„Das Haus zum Latte Macchiato“

Das Baugebiet oberhalb des Roggensteiner Fußballplatzes ist ein Musterbeispiel für die aktuelle Häuservielfalt. Bild: tss
Vermischtes
Vohenstrauß
17.06.2016
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Sogenannte Toskana-Häuser stehen in vielen Baugebieten. Kreisheimatpfleger Peter Staniczek bedauert die Abkehr vom typisch regionalen Baustil. "Bis in die 1990er Jahre wusste man, dass man in der Oberpfalz ist. Heute weiß man nicht mehr, wo man ist."

Auffällig ist auch die Mischung verschiedener Gebäudearten. Vom Bungalow, auch mit Satteldach, bis hin zum "oberbayerischen Balkonstil" ist alles vertreten. "Unsere Landschaft wird immer homogener." Staniczek zitiert in diesem Zusammenhang auch gerne den ehemaligen "Biermösl-Blosn"-Musiker Hans Well. Der hat Toskana-Häuser als "globalisierten Baumüll, Ausdruck von Kitsch, Ramsch und Gesichtslosigkeit" sowie "vorgefertigte Massenware ohne Sinn für Form und Tradition" bezeichnet.

Aber: "In der Toskana gibt es solche Häuser gar nicht", weiß der Kreisheimatpfleger. "Sie sind ein Versuch, das Lebensgefühl aus dem Urlaub in die Oberpfalz zu verpflanzen. Das Haus zum Latte Macchiato, eine schlechte Kopie ohne Bezug. Ich glaube aber nicht, dass das funktioniert." Deswegen bezeichnet er den Toskana-Stil auch als Auslaufmodell. "Diese Häuser verlieren sich in der Uniformität und sind nichts besonderes mehr. Irgendwann gefällt es den Leuten nicht mehr. Aber sie müssen dann drinsitzen, wenn die Kinder einmal weggehen."

Pseudo-Bauhaus-Stil


Modern ist jetzt das, was Staniczek als "Pseudo-Bauhaus-Stil" bezeichnet. Würfel- oder quaderförmige Bauten mit schmalen, unproportionierten Fenstern. In den dazugehörigen Gärten hat der Vohenstraußer "moderne Ruinenbauten" ausgemacht. "Soll das an zerstörte Denkmäler erinnern? Ist es Burgenromantik oder Nostalgie?" Sind die Zäune aus Granit, kommt der Stein meist aus China oder Indien. "Nicht einmal das passt mehr zur Oberpfalz." Dabei hat er nichts gegen moderne Architektur, sie muss halt in die Landschaft passen.

Die Gründe für den heutigen Häuser-Mix sind vielfältig. Unter anderem macht Staniczek Zeitschriften dafür verantwortlich, die den Leuten vormachen, was in ist. "Lifestyle-Magazine treiben jedes Jahr eine neue Sau durchs Dorf." Außerdem fehlt es zunehmend an der Geschmacksbildung, was vielleicht auch daran liegt, dass Schulen nicht mehr so viel Wert auf Kunsterziehung legen, vermutet der pensionierte Pädagoge.

Dabei ist "ein Haus immer eine Visitenkarte, es sagt viel über den Charakter der Besitzer aus". Letztendlich ist auch die Staatsregierung schuld, "die Regularien dermaßen aufgeweicht hat, dass jeder bauen kann, wie er will". Davor haben mittlerweile die Kommunalverwaltungen und auch der Kreisbaumeister kapituliert, meint Staniczek. Positive Beispiele hat er aber auch: "Christian Höllerer hat in Michldorf einen alten Bauernhof sehr gut hergerichtet. So etwas findet man bei uns selten." Oder Projekte wie das Centrum Bavaria Bohemia in Schönsee der Architekten Brückner & Brückner aus Tirschenreuth.

Veronika und Norbert Lorenz errichten in Oberlind im Baugebiet Messerpaint ein Toskana-Haus. Die Kreisbaubehörde war zunächst der Ansicht, dass der Stil nicht in diese ländliche Umgebung passt. Das war auch Thema in der Jahreshauptversammlung des dortigen CSU-Ortsverbands. "Ich verstehe diese Meinung einfach nicht", sagte Bürgermeister Andreas Wutzlhofer damals.

