Dr. Volker Wappmann Festredner beim 140-jährigen Gründungsjubiläum des Soldatenvereins Vohenstrauß
Erinnerungen an schlimme Zeiten

Dr. Volker Wappmann. Bild: dob
Vermischtes
Vohenstrauß
10.10.2016
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Als Kind war es Dr. Volker Wappmann immer eine große Freude, alten Menschen zuzuhören. Draußen auf dem Bankl im Hof, saß er mit seinem Großonkel beieinander und lauschte seinen Erzählungen. Dies muss wohl einer der Gründe sein, warum der Vohenstraußer zu einem exzellenten Redner ohne komplizierte Sprache wurde und es versteht, Geschichtliches talentiert kurzweilig aufzubereiten. Absolut hörenswert war seine Festrede beim Kommersabend anlässlich der Gründungsfeier des Soldatenvereins im Gasthof "Zur Post".

Viele Geschichten


Am liebsten erzählte ihm der Großonkel aus dem alten Russland. Nicht weil er im Zweiten Weltkrieg in Russland gekämpft hatte sondern weil er sich viele Geschichten von anderen einfach merkte. Auf diese Weise reichten die Erzählungen zurück bis in den Russlandfeldzug Napoleons 1812 und 1813. 33 000 Bayern waren damals mit Napoleon nach Russland gezogen. 3000 kamen wieder zurück. Dazwischen Tobolsk, das "Bayerngrab", dann die Schlacht von Borodino, das brennende Moskau, der Übergang über die Beresina - und 30 000 tote Bayern.

Der spätere König Ludwig I. war der Meinung, derlei böse Erfahrungen dürfe man nicht vergessen. Sie sollten dem bayerischen Volk in Erinnerung bleiben. Nie mehr sollte es einen Marsch von Bayern nach Russland geben. Und so befahl der König, dass jede politische Gemeinde ein Kriegerdenkmal errichten sollte - selbstverständlich auf eigene Kosten. Des Königs Wunsch und Wille kamen 1840 auch nach Vohenstrauß.

Erinnerung an Russland. Der Vohenstraußer Magistrat und das Kollegium der Gemeindebevollmächtigten waren anderer Meinung. Nicht erinnern sondern vergessen. Das Leben war schwer genug. Warum sich belasten mit den alten Geschichten? Außerdem war der Markt Vohenstrauß 1839 abgebrannt. Man diskutierte: Sollte eine neue Kirche, eine neue Schule oder ein Rathaus gebaut werden? Alles andere war Luxus, beschrieb Dr. Wappmann prägnant die damalige Situation. 1866 der nächste Krieg.

Zugegeben, die Bedingungen waren diesmal angenehmer. Nicht Moskau war das Ziel sondern Seybodenreuth, ein Dörflein vor Bayreuth. Es waren auch nicht die Russen sondern die Preußen, die es zu bekämpfen galt. Auf dem Weidener Bahnhof standen die Züge, gefüllt mit Rekruten, die an die Front gefahren wurden. Hier galt es den deutschen Bruder zu bekämpfen. Nach der Schlacht zählte man die Soldaten. Die Weidener Eisenbahner hatten es gut gemeint: Die Lokomotive fuhr derartig viele Soldaten an die Front, so dass es nach der Schlacht mehr lebende Bayern als vorher gab - geschweige denn irgendwelche toten Vohenstraußer.

Beträchtliche Verluste


Kunst des Feldherrn oder einfach nur Glück?, stellte Wappmann in den Raum. Nicht mehr so lustig war es 1870/71 gegen die Franzosen. Verschiedenste Waffengattungen trafen auf dem Schlachtfeld zusammen. Die Franzosen hatten die bessere Bewaffnung: Während die Bayern und die nun verbündeten Preußen zu Pferd gegen den Franzosen anritten, brachten die Franzosen Maschinengewehre in Stellung. Die deutschen Verluste waren dementsprechend beträchtlich, und von acht Vohenstraußern blieben zwei auf dem Felde. Trotzdem: Der Krieg wurde gewonnen.

Der Vohenstraußer Magistrat errichtete vor dem Winkler-Anwesen eine Friedenseiche (die heute noch steht) und aus dem Kirchturm flatterte die Fahne; "Sedan - welch ein Sieg durch Gottes Führung." König Ludwig, es war dieses Mal der zweite seines Namens, bekannt durch nächtliche Schlitten- und Bootsfahrten auf einem Schwan, ordnete die Gründung von Kriegervereinen an. Kriegervereine waren billiger als Kriegerdenkmäler und so gründete 1876 der Vohenstraußer Bezirksamtmann Freiherr von Tucher im Rathaus einen Kriegerverein.

