Ehrenamtliche bringen Asylbewerbern in Vohenstrauß Deutsch bei
Sprechen, sprechen, sprechen

"Die Hand ist über dem Kopf." Mit Zeichensprache und Bildern versucht die ehemalige Grundschulrektorin Waltraud Waag-Schmidt ihren Schützlingen zweimal die Woche in einem Raum in der Grundschule die deutsche Sprache näherzubringen. Für diese Aufgabe werden weitere Mitstreiter gesucht. Bild: ck
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Vohenstrauß
11.03.2016
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Viele Tausend Flüchtlinge sollten möglichst zügig Deutsch lernen. Ohne Sprachkenntnisse wird es schwierig mit der Integration. Dabei sind die Asylbewerber jedoch in vielen Städten und Gemeinden auf den guten Willen und die Hilfsbereitschaft von Freiwilligen angewiesen.

Waldtraud Waag-Schmidt ist eine von insgesamt acht ehrenamtlichen Helfern in der Großgemeinde Vohenstrauß, die sich zweimal pro Woche für ein paar Stunden mit etwa 18 Flüchtlingen aus Äthiopien, Eritrea, Irak, Iran, Syrien, Kasachstan und der Ukraine treffen und ihnen Grundbegriffe der deutschen Sprache und etwas Landeskunde beibringen.

Die pensionierte Grundschulrektorin ist seit Jahren tief in die Materie eingearbeitet und hat sogar ein Zertifikat, das sie dazu berechtigt, Ausländer in Deutsch zu unterrichten. "Aber darauf kommt es ja gar nicht an", erklärt die engagierte Seniorin, die auf der Suche nach weiteren Mitstreitern ist. Wichtig sei bei der Arbeit mit den Neuankömmlingen vor allem Begeisterung für die Sache, Hilfsbereitschaft und die Fähigkeit, auf Menschen zuzugehen. "Wir brauchen dringend Leute, die uns unterstützen. Das müssen nicht unbedingt Lehrer sein." Schließlich arbeite man meistens im Zweier-Team.

Die Neuen könnten sich als "zweite Kraft" im Tandem unterstützend einbringen, sich während des Kurses um einzelne Teilnehmer kümmern und so dazu beitragen, dass alle in der Gruppe etwas dazulernen. Waag-Schmidt: "Es kommen ja immer wieder neue Asylbewerber dazu, mit denen man von Null anfangen muss."

Schwierige Grammatik


Zu den Schülern zählen hauptsächlich Äthiopier, in deren Land über 80 Sprachen gesprochen werden. Waag-Schmidt hat sich nun für den Notfall mit einem Wörterbuch in Oromo ausgestattet. Mit praktischen Übungen und Zeichnungen macht die Lehrerin die schwierige Grammatik leichter verständlich. "Mohammed sitzt auf dem Stuhl", "Die Hand ist über dem Kopf", "Das Bild ist an der Wand." Die vier Fälle bringen so manchen Einheimischen ins Schwitzen. Wie mag es dann Äthiopiern vorkommen, wenn aus "die Wand" plötzlich "der Wand" wird? Waag-Schmidt kennt keinen Pardon und wiederholt die Sätze solange bis ihre Schüler im Chor richtig antworten.

An Motivation würde es den meisten ihrer Schützlinge nicht mangeln. Sie kommen jeden Dienstag und Donnerstagvormittag in die Grundschule, um neue Wörter einzuüben und beispielsweise etwas über den Internationalen Frauentag zu lernen.

Die ehemalige Lehrerin weiß, worauf es ankommt: "Sprechen, sprechen, sprechen." Bei den Asylbewerbern, die sich auch außerhalb des Kurses auf Deutsch verständigen müssen, merke man deutliche Fortschritte. Bei den anderen gehe es nur mühsam vorwärts. Immer wieder versuche der Arbeitskreis, den jungen Leuten Praktikumsplätze zu vermitteln. "Aber das ist so schwer. Es müssen so viele Hürden überwunden werden", stöhnt Waag-Schmidt.

Staat in der Pflicht


Die freiwilligen Sprachlehrer, die auch im Waldauer Pfarrheim unterrichten, sehen sich als "Vorhut" für weitere Maßnahmen, die dann zum Beispiel über die Volkshochschule laufen. Allerdings, so Waag-Schmidt, könnte von staatlicher Seite langsam mehr Bewegung in die Sache kommen: "Wenn wir Ehrenamtlichen das nicht übernehmen würden, würde rein gar nichts passieren." Und das seit mittlerweile eineinhalb Jahren.

