Elternpraktikum an Vohenstraußer Schule
Säugling abzugeben

Babysimulatoren haben den Schülern schlaflose Nächte bereitet: Sie weinen, schreien und haben Hunger wie echte Säuglinge.
Vermischtes
Vohenstrauß
08.04.2016
353
0

Zwei Uhr morgens, das Baby schreit und schreit. Wickeln, füttern, in den Armen wiegen - nichts hilft. Die Eltern sind entnervt. Sie fiebern den Tag entgegen, wenn sie den Quälgeist endlich abgeben können.

In einem Elternpraktikum der Caritas erlebten Schüler der Pfalzgraf-Friedrich-Mittelschule, wie es frischgebackenen Eltern geht. Für ein Wochenende bekamen sieben "Paare" einen Babysimulator anvertraut. "Die Bedürfnisse des Säuglings entsprechen aber denen eines echten Kindes", betont Susanne Schuster, Sozialpädagogin der Caritas Weiden.

Für die 13- bis 15-Jährigen waren es zwei harte Tage. "Vor allem die Nächte, da hat die Puppe die ganze Zeit geschrien", erzählen die Schüler. Konkret heißt das, sieben- bis achtmal aus dem Schlaf gerissen zu werden und zu rätseln, was dem Säugling fehlt. "Man weiß ja nicht, ob er Hunger hat, die Windeln voll sind oder er einfach rumgetragen werden wollte", ergänzt Pflegemutter Carina. Doch genau das ist ein Ziel dieses Projektes: Einschätzen zu lernen, welche Bedürfnisse Neugeborene haben. "Frischgebackene Eltern müssen ja auch erst in die neue Rolle reinwachsen", weiß Nadine Gehlert, Jugendsozialarbeiterin an der Mittelschule. Zwar seien die Schüler noch recht jung, trotzdem sollen sie lernen, Verantwortung zu übernehmen. "Und dazu gehört auch, die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen."

Auch wenn es nur eine Attrappe war, konnten die Jugendlichen das Kind nicht einfach ignorieren. Sie bekamen eine Identifizierungsnummer um das Handgelenk, die es nur ihnen erlaubt, die Puppe zu versorgen. Da hieß es, rund um die Uhr für "Kevin", "Tina" oder "Mika" da zu sein. "Wenn ich mich mit Freunden getroffen habe, musste ich das Kind halt in einer Tragetasche mitnehmen", schildert Svenja.

Durch Technik


Der Simulator ist nicht mit einem echten Kind zu vergleichen. "Man weiß ja, dass es nur eine Puppe ist. Und für die hat man keine Gefühle", sind sich die Achtklässler einig. Was auf Eltern zukommt, können sie sich nun trotzdem vorstellen. Die Attrappe lässt sich so programmieren, dass sie einfach weint, schreit oder unruhig wird. Wird sie falsch gehalten oder getragen, reagiert die Puppe.Normalerweise bietet die Caritas das Praktikum für ältere Schüler an. "17- bis 18-Jährige verhalten sich dabei natürlich ganz anders", hat Schuster bemerkt. Sie würden die Puppen wie richtige Menschen behandeln und gehen in der Elternrolle voll auf. "Manchmal ist es schon heftig, wie sehr sie sich damit identifizieren", gibt die Sozialpädagogin zu. Die Mittelschüler dagegen sind froh, dass das Projekt vorbei ist. "Ich würde es aber auf jeden Fall weiterempfehlen", betont Jonas (13). Zwar sei es mit Kind anstrengend und nervig gewesen, aber im wirklichen Leben sei es auch nicht anders. "Dann weiß man wenigstens, wie es ist."

An Erfahrung reicher


Wie es Müttern und Vätern mit Neugeborenen geht, wissen jetzt auch Carina Würfl, Miriam Prößl, Franziska Reil, Kristin Stangl, Kristina Schmid, Melanie Asmus, Vanessa Kleber, Silina Meindl, Lea Hayo, Svenja Gieler, Lea Steger, Julia Beck Jonas Völkl und Christian Winter. Das Elternpraktikum soll niemand abschrecken, Kinder zu bekommen. "Aber es soll anregen, diese Entscheidung gut zu überdenken", erläutert Gehlert.

Darüber wollen sich die Achtklässler den Kopf vorerst nicht zerbrechen. Sie waren froh, die Babys wieder abgeben zu können. Um die kümmert sich nun jemand anderes.

ElternpraktikumWie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in "Häufig gestellte Fragen zu minderjährigen Schwangeren" erläutert, sind exakte Zahlen der Teenagerschwangerschaften in Deutschland nicht zu ermitteln. Sie ergeben sich überwiegend aus den Daten von Schwangerschaftsabbrüchen und Geburten.

So sind die Geburten von 2000 bis 2011 von 7126 auf 4219 gesunken. Im gleichen Zeitraum gingen auch die Schwangerschaftsabbrüche bei den unter 18-Jährigen von 6337 auf 4026 zurück. Im Jahr 2012 betrugen sie 3835.

Trotzdem wünschen sich viele Jugendliche ein Kind. Sei es, weil sie sich nach einer eigenen Familie sehnen oder die Lehrstellen- und Arbeitsmarktsituation als schlecht einstufen. "Einige ältere Schüler sagen konkret, dass sie ein Kind bekommen wollen", hat Sozialarbeiterin Nadine Gehlert bemerkt.

Das Elternpraktikum der Caritas soll den Jugendlichen zeigen, was mit einem Kind auf sie zukommt. "Das soll sie nicht abschrecken, sondern ihnen eine Vorstellung vom Alltag als Eltern geben", erklärt Susanne Schuster, Sozialpädagogin der Caritas Weiden. In die Rolle von Mutter und Vater schlüpften schon Schüler der Berufsschule Weiden, der Kemnather Realschule oder des St.-Michaels-Werkes Grafenwöhr. Auch Wohngruppen wie "Haus des guten Hirten" in Schwandorf oder "Isabelle" in Weiden haben die Babysimulatoren der Caritas genutzt. (esm)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.