Drei Aufgaben sollte der neue Verein haben: Erinnerung an die Vergangenheit, Auseinandersetzung mit der Gesellschaft und Verständigung der Völker. Aufgaben die gar nicht so weit von den jetzigen Aufgaben eines Krieger- und Soldatenvereins entfernt waren, merkte Dr. Wappmann an. 1896 errichtete der Magistrat des Marktes Vohenstrauß ein Kriegerdenkmal. Es sollte an den Krieg gegen die Franzosen 1870/71 erinnern.

Ein weiterer Krieg ging ins Land. Der spätere Erste Weltkrieg forderte viel an Menschenleben - kein Vergleich zum Franzosenkrieg. Die wirtschaftliche Not verhinderte die Errichtung eines zweiten Kriegerdenkmals. Erst mit der Machtergreifung Adolf Hitlers gab es Geld für neue Kriegerdenkmäler. Großes Vorbild war die Münchner Feldherrnhalle, die von Ludwig I. errichtet wurde. Jetzt aber nisteten sich die Nazis in der Feldherrnhalle ein. Große Erinnerungsbühne für Hitlers blutigen Marsch zur Feldherrnhalle. Trommelwirbel, Stechschritt, Choral, Flammen, der Ruf an die Opfer des Hitlerputschs.

Spuk zu Ende


Auch Vohenstrauß bekommt jetzt seine "Feldherrnhalle". Der Redner will sagen: Sein neues Kriegerdenkmal. Es ist 1935. Auf der Granitwalze oberhalb des Marktplatzes stehen die Namen der Gefallenen aus dem Ersten Weltkrieg. Die SA marschiert auf, der Kreisleiter ist da, Bürgermeister Hans Fuchs. Musik, Flammen, Trommelwirbel. Der Kriegerverein dient als Begleitung. Düsterer Totenkult. Erinnerung weniger an die Gefallenen des ersten Weltkriegs sondern mehr an die Opfer des Hitlerputschs. 1945 ist das alles weg. Der Spuk zu Ende.

Die Namen der Gefallenen werden aus dem Stein getilgt. Eine Grünanlage entsteht. "Machen wir mit der moralischen Auseinandersetzung weiter". Sie wird wichtig, gerade in den Zeiten nach 1945. Es geht weniger um finanzielle Zuschüsse für Verletzte und Hinterbliebene. Auch diese Verletzungen tun weh, mehr aber die moralischen Verletzungen des Zweiten Weltkriegs. 1914 bis 1918 hatte man einen "ordentlichen" Krieg geführt, wenn man davon überhaupt sprechen könne, sagte Dr. Wappmann. "Aber man hatte sich an die Regeln gehalten. Man hatte ehrenvoll gekämpft und gestorben."

Nun aber in der Zeit nach 1945 wurden Dinge bekannt, die nichts mit Ehre zu tun hatten. Da war die unrühmliche Räumung des Flossenbürger Konzentrationslagers. Häftlinge wurden im Zottbachtal am Straßenrand erschlagen. Da waren Erschießungen von Unbewaffneten bei Oberlind. Man wusste nicht: "Wer war Freund? Wer war Feind? Da war aber auch die Rache der Amerikaner. Jede deutsche Familie aus dem Altlandkreis hatte einen Vertreter mit einem Blumenstrauß nach Pleystein zu schicken. Hier hatte Stadtpfarrer Josef Wittmann am 2. September 1945 auf dem Stadtplatz die 140 Leichen der ermordeten Häftlinge zu bestatten. Jeder sollte offen Deutschlands Schande sehen.

Der Pleysteiner Stadtrat war Anfang der 70er Jahre froh, die letzten Denkmäler auf dem Stadtplatzfriedhof räumen zu können. Fragen taten sich bei manchem Landser auf: Für was habe ich gekämpft? Nur für ein verbrecherisches System? Oder hatte mein Kampf ein höheres Ziel? Dr. Wappmann kam zur dritten Aufgabe: Völkerverständigung. Hier hat sich nach dem Krieg die Kriegsgräberfürsorge entwickelt. Deutsche Soldaten wurden auf fremden Boden ordentlich bestattet.

Pflege der Erinnerung


Keine "Entsorgung" so wie sie nach dem Krieg auch im Altlandkreis Vohenstrauß stattgefunden hatte. Nein, Freund und Feind lagen nun friedlich nebeneinander und mahnten zum Frieden. Seit Jahrzehnten sammelt auch der Vohenstraußer Krieger- und Soldatenverein für den Frieden. Deshalb sieht Dr. Wappmann für einen Kriegerverein auch heute noch drei Aufgaben: Die Pflege der Erinnerung, die moralische Unterstützung der Hinterbliebenen und die Verständigung zwischen den Völkern. "Wenn ein Soldatenverein diese Aufgaben erfüllt, ist es gut, dass es ihn gibt!" Der Redner wurde mit zustimmendem Applaus der Zuhörer bedacht.
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