VoraussetzungenGrundschulkonrektorin Dorit Schmid koordiniert die Sprachkurse des Arbeitskreises Asyl. Sie betont, dass keine pädagogische Ausbildung nötig ist, um Sprachunterricht geben zu können: "Alle Sprachlehrer treffen sich regelmäßig zum Erfahrungsaustausch, zum Austausch von Materialien und zur Absprache. Neueinsteiger werden als Tandem langsam an die Aufgaben herangeführt und von unseren alten Hasen unterstützt und begleitet."

Was man für die Aufgabe mitbringen sollte: "Zeit, um vormittags in regelmäßigen Abständen unterrichten zu können. Zwei Mal pro Woche, aber nicht in jeder Woche, sondern nur in Abständen; bei Verhinderung helfen sich die Sprachlehrer gegenseitig aus. Freude am Vermitteln, um Erwachsenen in die Landeskultur und Sprache einzuführen. Offenheit und Aufgeschlossenheit anderen Kulturkreisen gegenüber. Verständnis für eine anfänglich andere Auffassung der Kursteilnehmer von Pünktlichkeit und Pflichtbewusstsein. Neugierde und Freude an neuen Erfahrungen. Geduld und Humor, wenn's mal anders läuft als geplant."

Interessenten melden sich bitte bei Dorit Schmid, Telefon 09651/3897. (ck)


VHS-KursWie die Leiterin der Volkshochschule in Vohenstrauß, Erika Grötsch, mitteilt, beginnt nun am Montag, 14. März, nach langer Zeit nun ein zweiter Sprachkurs in Vohenstrauß. Der erste war von der Bundesagentur für Arbeit gefördert worden. Den konnte die VHS also alleine veranstalten. Grötsch: "Da der neue Kurs vom StAMAS (Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration) gefördert wird, arbeiten wir mit der VHS Weiden zusammen. Ich habe 20 Teilnehmer für diesen Kurs. Auf der Warteliste wären noch etliche Interessen, aber wir haben nur Platz für 20 Personen."

Vorkenntnisse sind dabei nicht erforderlich. Die Teilnehmer kommen überwiegend aus Vohenstrauß, einer aus Pleystein, zwei aus Waldthurn. Die Hälfte der Kursteilnehmer stammt aus Syrien, der Rest aus dem Iran und dem Irak. Es handelt sich dabei um Flüchtlinge mit Aufenthaltsgestattung oder Duldung, nicht mit Aufenthaltserlaubnis. Der Kurs geht wieder über 30 Unterrichtseinheiten. Unterricht ist täglich von 9 bis 13 Uhr. (ck)


"Ihr schafft das schon"
Angemerkt von Christine Walbert

Die Mächtigen Europas sind immer noch damit beschäftigt, auszukarten, wer wie viele Flüchtlinge zu welchen Konditionen eventuell aufnehmen würde. Es sollte aber auch für diejenigen einen Plan geben, die schon vor etlichen Monaten in Deutschland angekommen sind. Aber: Die Bürokratie in unserem Land ist keine Spezialeinheit. "Schnell" und "flexibel" tauchen in deren Wortschatz eher weniger auf. Solange die Antragsteller auf ihr Bleiberecht warten, sind sie nicht gefordert, Deutsch zu lernen.

Der Staat schiebt das Thema Sprachkurse gerne einige Stufen nach unten weiter. Aus "Wir schaffen das" wird dann ganz schnell "Ihr schafft das schon." Am Ende sind es nämlich die Landkreise und Gemeinden, die wieder einmal darauf hoffen müssen, dass einige Helden des Alltags das Heft in die Hand nehmen.

Auch in Vohenstrauß gibt es diese Leute. Die Freiwilligen versuchen, den Neuankömmlingen neben dem Abc auch unser Land mit seiner Kultur und seinen Regeln auszudeutschen. Es sind nicht nur pensionierte Lehrer, die sich von dieser keineswegs leichten Aufgabe angesprochen fühlen. Genauso wichtig sind die Ehrenamtlichen, die Asylbewerber im Alltag betreuen. Die Gruppe, die von zweitem Bürgermeister Uli Münchmeier angeführt wird, ist im Arbeitskreis Asyl vereint. Der Begriff ist gut gewählt. Wer die Arbeit nicht scheut, ist im Kreis willkommen.
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