiner Zeit voraus - zumindest den Regierungsbeamten. Für den hohen Besuch lässt er die Schüler ein Quiz programmieren, man erwartet Lob: "Was uns denn einfällt", ist der Regierungsrat verschnupft, "das gibt's in keiner Volksschule." Der Querdenker wird 1987 Kreisheimatpfleger, versucht auch dort eigene Wege zu gehen. Mit seinen Schülern geht er dem Tipp Siegfried Poblotzkis nach, findet im zweiten Anlauf Belege für Hügelgräber der Kelten bei Lohma. Bis dahin ist Lehrmeinung: Östlich der Naab gab es nichts außer Urwald. Eine kleine Sensation.

Mit Hilfe der Heimatzeitung


"Der Heimatpfleger war früher der, der verhindert hat - das wollte ich nicht." Ein Beispiel: Die Forstdirektion will auf einem idyllischen Wanderweg vorbei an den drei Handkreuzen im Elm - drei Steine im Wald zwischen Vohenstrauß, Waldau und Leuchtenberg, in denen Hände eingemeißelt sind - eine lastwagengerechte Trasse bauen. "Ich sehe die Handkreuze in Gefahr und schaue mir das näher an." Der Kreisheimatpfleger stellt fest: "1500 Meter parallel dazu gibt es schon einen Weg durch eine Fichtenplantage."

Er macht Skizzen, wie das Problem gelöst werden kann, lädt Waldbauern und Förster zum Pressegespräch. "Als die Direktion das spitz bekommt, zieht sie ihre Beamten zurück", erinnert er sich. "Kurz vorm Termin ruft der Forstdirektor an, und poltert, das Pressegespräch dürfe nicht stattfinden." Als er mit diesem Anliegen nicht durchkommt, appelliert er an den NT, die Veranstaltung zu boykottieren: "Die Lokalredaktion hat erst recht eine ganze Seite dazu gemacht", sagt er grinsend. "Die Heimatzeitung ist ein Verbündeter, um sinnlose Zerstörung zu verhindern." Die Trasse ist bis heute nicht gebaut.

___



Weitere Informationen:

www.heimat-now.de
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.