Interview mit Pfarrer Peter Peischl zum Luther-Jahr
„Wegbereiter der Moderne“

Der evangelische Pfarrer Peter Peischl hat passend zum Interview über Martin Luther dessen Bibelübersetzung (vorne) aus dem Jahr 1702 aus dem Regal geholt - ein imposantes Werk. Bild: tss
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Vohenstrauß
18.11.2016
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Über manche Dinge möchte Peter Peischl mit Martin Luther am liebsten streiten. Das wäre mit Sicherheit ein interessantes Gespräch, denn der evangelische Pfarrer von Vohenstrauß redet auch gerne Klartext.

Passend zum NT-Interview über das Reformations-Jubiläum hat Peischl einen besonderen Schatz aus dem Bücherregal genommen: eine Luther-Bibel von 1702. Das imposante, dicke Werk fasst der Pfarrer nur mit Handschuhen an. Dagegen sieht die aktuelle Ausgabe ziemlich mickrig aus.

Was bedeutet Martin Luther für Sie?

Peischl: Ich glaube nicht, dass wir in der abendländischen Geschichte jemals eine Einzelperson mit einer solchen Bedeutung hatten. Er ist einer der Wegbereiter der Moderne.

Welche Werte hat er uns hinterlassen und was sind sie heute noch wert?

Peischl: Werte ist vielleicht das falsche Wort, Erkenntnis wäre besser. Er hat die Bibel mit anderen Augen gelesen und der Tradition eine andere Rolle zugeordnet. Letztendlich hat er deutlich gemacht: Erst kommt Gottes Liebe, der Himmel ist ein Geschenk. Das können wir uns nicht verdienen, wir können es aber verlieren. Entscheidend ist der Glaube. Allein durch Gnade, allein durch Christus und allein durch die Schrift: Dies mündet in der Erkenntnis der "Rechtfertigung des Sünders durch die Gnade". Das ist heute so schwer verständlich, wir sehen uns nicht mehr als Sünder. Die Gesellschaft ist nicht mehr hierarchisch strukturiert wie zu Luthers Zeit.

Bräuchte unsere Gesellschaft manchmal wieder einen Martin Luther?

Peischl: Über manches, was er gesagt hat, möchte ich mit ihm streiten. Aber: Warum braucht es einen Luther? Jeder kann doch bei sich selber anfangen!

"Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott. Allein durch Glauben kann man selig werden." Sind diese Kernaussagen Luthers heute überhaupt noch gültig?

Peischl: Die Frage ist nicht, ob sie gültig sind oder nicht, sondern ob ich sie für mich anerkenne. Wenn man sich damit beschäftigt, sieht man: Da ist was Lebenswichtiges drin.

Wie würden Sie den modernen Menschen die Rechtfertigungslehre erklären?

Peischl: Das kommt darauf an, wen ich vor mir habe. Dem Gleichgültigen ist es egal. Der Satz "Du bist geliebt" ist nach wie vor der Schlüsselsatz. Wohin geht es am Ende des Lebens? Es ist gut zu wissen, da ist noch einer, der will mein Freund sein. Das spielt in unserer Gesellschaft keine so große Rolle mehr, aber darauf läuft's hinaus. Was heißt es, geliebt zu sein? Aus der Pädagogik wissen wir, was es heißt, nicht geliebt zu sein. Mit demjenigen, den man anblafft, könnte man am Ende am Tisch Gottes sitzen. Was zählt, ist nicht diese gesellschaftliche Neigung zur Verurteilung ("Einmal ein Lump, immer ein Lump"), sondern, dass man aus seinem Leben auch etwas machen kann und soll. Und dass man, wenn es schiefgeht, bei Gott eben nicht abgestempelt ist.

Was meinen Sie: Wie würde sich Luther heute äußern?

Peischl: Die Antwort auf diese Frage ist schwierig, weil sie hypothetisch ausfällt. Aber die Gottvergessenheit, der Materialismus und so eine krisenfeste Doppelmoral würden ihm vielleicht sauer aufstoßen. Ich brauche nicht immer Eindeutigkeit, heute ist jedoch zu viel zweideutig.

Obwohl viele heutzutage Schwierigkeiten mit Luther haben, was können wir immer noch von ihm lernen?

Peischl: Das hängt auch wieder vom Einzelnen ab: ich nehme von Luther, was man nicht macht, oder ich nehme von ihm, wie man es macht. Er hat unsere Sprache geprägt oder auch die Musik.

Luther sagte, die Musik sei die größte der Künste. Wie sehen Sie das?

Peischl: Musik ist letztendlich eine Ausdrucksform. Auch junge Leute singen ihre Lieder. Der Rest ist eine Geschmacksfrage.

Was halten Sie von der Übersetzung der wortgewaltigen Luther-Bibel in eine moderne Sprache?

Peischl: Das ist eine gute Frage. Wortgewaltig war die Übersetzung, an manchen Stellen ist sie aber heute unverständlich. Wenn ich von der Idee, "dem Volk aufs Maul zu schauen" ausgehe, dann lande ich vielleicht bei der "Volxbibel". Und was nützt die schönste Bibelübersetzung, wenn keiner reinschaut?

Obwohl er es nicht wollte, hat Luther die Kirche gespalten. Was müssen Katholiken und Protestanten tun, um sie wieder zu einen, was müssen sie also für die Ökumene tun?

