Am Donnerstag wird die Zweigstelle aufgelöst
Das Ende des Amtsgerichts Vohenstrauß nach 207 Jahren

Letzte Pflicht. Amtsgerichtsdirektor Gerhard Heindl nimmt das Schild ab: "Amtsgericht Weiden - Zweigstelle Vohenstrauß". Bild: ca
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Vohenstrauß
30.06.2016
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Fast fertig gepackt. Auch der Justizwachtmeister wechselt nach Weiden. Zuletzt arbeiteten noch acht Männer und Frauen am Amtsgericht Vohenstrauß, an der Spitze Richter Hermann Sax. Bild: Götz

Max Schmucker geht ein letztes Mal über den blitzblanken Flur des Amtsgerichts Vohenstrauß. 1962 hatte er seinen ersten Arbeitstag bei der Justiz, damals noch neben der Burg untergebracht. Oberamtsrichter Georg Reisberger hat den 20-Jährigen vereidigt. "Reisberger war eine solche Institution, dass die Vohenstraußer nicht sagten: Ich geh' aufs G'richt. Sie sagten: Ich geh' zum Reisberger."

Das Amtsgericht Vohenstrauß hat eine lange Tradition: gegründet 1809, vor 207 Jahren. Am heutigen Donnerstag, 30. Juni 2016, geht diese Geschichte zu Ende. Die Zweigstelle ist aufgelöst, als letzte im Landgerichtsbezirk Weiden. Amtsgerichtsdirektor Gerhard Heindl lud aus diesem "traurigen Anlass" am Dienstag noch einmal alle ehemaligen und aktuellen Beschäftigten zu einem Imbiss ein.

Das Amtsgericht Vohenstrauß war seinen "Totengräbern" schon etliche Male von der Schippe gesprungen. 1972 kam man im Zuge der Gebietsreform mit einem blauen Auge davon. Eine Anekdote besagt, dass Landgerichtspräsident Dr. Adolf Schuster schon damals ankündigte, nach der Auflösung von Eschenbach und Neustadt "kann ich das Amtsgericht Vohenstrauß in einer Besenkammer unterbringen". Vohenstrauß rettete sich aber als Zweigstelle.

2003 wieder ein Tiefschlag, als Ministerpräsident Edmund Stoiber den endgültigen Rückzug aus der Fläche ankündigte. Der Freistaat betrieb die Käufersuche. Geschäftsleiter Gerhard Alwang hatte schon einen Sitzplan für Weiden im Schub. Es gelang, wohl auch mit Hilfe politischer Einflüsse, den Standort zu erhalten. Manche Justizmitarbeiter erinnern an dieser Stelle gern an Bürgermeister Joschi Zilbauer, der vor einem Ortsschild mit der Aufschrift "Vohenstrauß, Bezirk Westböhmen, befördert durch die Bayerische Staatsregierung" posierte. Jahrelang schwebte die Schließung wie ein Damoklesschwert über dem Gericht. Eine "eigentlich unzumutbare" Zitterpartie, sagt Heindl.

Weiden rückt zusammen


Jetzt also doch. "Man mag es bedauern, aber man muss die Umstände sehen, die die Aufrechterhaltung eines kleinen Gerichts mit sich bringt", erklärt der Amtsgerichtsdirektor. Die Sicherheitsvorkehrungen sind gestiegen, der Gebäudeunterhalt fällt ins Gewicht. All das sei abgewogen worden. "Wir hatten das letztlich nicht zu entscheiden. Am 30. Juni endet die Geschichte des Amtsgerichts Vohenstrauß." Heindl dankt den zuletzt acht Mitarbeitern für ihren Einsatz, selbst bei der Abschaffung des eigenen Arbeitsplatzes. Ab Freitag arbeiten sie im Weidener Justizgebäude, wo seit Wochen zusammengerückt wird, um Platz zu schaffen. Bei Häppchen und Getränken rechnen die Richter und Mitarbeiter Fahrzeiten und Kilometer nach. Nicht für sich selbst. Sie haben sich - bis auf die Parkplatznot in Weiden - mit der Situation abgefunden. Man denkt eher an die Bürger, die aus Eslarn und Waidhaus jetzt Weiden ansteuern müssen, etwa in Nachlass- oder Betreuungssachen. Erleichterung soll ein Sprechtag bringen.

"Eine Institution geht"


1962, im gleichen Jahr wie der frühere Amtsinspektor Max Schmucker, kam auch Justizangestellte Gabriele Neblich zur Justiz. In den Chroniken, verfasst von Rudi Zimmermann, erinnern Schwarz-Weiß-Aufnahmen an Betriebsausflüge und Faschingsfeiern. Gabriele Neblich schmunzelt über ihr Kostüm und den Pagenkopf mit Pony, ganz im Stil der 60er. Vor einigen Jahren hat sie sich - ungern! - in den Ruhestand verabschiedet. "Wir waren wir eine Familie", erklärt Schmucker. Die Schließung bedauert er sehr: "Da geht eine Institution weg. Mit Vohenstrauß war immer auch das Amtsgericht verbunden." Da hat er recht. Direktor Heindl blickt zurück auf Jahrhunderte, in denen die Gerichtsbarkeit von Adeligen ausgeübt wurde. Erst 1803 wurden mit den Montgelas'schen Reformen die staatlichen Landgerichte eingeführt. In der Region war dies zunächst das Landgericht Treswitz.

Aus Vohenstrauß ging sogleich die Bitte nach Verlegung ein. Immerhin zähle die Stadt bereits 1500 Einwohner, so die Argumente. In Treswitz dagegen gäbe es "zwei elende Wirtshäuser" (Heindl: "ganz schlecht für einen Gerichtsort") und das Bier sei auch noch teurer. 1809 erfolgte die Verlegung nach Vohenstrauß. 1879 kam nach einer Gerichtsreform der Namenswechsel in "Amtsgericht Vohenstrauß".

AmtstagKünftig hält das Amtsgericht Weiden jeden Mittwoch von 8 bis 12 Uhr einen Amtstag im Vohenstraußer Rathaus ab. Der Zugang ist behindertengerecht.


Wir hatten das letztlich nicht zu entscheiden. Am 30. Juni endet die Geschichte des Amtsgerichts Vohenstrauß.Direktor Gerhard Heindl
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