Rein praktische Gründe


Nun ist die Genehmigung nach ein paar Änderungen da, freut sich das Ehepaar. Dabei hatte Kreisbaumeister Werner Kraus nicht einmal unrecht, sagt Norbert Lorenz. Laut der entsprechenden Satzung der Stadt muss sich ein Haus der angrenzenden Bebauung anpassen. Die beiden haben sich aus rein praktischen Gründen für diese Gebäude-Art entschieden, nicht weil ihnen dieser Stil besonders gefällt: zwei Vollgeschosse, kein Dachstuhl, mehr Fläche und damit auch mehr Platz. "Wenn wir die Satzung gekannt hätten, hätten wir es uns aber vielleicht überlegt", meint Veronika Lorenz.

Gemeinden, Bauherren und Planer in der VerantwortungLandschaftsbezogenes Bauen, was ist das überhaupt? "In unserem Bereich gibt es keinen vorherrschenden Stil", sagt Kreisbaumeister Werner Kraus. "In der Oberpfalz waren schon immer steile Dächer, die landläufig als oberpfälzisch bezeichnet werden, Egerländer Stil mit Fachwerk im Dachgeschoss bis hin zu fränkischen Einflüssen zu finden." Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts sind Forsthäuser oder Villen auch schon zweistöckig gebaut worden, nur mit steileren Walmdächern. ",Toskana' ist eher ein Begriff, der erfunden worden ist."

Die deutlichsten Veränderungen gab es in den 1960er und 1970er Jahren mit sehr hoher Bautätigkeit in den Wohngebieten, um den Bedarf an Wohnraum zu decken. "Da hat man sich schon vom traditionellen Baustil entfernt." Ende der 1990er Jahre bis 2009 wurde die Bauordnung dann stark geändert. "Möglichst einfache und breitgefächerte Bebauungspläne haben sehr viele Stile zugelassen", informiert der Experte. Durch die Vereinfachungen wurde nicht nur Personal in den Bauämtern gespart. Mit weniger Vorschriften haben die Verantwortlichen auch eine größere Vielfalt in Kauf genommen. Die Frage "Wie sieht unsere Landschaft denn aus?" blieb dabei jedoch auf der Strecke.

"Der rechtliche Rahmen ist da. Aber was zulässig ist, muss nicht unbedingt richtig sein an dem Ort, wo man baut", betont Kraus. Von einer Kapitulation der Behörden oder Verwaltungen, wie sie Kreisheimatpfleger Peter Staniczek vermutet, will er daher nicht sprechen. Die Planungshoheit liegt bei den Kommunen. "Das heißt: Was im Plan zum Beispiel im Hinblick auf die Landschaft festgesetzt wird, ist ausdrücklich der Wunsch der Gemeinden." Wegen der gesetzlichen Vorgaben sind die Einflussmöglichkeiten zwar sehr gering geworden. Kraus stellt aber die Verantwortung der Bauherren und Planer deutlich heraus. Denn die äußere Gestalt beeinflusst und prägt die Umgebung. Daher sollte "versucht werden, sich mehr ins Orts- und Siedlungsbild einzuordnen". Im Vordergrund stehen jedoch individuelle Gestaltungswünsche, erklärt der Kreisbaumeister.

Allerdings können auch die Gemeinden das ihre tun, "um die Auswüchse in den Griff zu bekommen", statt die Entscheidung der Behörde zu überlassen. "Aber natürlich ist es bequemer, das unangenehme Nein-Sagen ans Landratsamt weiterzureichen. Und Satzungen, die mit Bau zu tun haben, werden oft sehr großzügig gehandhabt." Daher setzt Kraus auf eine verstärke Zusammenarbeit mit allen Beteiligten schon im Vorfeld. "Wir beraten auch gerne."

Darüber hinaus ist es einfacher, Bedürfnisse in Neubaugebieten zu realisieren statt in Ortskernen mit Leerständen. "Aber genau dafür gibt es ja Fördergelder", versichert Kraus. "Bauherren sollten sich Gedanken machen, ob sich ihre Wünsche auch in einem alten Haus umsetzen lassen." Das ist dann zwar planerisch und finanziell aufwendiger, was aber durch Zuschüsse gedeckt werden könnte.

Außerdem wirkt es dem Flächenverbrauch entgegen. Bayernweit nahm der Anteil der Siedlungs- und Verkehrsfläche an der Gesamtfläche von 8 Prozent (1981) auf 11,8 im Jahr 2014 zu. In der Oberpfalz stieg die Zahl von 6,9 auf 10,3 Prozent, im Landkreis Neustadt von 5,4 auf 8 Prozent. (tss)


In der Toskana gibt es solche Häuser gar nicht. Sie sind ein Versuch, das Lebensgefühl aus dem Urlaub in die Oberpfalz zu verpflanzen. Ich glaube aber nicht, dass das funktioniert.Kreisheimatpfleger Peter Staniczek
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