Peischl: Hat er sie gespalten? Nein! Primär ging es ihm um Erneuerung, nicht um Spaltung. Damals hat es ja gebrodelt, die 95 Thesen waren der Versuch einer akademischen Diskussion. Aber da ist mit Sicherheit auch ganz viel schiefgegangen. Eine geistesgeschichtliche Weltordnung ist umgekrempelt worden. Erst im 19., 20. Jahrhundert ist die katholische Kirche dort angekommen, wo Luther sie haben wollte. In der Ökumene hilft das "Schau' auf Christus", nicht der Streit ums Rechthaben. Der Knackpunkt heute ist das Kirchenverständnis: Ist sie bestimmt vom Priestertum aller Gläubigen oder vom hierarchischen Modell Gott - Christus - Papst. . .?

Wie lutherisch ist die evangelische Kirche heute (noch)?

Peischl: Wir haben es im Namen: Evangelisch-lutherische Kirche Bayerns. Wenn die lutherische Kirche die Bedeutung des Evangeliums nicht verstanden hätte, dann würde etwas falsch laufen.

Wie politisch war Luther und wie politisch sollte die evangelische Kirche heute sein?

Peischl: Luther hat die Zwei-Reiche-Lehre ausgerufen: das weltliche Reich regiert mit dem Schwert und das geistliche Reich mit dem Wort. Die Trennung von Kirche und Staat wurde damit schon ein Stück möglich.

Es kommt natürlich darauf an, was man unter Politik versteht, Parteipolitik mit Sicherheit nicht. Die Frage ist auch: Wie unpolitisch ist das Evangelium. Gar nicht. Es ist eine politische Frage, was Armut und Ungerechtigkeit erzeugt. Darauf gilt es, Antworten zu finden. Kirche ist für mich Kirche für die Welt.

Markus Söder hat den Kirchen ja quasi einen Maulkorb verpasst, sich nicht in die Politik einzumischen. Würde sich Luther das gefallen lassen und muss sich die Kirche nicht auch einmischen?

Peischl: Ich glaube nicht, dass Luther sich das gefallen lassen würde. Man kann ja sagen: Liebe Politik, mach dir mal Gedanken über einen gewissen Sachverhalt. Von wie viel Lobbyarbeit ist denn die Politik heute abhängig? Es gibt Werte, auf die hinzuweisen manchmal sehr wichtig wäre. Ich weiß nicht, wo Söder den Maulkorb hinhängen will.

Martin Luther hat sich, auch wenn es natürlich der Zeit geschuldet war, sehr fremden- und judenfeindlich geäußert. Jahrhunderte später haben die Nationalsozialisten dies für ihre Zwecke instrumentalisiert. Wie beurteilen Sie die "dunkle Seite" des Reformators?

Peischl: Aus heutiger Sicht ist das eigentlich so nicht tragbar. Aber: Wir waren damals nicht dabei. Wenn man unsere Maßstäbe darauf anwendet, dann müsste man sie auf viele andere Bereiche auch anwenden. Dann bricht unser Glorifizierungssystem, das wir heute oft haben, schnell zusammen.

Termine im Luther-JahrDie evangelische Gemeinde Vohenstrauß feiert das Reformationsjubiläum 2017 mit mehreren Veranstaltung. Folgende Termine stehen schon fest: Am 5. März nach dem Gottesdienst ist Eröffnung der Ausstellung "Reformation im Flosser Amt" mit Kaffee und Zoigl-Ausschank. Später kommt die Schau in die Sparkasse.

Am 15. März um 19.30 Uhr referiert der ehemalige Flosser Pfarrer Klaus Stolz im evangelischen Gemeindehaus zum Thema "Was Martin Luther den Protestanten heute zu sagen hätte". Am 5. Apri l um 19.30 Uhr beginnt der Vortrag von Dr. Markus Lommer "Was Martin Luther den Katholiken heute zu sagen hätte" im katholischen Pfarrheim. April oder Mai: Gemütlicher Abend "Luther erleben - Essen und Trinken wie zu Luthers Zeiten" mit Zoigl-Ausschank und Tischreden im evangelischen Gemeindehaus. Veranstalter: Evangelischer Frauenbund und Kirchenvorstand.

Am 21. Oktober um 19.30 Uhr beginnt das Konzert des Bezirksposaunenchors in der evangelischen Stadtkirche. Anschließend gibt es Lutherzoigl mit Tischreden im Gemeindehaus. Herbst: Der Kulturbeauftragte der EKD, Johann Hinrich Claussen, stellt sein Buch "Reformation - Die 95 wichtigsten Fragen", in der Bücherei Rupprecht vor. Der genaue Termin wird noch bekannt gegeben. (tss)

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Weitere Informationen:

www.dekanat-weiden-evangelisch.de


Die Gottvergessenheit, der Materialismus und so eine krisenfeste Doppelmoral würden ihm vielleicht sauer aufstoßen.Pfarrer Peter Peischl zur Frage, wie sich Luther heute äußern würde


Ich glaube nicht, dass wir in der abendländischen Geschichte jemals eine Einzelperson mit einer solchen Bedeutung hatten.Pfarrer Peter Peischl


Was nützt die schönste Bibelübersetzung, wenn keiner reinschaut?Pfarrer Peter Peischl zur Übersetzung der Bibel von Martin Luther im Vergleich zur neuen Version
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